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Demenz: Das Dorf des Vergessens in Tönebön

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"37 Grad"-Reportage: "Dorf des Vergessens"  

Die geschlossene Welt von Tönebön

13.01.2016, 08:34 Uhr | mmh, t-online.de

Demenz: Das Dorf des Vergessens in Tönebön. Das "Dorf des Vergessens" bietet ein neues Konzept für Demenz-Kranke.  (Quelle: ZDF/Jana Matthes)

Demenz-Kranke wie Dieter Jorek brauchen Aufgaben. (Quelle: ZDF/Jana Matthes)

Demenz macht Angst - Angehörigen und Betroffenen. Pflegeheime sind häufig überfordert. Die "37-Grad"-Reportage "Dorf des Vergessens" stellt ein Konzept für ein selbstbestimmtes Leben mit Demenz vor. Der Film zeigt ein Ideal, ohne zu verraten, für wie viele Menschen das realisierbar und erschwinglich ist. Das Fazit der ZDF-Autoren: Demenz ist ein schweres Schicksal, aber ein würdevolles Leben ist damit möglich. 

In Tönebön am See liegt das Dorf des Vergessens, dort soll Demenz- und Alzheimerpflege ganz anders laufen als sonst in Deutschland bekannt. Drei Protagonisten, Pfleger und Angehörige haben die Autoren Jana Matthes und Andrea Schramm über ein halbes Jahr hin immer wieder besucht, um das ungewöhnliche Konzept zu verstehen und zu vermitteln. "Ein wenig hat sich auch unsere Angst vor der Krankheit verändert", so ist ihr Fazit. "Mit einem Konzept, das die Bedürfnisse von Demenzkranken ernst nimmt, ist die Krankheit immer noch ein schweres Schicksal, aber sie ist nicht das Ende des Lebens." 

Pflegeheim erinnert an Feriendorf

Die Anlage am Stadtrand von Hameln ähnelt einem Feriendorf mit Minimarkt, Friseur und Café. Dort leben die 51-jährige Barbara Thiede, die schon mit Ende 40 immer mehr vergaß, die 82-jährige Wilma Dohmeyer und Dieter Jorek, der Läufer, der jeden Tag 50 Runden im Dorf dreht, dessen Alter die Doku nicht verrät.

Drei Protagonisten in typischen Situationen

Der Film greift typische Situationen auf: Wilma Domeyer wartet jeden Tag auf den Bus, sie will ihre Kinder aus dem Kindergarten abholen. Ihre fünf Töchter sind aber alle über 50, ihr Mann längst verstorben, in ihrer Welt sind sie klein, ihr Mann bei ihnen. Ihre Gedanken sind in den 60er Jahren. Pflegerinnen versuchen die Aufmerksamkeit auf den Augenblick zu richten. Das gelingt nur jeweils für kurze Zeit. 

Barbara Thiede ist die einzige, die sich ihrer Krankheit bewusst ist. Sie erinnert sich im Gespräch mit den Reportern an die Diagnose, den Moment, als sie nicht mehr einfach schusselig war, sondern die Diagnose Alzheimer feststand, als die Krankheit für sie selbst und andere gefährlich wurde. Körperlich ist sie noch agil, wie viele in Tönebön. Das ist einer der größten Unterschiede zu anderen Heimen, die meist eher Pflegeheime für körperlich und geistig schwache Menschen sind. Sie weiß, was auf sie zukommt, denn ihr Vater litt an Alzheimer. Sie hatte ihr Leben lang Angst, die Krankheit selbst zu bekommen. Das lässt sie mehr und mehr ihr Selbstvertrauen verlieren.  

Sie ist zu Beginn der Dreharbeiten erst eine Woche hier und die Jüngste. Ihre 20-jährige Tochter lebte bis zuletzt mit ihr in einer gemeinsamen Wohnung, jetzt trennen sie zwei Autostunden. 

