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So ungesund leben unsere Kinder

15.09.2010, 11:17 Uhr | ots

Gesundheit & Ernährung: So ungesund leben unsere Kinder. Zwei Jungs essen Chips.

Im Kindesalter wird die Esskultur geprägt. (Bild: imago) (Quelle: imago)

Kinder aus sozial schwachen Familien sind häufiger krank, ernähren sich schlechter und treiben weniger Sport als Kinder aus privilegierten Verhältnissen. Die Ergebnisse des aktuellen Kinder-Echos "Gesundheit", einer repräsentativen Meinungsumfrage des Jugendforschungsinstituts iconkids & youth im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung, zeigen die Sichtweise von mehr als 700 Kindern im Alter von sechs bis zwölf Jahren zu ihrem Gesundheits-, Ernährungs- und Bewegungsverhalten. Kinder aus sozial benachteiligten Verhältnissen führen demnach einen ungesünderen Lebensstil und legen damit den Grundstein für mögliche negative Auswirkungen auf die Gesundheit.

Benachteiligte Kinder anfälliger für Krankheiten

Kinder aus benachteiligten Familien fühlen sich insgesamt weniger gesund als ihre besser gestellten Altersgenossen: 16 Prozent von ihnen stimmten der Frage "Hast Du das Gefühl, dass Du oft krank bist?" zu, im Vergleich zu zwölf Prozent der privilegierten. Deutlich waren die Unterschiede bei "Erkältung, Husten und Halsschmerzen" (48 zu 39 Prozent) sowie "Kopfschmerzen" (19 zu 11 Prozent), von denen sozial schwache Kinder weitas stärker betroffen sind. "Dieses Bild entspricht den Erfahrungen aus der Praxis", erklärt Dr. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e. V. (BVKJ), der die Untersuchung wissenschaftlich begleitet hat.

"Kinder spiegeln das Verhalten der Eltern wider"

"Kinder in diesem Alter sind normalerweise kerngesund. Bei sozial Schwachen wird allerdings häufiger zu Hause im Beisein der Kinder geraucht, so dass sie anfälliger für Atemwegsinfekte sind, und sie halten sich wesentlich länger in den Wohnräumen auf als Kinder aus privilegierten Bevölkerungsgruppen. Auch exzessiver Medienkonsum spielt in diesem Zusammenhang eine ganz wesentliche Rolle." Bei der Interpretation der Ergebnisse muss jedoch auch kindliches Verhalten berücksichtigt werden. "Kinder spiegeln sehr häufig das Verhalten ihrer Eltern wider und ahmen sie nach", erläutert Hartmann. "Wenn Eltern oft über unspezifische Beschwerden wie Kopfschmerzen klagen, ist dies auch bei ihren Kindern der Fall."

Krank zu Hause statt Schulbesuch

Wenn ihr Kind krank ist, geht fast ein Viertel (23 Prozent) der Eltern aus benachteiligten Familien eher selten oder nie zum Arzt, im Vergleich zu elf Prozent der privilegierten. Auffällig ist auch, dass die Arztbesuche im Krankheitsfall bei benachteiligten Kindern mit zunehmendem Alter weniger werden, während sie bei ihren nicht benachteiligten Altersgenossen konstant bleiben. "Eltern aus sozial schwachen Milieus nehmen bereits die regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen häufig nicht wahr", schildert Dr. Hartmann seine Erfahrungen. "Je älter diese Kinder werden, desto eher werden sie im Krankheitsfall zu Hause behalten, statt einen Arzt aufzusuchen. Das sehen wir aber auch als Folge der Sozialgesetzgebung, weil bei Patienten ab dem zwölften Lebensjahr nicht verschreibungspflichtige Medikamente in der Regel von den Krankenkassen nicht mehr erstattet werden." Dies wird durch ein weiteres Ergebnis des Kinder-Echos bestätigt: So geben mehr sozial schwache als privilegierte Kinder an, häufiger krankheitsbedingt in der Schule zu fehlen (19 zu 14 Prozent).

Kinder essen zu viel Fleisch

Das Kinder-Echo hat auch das Ernährungsverhalten beleuchtet. Nach Selbstauskunft aller befragten Kinder isst nicht einmal die Hälfte (40 Prozent) täglich frisches Obst oder Gemüse. Defizite haben vor allem sozial benachteiligte Kinder: Bei nur 49 Prozent von ihnen kommen Apfel oder Karotte an sechs bis sieben Tagen pro Woche auf den Teller (im Vergleich zu 59 Prozent bei den privilegierten). Empfohlen ist dagegen der tägliche Verzehr von fünf Portionen Obst und Gemüse. Fleisch und Geflügel hingegen machen bei vielen Kindern Milieu-übergreifend einen zu großen Anteil an der Ernährung aus: Mehr als ein Viertel (26 Prozent) gab an, diese Lebensmittel an sechs oder sieben Tagen in der Woche zu sich zu nehmen. Und das, obwohl Ernährungswissenschaftler nur zwei bis drei Portionen wöchentlich empfehlen.

Esskultur wird im Kindesalter geprägt

Ein deutlicher Unterschied zwischen den Milieus zeigt sich beim Verzehr von Süßigkeiten und Snacks: 58 Prozent der Kinder aus sozial benachteiligten Haushalten geben an, diese nahezu täglich zu konsumieren. Bei ihren bessergestellten Altersgenossen trifft das zwar weniger, aber immerhin noch auf 38 Prozent zu. Grund ist ein gelerntes Fehlverhalten der Eltern: "In vielen Familien werden Süßigkeiten immer noch als Belohnung verstanden, so dass sie als etwas Positives betrachtet werden", sagt Hartmann. "Hier müssen zuerst die Eltern umdenken." Doch nicht nur die Ernährungs-, sondern auch die Trinkgewohnheiten der Sechs- bis Zwölfjährigen sind bereits ungesund: So ist bei 34 Prozent der benachteiligten Kinder (24 Prozent der privilegierten) das Glas fast täglich mit kalorienhaltigen Limonaden gefüllt. Das Fazit von Dr. Hartmann: "Diese Esskultur prägt die Kinder für ihr ganzes Leben und birgt ein echtes Gefahrenpotential für ihre Gesundheit, vor allem deshalb, weil viele eine solche Ernährung als normal betrachten."

Fehlende Vorbildfunktion

Auch Bewegung und Sport kommen im Alltag der Kinder zu kurz. Ingesamt gaben 30 Prozent der Befragten an, keinen oder nur selten zusätzlichen Sport neben dem obligatorischen Schulsport zu betreiben. Bei den sozial Benachteiligten waren es sogar 39 Prozent. Auffällig sind hier die entsprechenden Zahlen bei den Eltern: So sind laut den Angaben der sozial benachteiligten Kinder nur 35 Prozent ihrer Mütter und 30 Prozent ihrer Väter sportlich aktiv (zu 46 und 40 Prozent der Eltern nicht benachteiligter Kinder). Das zeigt, wie sehr das elterliche Verhalten ihre Kinder prägt. "Das Normempfinden von Kindern wird aber auch von ihrem Umfeld geprägt. Deswegen sollten wir vor allem den sozial benachteiligten Kindern Vorbilder für einen gesunden Lebensstil zur Seite stellen, an denen sie sich orientieren können", empfiehlt Hartmann. Eine solche Vorbildfunktion können beispielsweise auch Institutionen wie das Kinder- und Jugendwerk "Die Arche" e.V. übernehmen, die benachteiligten Kinder verlässliche Strukturen, regelmäßige Mahlzeiten und sinnvolle Freizeitangebote bieten.

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