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Rätselhafter Medizinfall: Das steckte hinter den Kopfschmerzn einer Patientin

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Ein rätselhafter Patient  

Lebensgefährliche Kopfschmerzen

05.02.2017, 10:01 Uhr | Heike Le Ker, Spiegel Online

Rätselhafter Medizinfall: Das steckte hinter den Kopfschmerzn einer Patientin. Die Ursachen für die unerträglichen Kopfschmerzen der jungen Frau fanden die Ärzte erst nach langem Suchen im Blut der Patientin.  (Quelle: Thinkstock by Getty Images (Symbolbild))

Die Ursachen für die unerträglichen Kopfschmerzen der jungen Frau fanden die Ärzte erst nach langem Suchen im Blut der Patientin. (Quelle: Thinkstock by Getty Images (Symbolbild))

Eine junge Frau hat entsetzliche Kopfschmerzen, die Ärzte behandeln eine vermeintliche Gehirnentzündung. Aber die Mediziner haben etwas Entscheidendes übersehen.

Als die Ärzte die junge Frau im Krankenhaus aufnehmen, ist ihr Krankheitsbild dramatisch: Sie leidet unter heftigen Kopfschmerzen, Sprachstörungen und einer Schwäche in der rechten Körperhälfte. Die 30-Jährige war bislang immer gesund, sie schluckt keine Medikamente, ist durchschnittlich groß und schwer, raucht nicht und trinkt eher selten Alkohol. Auch in ihrer Familie sind keine vererbbaren Krankheiten bekannt, ebenso wenig hatte sie eine Kopfverletzung.

Halbseitige Lähmung 

Bei der Untersuchung stellen die Neurologen schnell die Halbseitenlähmung fest. Sie beginnen, nach anderen Hinweisen zu suchen. Hat die Frau Fieber? Das würde für eine Infektion sprechen. Ist ihr Nacken steif? Dann wäre eine Hirnhautentzündung eine mögliche Ursache. Aber sie finden nichts.

Die Kernspin-Bilder vom Kopf der Patientin, auf denen sich sowohl das Gehirngewebe als auch die Venen und Arterien im Kopf genau beurteilen lassen, zeigen einen normalen Befund, so die Radiologen.

Wegen der Schmerzen die Hochzeit verschoben

Sie entnehmen der Frau Nervenwasser. Diese auch Liquor genannte Flüssigkeit umspült sowohl das Gehirn als auch das Rückenmark. Die Ärzte befürchten, dass die Frau einen Schlaganfall durch eine sogenannte Subarachnoidalblutung gehabt haben könnte. Dabei kommt es zu einer kleinen Blutung in den Raum, in dem auch der Liquor zirkuliert. Das kann heftigste Kopfschmerzen auslösen. Aber in der Flüssigkeit finden sich keine Blutzellen.

Am nächsten Tag bekommt die Patientin mehrere epileptische Anfälle und ist verwirrt. Sie wird weiterhin überwacht und erholt sich langsam. Dann gibt es Neuigkeiten aus dem Labor: Im Liquor konnten Viren nachgewiesen werden. Die Ärzte glauben nun, die Diagnose gefunden zu haben: eine virale Gehirnentzündung. Sie geben der Frau ein Medikament namens Aciclovir, das vor allem gegen Herpesviren und Varizellen wirkt - den Erreger von Windpocken und Gürtelrose. Außerdem bekommt sie Arzneien gegen epileptische Anfälle.

Dann darf die Frau nach Hause gehen. Ihre Kopfschmerzen aber bleiben so stark, dass sie ihre Hochzeit verschiebt.

Die Schmerzen kommen wieder 

Zwei Monate später hat die Frau ähnlich dramatische, aber ganz andere Beschwerden: Sie bekommt schlecht Luft und hat Schmerzen in der Brust. Die Computertomografie-Aufnahmen zeigen eine Lungenembolie. Der lebensgefährliche Blutpfropf in den Lungenarterien stammt meist aus den tiefen Beinvenen, wo sich eine Thrombose gebildet und dann gelöst hat und in die Lungengefäße schießt. Die Frau hat jedoch keinerlei bekannte Risikofaktoren für Thrombosen, sie raucht nicht, sie nimmt die Pille nicht und es sind auch keine Gerinnungsstörungen bei ihr bekannt.

Zur Gerinnungshemmung bekommt sie sechs Monate lang das Medikament Warfarin. Während dieser Zeit bessern sich auch ihre Kopfschmerzen.

Zwei seltene Erkrankungen

Rund ein Jahr später stellt sich die Frau erneut mit starken Kopfschmerzen vor. Sie berichtet, dass die Schmerzen nie ganz weg aber unterschiedlich stark gewesen seien. Nun aber könne sie die Schmerzen kaum aushalten. Lähmungen, Sensibilitätsstörungen oder epileptische Anfälle wie beim ersten Vorfall hat sie dieses Mal nicht. Eine erneute Liquoranalyse ist unauffällig.

Die Diagnose der Ärzte vom Universitätskrankenhaus in britischen Birmingham lautet nun Migräne. Doch glücklicherweise fällt den Radiologen auf den neu angefertigten Bildern vom Kopf der Patientin etwas auf: Es gibt in der Hirnrinde der Patientin einige Stellen, die aussehen, als hätte sich dort ein Infarkt abgespielt. Nun schauen sie sich auch die alten Bilder erneut an und erkennen, dass ein Jahr zuvor lebensgefährliche Thrombosen im Kopf der Frau übersehen wurden.

Diagnose: Sinusthrombose 

Wie sie im Fachmagazin "BMJ Case Reports" berichten, hatte die Patientin schon damals eine sogenannte Sinusthrombose. Dabei staut sich das Blut in den venösen Abflüssen zwischen den harten Hirnhäuten. In der Folge kann es zu Schlaganfällen, epileptischen Anfällen und einem gesteigerten Hirndruck kommen. Kopfschmerz ist zwar ein typisches Symptom. Da aber so viele unterschiedliche Kopfschmerzursachen existieren, wird eine Sinusthrombose oft erst spät erkannt.

Schwangere und Frauen unter 40 Jahren sind von der Erkrankung häufiger betroffen als Männer, aber insgesamt ist sie mit etwa drei bis vier Fällen pro eine Million Menschen selten. Sofort greifen die Ärzte wieder in die Blutgerinnung ein, zunächst mit Heparin, dann erneut mit Warfarin. Die Kopfschmerzen der Frau bessern sich.

Warum ein Vitamin weiterhilft

Im Blut finden die Mediziner den seltenen Grund für die seltene Erkrankung: Die Konzentration des sogenannten Homocysteins ist stark erhöht. Die natürlich vorkommende Aminosäure wird normalerweise von einem Enzym abgebaut und dann ausgeschieden. Zu viel Homocystein schadet den Gefäßen und fördert auf bisher nicht abschließend geklärte Weise die Entstehung von Arteriosklerose.

Bei der Patientin arbeitet das abbauende Enzym nicht richtig. Glücklicherweise gibt es dagegen eine Arznei, die ihr hilft: Sie heißt Vitamin B6 und ist notwendig, damit das Enzym arbeiten kann. Mit dem Medikament normalisieren sich ihre Homocysteinwerte wieder. Ihre Beschwerden nehmen ab, obgleich sie immer wieder so starke Kopfschmerzen hat, dass sie sich kaum noch bewegen kann.

Aber die Frau hat bei den folgenden, engmaschigen Kontrollen keine weiteren Thrombosen oder Durchblutungsstörungen mehr. Auf das Warfarin, das sie befürchtet hatte, lebenslang nehmen zu müssen, kann sie daher verzichten.



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