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ADHS: Jeder zehnte Junge erhält Ritalin

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Arztreport 2013  

Diagnose ADHS: Auch Alter und Status der Eltern spielen eine Rolle

30.01.2013, 09:52 Uhr | dapd, t-online.de, dpa

ADHS: Jeder zehnte Junge erhält Ritalin. ADHS: Besonders Jungen sind von ADHS betroffen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Besonders Jungen sind von ADHS betroffen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Immer mehr Kinder mit Konzentrationsproblemen verlassen als offiziell Kranke die Arztpraxis - viele davon ausgestattet mit einem Rezept für Psychopharmaka. Die Zahl der diagnostizierten Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) stieg von 2006 bis 2011 bei den unter 19-Jährigen um 42 Prozent. Das geht aus dem "Arztreport 2013" der Krankenkasse Barmer GEK hervor. "ADHS ist eine Modekrankheit", sagte der Vizechef der größten deutschen Kasse, Rolf-Ulrich Schlenker.

620.000 Kinder und Jugendliche haben ADHS

In Deutschland wächst eine "Generation ADHS" heran - so heißt es im "Arztreport 2013" der Barmer Krankenkasse. Rund 620.000 Kinder und Jugendliche hatten 2011 laut ärztlicher Diagnose das sogenannte Zappelphilipp-Syndrom, davon 472.000 Jungen. Zusammen mit Erwachsenen waren es insgesamt 750.000 Patienten.

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ADHS lässt Kinder und Eltern oft verzweifeln

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Jeder zehnte Junge erhält Ritalin

Die Verordnungsraten von Methylphenidat, besser bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin, seien zwischen 2006 und 2011 gestiegen, wobei die Menge der verordneten Tagesdosen nach 2010 erstmals zurückging. Die höchsten Verordnungsraten finden sich im Alter von elf Jahren. In diesem Alter erhielten 2011 rund sieben Prozent der Jungen und zwei Prozent der Mädchen eine Verordnung. Insgesamt müssten 20 Prozent aller Jungen einmal im Laufe des Lebens mit der ADHS-Diagnose rechnen und zehn Prozent aller Jungen mit einer Arzneimittelverordnung, sagte Schlenker.

Besonders Jungen sind betroffen

Friedrich Wilhelm Schwartz, der Vorsitzende des Hannoveraner Forschungsinstituts Iseg, das die Studie erstellt hatte, betonte, gerade Jungen vor dem Wechsel aus der Grundschule seien betroffen. Oft herrsche die Sorge, dass die Kinder es nicht in gewünschter Weise schafften. "Ich habe mich gefragt, ob wir nicht befristetes Schuldoping betreiben statt die Behandlung einer Krankheit", sagte er.

ADHS-Diagnose hängt auch von den Eltern ab

Der Arztreport gibt Hinweise darauf, dass die ADHS-Diagnose und der Griff zur Pille auch von den Eltern abhängt. So sinke mit steigendem Ausbildungsniveau der Eltern die Wahrscheinlichkeit einer ADHS-Diagnose und einer Ritalin-Gabe an die Kinder. Ein rund 50-prozentig höheres Risiko haben Kindern mit jungen Eltern unter 25 Jahren. Kinder Arbeitsloser seien häufiger betroffen. ADHS werde bei Kindern von Gutverdienern seltener diagnostiziert.

"Würzburg scheint die Welthauptstadt bei ADHS-Diagnosen zu sein"

Auffällig seien regionale Unterschiede. Es gebe sogar eine Region, die besonders hervorsteche, nämlich Würzburg und Umgebung. Während die ADHS-Diagnoserate bei Jungen im Alter von zehn bis zwölf Jahren im Jahr 2011 im Bundesschnitt bei knapp zwölf Prozent lag, hätten Ärzte in Unterfranken diese Diagnose bei 19 Prozent dieser Jungen gestellt. Schlenker sagte unter Verweis auf internationale Vergleichsdaten sogar: "Würzburg scheint die Welthauptstadt bei ADHS-Diagnosen zu sein." Als Grund nannte er, dass dort besonders viele Kinder- und Jugendpsychiater säßen. Tatsächlich gibt es an der Würzburger Uniklinik sogar einen Forschungsschwerpunkt zu ADHS. Auch in Mannheim und Teilen von Rheinland-Pfalz gibt es mehr ADHS-Diagnosen.

ADHS-Diagnosen nach Bundesländern

Von Tausend Personen sind von
der Diagnose ADHS betroffen

in

bekommen Methylphenidat
(z.B. Ritalin)

11,1

Rheinland-Pfalz

5,5

10,9

Bayern

5,1

9,5

Berlin

3,7

9,5

Niedersachsen

4,4

9,4

Baden-Württemberg

4,4

9,1

Brandenburg

3,7

8,9

Thüringen

3,8

8,9

Sachsen

3,4

8,8

Nordrhein-Westfalen

4,2

8,6

Sachsen-Anhalt

3,2

8,3

Saarland

3,5

8,2

Hamburg

3,5

8,2

Schleswig-Holstein

3,6

7,7

Hessen

3,2

6,9

Mecklenburg-Vorpommern

2,4

6,7

Bremen

2,7


Medikamente gelten als weniger aufwendig

Schlenker appellierte an Ärzte und Eltern, Psychopharmaka nur als letztes Mittel in Betracht zu ziehen. "Ritalin darf nicht per se das Mittel der ersten Wahl sein." Mit Hilfe eines speziellen Elterntrainings könnten sich Mütter und Väter besser auf die Situation ihrer Kinder einstellen. Auch Verhaltens- und Ergotherapie komme in Frage. Schwartz meinte, oft werde zu Medikamenten gegriffen, weil es weniger aufwendig sei.

Hohe Kosten durch begleitende Therapien

Einen Löwenanteil der Behandlungskosten für die ADHS machen heute bereits begleitende Therapien aus, wie die Techniker Krankenkasse berichtete. Die Ausgaben für Verhaltenstherapie und Heilmittel wie etwa Ergotherapie lägen bei 44 Prozent der Kosten, die von Medikamenten dagegen nur bei zwölf Prozent.

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