Zweiter Frühling mit Alzheimer

Dieter Jorek wohnte seit zehn Wochen in Tönebön, als er das Kamerateam das erste Mal traf. Er glaubt, er sei zur Kur, warum sonst sollte er hier sein. Ihn zeichnet ein fantasievoller Umgang mit der Realität aus, der ihn Gründe für seinen Aufenthalt erfinden lässt.

Er fühlt sich eingesperrt. "Ich komm mir vor wie ein Schwerverbrecher", beschwert er sich bei der Betreuerin. Diese Situation macht den Pflegern Angst. Der ehemalige Bergmann braucht Aufgaben. Als er und Barbara ein Paar werden, findet er seinen Frieden mit der neuen Situation. Sie will Freundschaft, er sucht noch einmal die große Liebe. 

Die abgeschlossene Welt von Tönebön

Die Reporter beschrieben das Konzept von Tönebön. Dazu gehört, die Bewohner in ihrer Welt zu lassen und sie nicht immer wieder mit der Realität zu konfrontieren. Man lebt wie in einer Familie, das heißt gemeinsam einkaufen, kochen, Haushalt machen. Sie sollen möglichst viel mit entscheiden. Gedächtnistraining soll helfen, noch vorhandenes Erinnerungsvermögen zu retten.

Das Gelände ist eine abgeschlossene Welt, in der sich keiner verirren kann. Ausflüge nach draußen werden nur mit Betreuern unternommen. Das Heim ist von einem Zaun umgeben.Manche werfen den Betreibern vor, hier würden Menschen weggesperrt. Auf der Facebook-Seite der Sendung schreibt jemand von "Dementenghettos".

"Man fühlt sich nicht wie im Gefängnis, es ist zur Sicherheit, für die Bewohner, für die Angehörigen, für das Personal", betont dagegen Wilma Dohmeyers Tochter Bärbel. Ihre einfache Begründung: "Wenn jeder Bewohner einen Pfleger hätte, dann bräuchten wir keinen Zaun."

Keine verschlossenen Türen, aber ein Zaun

In jeder der vier Villen wohnen 13 Menschen in einer Hausgemeinschaft. Zum Konzept des Hauses gehört es, die Bewohner nicht ständig zu korrigieren, es gibt keine verschlossenen Türen, der Bewegungsdrang soll ausgelebt werden, denn Demenzkranke wollen eigentlich immer irgendwohin. Die einzige Grenze ist, keiner darf zu Schaden kommen, erklärt Kerstin Stammel, die das Konzept mitentwickelt hat,  dem Filmteam. Eine große Umstellung für Pflegekräfte, die darauf getrimmt sind, alles in einer bestimmten Ordnung zu halten. 

In Wilma Dohmeyers Fall zahlen die Angehörigen jetzt 200 Euro mehr als für das Heim, in dem sie zuvor lebte. Da lebte sie mit 25 Menschen in einer Gruppe, jetzt sind es nur noch 12.

Ein ideales Bild ohne Kontrast

Die "37 Grad"-Reportage zeigt eine schöne Welt, es fehlt allerdings der Kontrast zur Realität der Pflege in anderen Heimen, die Kosten bleiben ungenannt, ebenso die Verfügbarkeit solcher Plätze. Sicherlich wünscht sich jeder für kranke Angehörige eine derart ideale Pflege, doch auch die Homepage des Trägers der Einrichtung, die Julius-Tönebön-Stiftung, gibt darüber keine weiteren Aufschlüsse. Die Autoren zeichnen ein ideales Bild, zeigen neue Personen mit bekannten Problemen und Krankheitsbildern. Etwas unkritisch, aber vielleicht gibt es ja auch keine Kritik. 

TV-Tipp: "37 Grad: Dorf des Vergessens - Selbstbestimmt leben mit Demenz", ZDF, 12.01.2016, 22.15 Uhr und in der ZDF-Mediathek

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