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Gegen das Vergessen  

Demenzbegleitung in Deutschland

04.12.2017, 07:24 Uhr | Kristin Kruthaup, dpa

Demenzbegleitung in Deutschland. Eine Demenzbegleiterin wird von einer Dozentin ausgebildet. (Quelle: dpa/Friso Gentsch)

Eine Demenzbegleiterin wird von einer Dozentin ausgebildet. (Quelle: Friso Gentsch/dpa)

Für Angehörige ist Alzheimer manchmal anstrengender als für die Erkrankten selbst. Maria Elbers ist sogenannte Demenzbegleiterin und hilft betroffenen Familien auf diesem schwierigen Weg.

Die Ausbildung zur Demenzbegleiterin ist für Maria Elbers (65) eine letzte Ehrung ihres Vaters. Vor drei Jahren ist er mit 98 Jahren gestorben – er war schwer an Demenz erkrankt. "Ich habe im Nachhinein das Gefühl, dass ich ihm nicht gerecht geworden bin", sagt sie. Oft sei sie ungeduldig mit seiner Vergesslichkeit gewesen. Auch um die Erkrankung ihres Vaters im Nachhinein besser zu verstehen, macht die Rentnerin diesen Kurs. "Das, was ich meinem Vater nicht geben konnte, will ich in der Gegenwart anderen geben", erklärt sie.

Elbers ist eine von zwanzig Teilnehmern in der Ausbildung zur ehrenamtlichen Demenzbegleiterin bei den Maltesern in Münster. Die Ausbildung dauert 55 Unterrichtseinheiten und kostet zur Zeit 200 Euro. In dem Kurs lernen die Teilnehmer etwa die verschiedenen Demenzformen und typische Symptome kennen. Später sollen die sie als Ehrenamtliche zum Beispiel in einem Demenz-Café der Malteser helfen. Aber auch Angehörige können zum besseren Verständnis der Krankheit den Kurs machen. "Der Kurs war sofort voll", sagt Ruth Schräder von den Maltesern im Bistum Münster.

Ehrenamtliche Pfleger haben große Bedeutung

Nach Schätzungen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft sind 1,6 Millionen Menschen in Deutschland an Demenz erkrankt. "Wegen der höheren Lebenserwartung werden es immer mehr", sagt Sabine Jansen, Geschäftsführerin der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Es wird damit gerechnet, dass im Jahr 2050
3 Millionen Menschen in Deutschland an Demenz leiden werden.

"Die ehrenamtlichen Helfer haben in der Pflege eine große Bedeutung", sagt Jansen. Gerade im Anfangsstadium der Demenz seien sie für die Angehörigen oft ein gutes Angebot, um diese zumindest für kurze Zeit zu entlasten. Das betont auch Simon Eggert vom Zentrum für Qualität in der Pflege: Freiwillige spielten "mittlerweile oft eine wichtige Rolle." Wichtig sei allerdings, dass sie gut geschult werden und nicht als preiswerte Hilfskräfte in der Versorgung falsch verstanden würden. Wie viele ehrenamtliche Helfer es gibt, ist unklar.

"Man wird so aggressiv"

Für die Familien von an Demenz Erkrankten ist die Pflege eine Herausforderung: "Demenz bedeutet für die Angehörigen immer, wenn man die Pflege übernimmt, sein Leben umzukrempeln", sagt Schräder. Und viele tun das: Nach Schätzungen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft werden etwa zwei Drittel der Angehörigen zu Hause gepflegt.

Bei Maria Elbers Vater fing es mit Kleinigkeiten an: Als ihre Tochter Abitur macht, bringt sie nach der Feier die entwickelten Fotos ihrem Vater. Eine Woche später will sie die Bilder zurückhaben, doch ihr Vater will sie nie bekommen haben. Dann wurde es schlimmer. "Der Kaffee stand im Kühlschrank, die Milchtüte unter der Kaffeemaschine", erinnert sie sich. Ihr Bruder, bei dem ihr Vater wohnt, schaut nun täglich, ob in der Wohnung alles in Ordnung ist. Am Wochenende und während des Urlaubs macht sie das. Es sei dann auch gefährlich geworden, weil er etwa den Herd angelassen hat, erinnert sich Elbers. "Man wird auch so aggressiv. Ich habe dann auch mit ihm geschimpft, dass er so starrsinnig ist", erinnert sich Elbers. Heute tue ihr das manchmal leid.

Widerspruch sorgt für Verwirrung

Vergesslichkeit, Starrköpfigkeit, Aggressivität, Depressionen: Für die Angehörigen sei es schwer auszuhalten, dass das "Ich" einer geliebten Person langsam verschwinde, erklärt Andreas Kortüm, Leiter des Demenzbegleiter-Kurses in Münster. Einfacher werde es, wenn sie die Krankheit und ihre typischen Symptome kennen und verstehen.

In seinem Kurs lernen die Teilnehmer zum Beispiel, dass es wichtig ist, nachweislich falsche Antworten zu akzeptieren. Widerspruch sorge nur für weitere Verwirrung des Erkrankten. Familien sollten sich auch nicht scheuen, sich früh Hilfe von außen zu holen. Immer wieder seien sie überfordert und die Situationen eskalieren. "Man braucht zwischendurch einfach Verschnaufpausen", sagt Kortüm.

Elbers hat bei ihrem ersten Gespräch mit Dozent Kortüm viel Neues über Demenz gelernt. Eins hat sie intuitiv richtig gemacht: Man soll mit dem Erkrankten darüber reden, was sie noch wissen, statt sie auf ihre Gedächtnislücken hinzuweisen. Als ihr Vater am Ende im Heim lebt, war er oft niedergeschlagen. Sie hat dann versucht, ihn mit Geschichten von früher abzulenken. "Vieles aus der Gegenwart hatte er vergessen", sagte sie. "Wie die Moorlichter aussahen, wenn er als Kind mit zur Jagd war, konnte er aber genau schildern", sagt sie.

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