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Therapien: Immer mehr Grundschüler sind Patienten

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Mehrheitlich therapiert: Immer mehr Grundschüler sind Patienten

17.01.2011, 16:01 Uhr | dapd

Therapien: Immer mehr Grundschüler sind Patienten . Jeder zweite Grundschüler hat bereits eine Therapie hinter sich. (Foto: imago)

Jeder zweite Grundschüler hat bereits eine Therapie hinter sich. (Foto: imago)

Vernachlässigung, übertriebener Ehrgeiz, überforderte Institutionen: Therapeuten müssen zunehmend Fehler von Eltern, Kitas und Schulen ausgleichen. Laut einer Umfrage der Techniker Krankenkasse hat bereits jeder zweite Grundschüler eine Therapie hinter sich. Gehören Therapien bald zum normalen Förderprogramm unserer Kinder?

Randvoller Terminkalender

Wenn Luka mittwochs auf den Spielplatz am Arnimplatz in Berlin-Prenzlauer Berg kommt, beginnt für ihn die schönste Zeit der Woche: Er darf einfach nur spielen. Sonst ist sein Terminkalender randvoll, dabei ist er erst sieben. "Erst Schule, dann Hort, dann montags Judo und donnerstags Geigenunterricht", zählt seine Mutter auf. Dazu kommt zweimal die Woche Ergotherapie. "Seine Lehrerin meinte, er sei oft nicht richtig bei der Sache. Dem wollen wir natürlich möglichst früh entgegenwirken." So ist Luka zum Patienten geworden.

Jeder zweiter Grundschüler therapiert

Und damit ist er längst nicht allein: Die Zahl der Kinder mit Therapie-Erfahrung wächst. Nach einer repräsentativen bundesweiten Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse aus dem Jahr 2010 haben 56 Prozent der Sechs- bis Zehnjährigen schon einmal eine Therapie gemacht. Das kann zum Beispiel eine Psychotherapie sein, eine logopädische Sprachförderung oder - wie bei Luka - eine Ergotherapie. Die wird vor allem bei motorischen und Wahrnehmungsstörungen verordnet. Kinder könnten heute im Durchschnitt weniger gut ihren Körper koordinieren, sich schlechter konzentrieren und schlechter mit Druck und Konflikten umgehen als frühere Generationen, stellt Bildungsforscher Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance fest. So scheinen Kinder also tatsächlich weniger gewappnet für die Anforderungen des Alltags als ihre Altersgenossen früher. Das gilt besonders für Kinder aus bildungsfernen Familien.

Therapie als "normaler Bestandteil des Förderrepertoires"

Aber gerade auch Kinder aus dem Bildungsbürgertum gehen oft zur Therapie. Deren Eltern treten heute, so Hurrelmann, in den "Wettlauf um die Superförderung" ihrer Kinder ein. Schließlich gilt als sicher, dass man einen möglichst guten Schulabschluss braucht, um überhaupt auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Sprich: Die Kinder werden auf Gymnasium getrimmt. "Man merkt deutlich", sagt Hurrelmann, "dass für Kinder die Belastungen zugenommen haben. Sie bekommen sehr deutlich das Signal: Es hängt von deinen Leistungen ab, ob aus deinem Leben etwas wird." Eltern und Lehrer reagieren "übersensibel" auf jedes Anzeichen dafür, dass das Kind Schwächen haben könnte. Therapien würden da zum "normalen Bestandteil des Förderrepertoires".

Geige, Judo, Ergotherapie - das ist das "Förderrepertoire" für den siebenjährigen Luka. "Wir haben einfach Angst, dass unser Kind sonst auf der Strecke bleibt", sagt seine Mutter.

Kindern fehlen Freiräume

Diese Sorge kennen die Therapeuten von "prenzlkomm", einem therapeutischen Netzwerk in Berlin, wenige Straßen vom Spielplatz entfernt. In der Ergotherapie üben sie mit den Kindern ganz grundsätzliche Dinge: Zuhören, die Schultasche packen, balancieren, puzzeln. Grundfertigkeiten, mit denen viele Kinder große Schwierigkeiten haben, auch wenn sie schon in der Schule sind. "Erschreckend" findet das die Geschäftsführerin Andrea Kiesinger. Eine Ursache sieht sie in "mangelnden Freiräumen": "Früher haben Kinder zum Beispiel beim Toben draußen vieles gelernt, jetzt sind sie fast nur in Institutionen, die überfordert sind." Aber sie beobachtet auch: "Kinder werden heute sehr schnell in die Ecke 'krank' gedrängt. Wenn sie in der Schule nicht richtig funktionieren, werden sie ein Fall fürs Gesundheitssystem."

Norm verschiebt sich

Und damit sind sie dann in der Mehrheit, folgt man der repräsentativen Umfrage der Techniker Krankenkasse, nach der mehr als die Hälfte aller Kinder unter zehn Jahren schon mal in Therapie waren. Die Norm verschiebt sich, Kinder in Therapie werden zur Regel. Das beobachtet auch der Kinderarzt Ulrich Fegeler: "Kinder werden in der Schule oft zu schnell aufgegeben." Das sei dann allerdings nur das Ende einer Kette von Versäumnissen. "Im Durchschnitt ist die Erziehungskompetenz der Eltern rückläufig. Und die Kitas schaffen es nicht, Defizite auszugleichen." Die Schulen schicken die Kinder dann zu den Ärzten, und die sollen eine Therapie verordnen. "Aber dann ist es oft schon zu spät", so Fegeler.

Übergang auf weiterführende Schule kritisch

Es gibt zwei Extreme, die im Schulsystem aufeinandertreffen: Hier die Kinder aus bildungsfernen Familien, die bei Schuleintritt die einfachsten Fertigkeiten nicht gelernt haben. Dort die Kinder aus engagierten Familien, die mit Konzentrationsstörungen und psychischer Anfälligkeit auf die hohen Ansprüche ihrer Eltern reagieren. In den Schulen wiederum werde falsch darauf reagiert, so Bildungsexperte Hurrelmann: Mit großen Klassen, mit wenig Betreuungspersonal, mit dem frühen Sortieren nach Leistung. "Der Übergang zum Gymnasium ist das Schicksalsschwert, das über den Kindern und Eltern hängt. Das schaukelt den Druck hoch", sagt Hurrelmann.

Auch Luka soll auf jeden Fall später aufs Gymnasium gehen. Klar sei es das Wichtigste, dass er glücklich ist. "Aber wir wollen wenigstens nichts unversucht lassen", sagt die Mutter. "Das würde ich mir immer vorwerfen."

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