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Leukämie: Genmanipulierte Zellen bekämpfen Leukämie

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Pilotversuch: Genmanipulierte Zellen bekämpfen Leukämie

01.01.2000, 00:00 Uhr | Nina Weber, Spiegel Online, Spiegel Online

Leukämie: Genmanipulierte Zellen bekämpfen Leukämie. Mikroskopische Aufnahme einer T-Killer-Zelle an einer anderen Zelle. (Foto: dpa)

Mikroskopische Aufnahme einer T-Killer-Zelle an einer anderen Zelle. (Foto: dpa)

In einem faszinierenden Pilotversuch haben US-Ärzte drei Leukämie-Patienten mit gentechnisch veränderten Immunzellen behandelt. Die eingeschleusten Zellen entpuppten sich als effektive Krebskiller. Ein Experte warnt dennoch vor vorschnellen Hoffnungen.

Krebs bei zwei von drei Patienten verschwunden

Blutkrebs mit den Zellen des Patienten behandeln: Das ist US-Medizinern in einer Pilotstudie mit drei Leukämie-Patienten gelungen. Die zu diesem Zweck gentechnisch veränderten Immunzellen griffen die Krebszellen erfolgreich an. Bei zwei Patienten sei der Krebs komplett zurückgedrängt worden, berichten die Wissenschaftler in den Fachzeitschriften "New England Journal of Medicine" und "Science Translational Medicine". Im Schnitt zerstörte jede injizierte Immunzelle tausend Krebszellen. "Es funktionierte noch viel besser, als wir erwartet hatten", jubelt der an der Studie beteiligte Carl June von der University of Pennsylvania.

Experte warnt vor verfrühten Hoffnungen

Professor Anthony Ho vom Universitätsklinikum Heidelberg, der an der Studie nicht beteiligt war, kann die Begeisterung der US-Forscher nachvollziehen. "Sie haben klar nachgewiesen, dass das Prinzip funktioniert", sagt er. Allerdings warnt er vor vorschnellen Hoffnungen. "Es gab in den vergangenen Jahrzehnten oft genug Therapieideen, die bei den ersten Patienten großartig gewirkt haben. Aber in größeren Studien waren die Ergebnisse dann weit weniger überzeugend." Die Strategie müsse sich nun noch in weiteren Studien beweisen.

Bekanntes Prinzip erstmals erfolgreich gegen Krebs eingesetzt

Das Prinzip, das June und seine Kollegen genutzt haben, ist nicht neu. Die Mediziner haben es jedoch erstmals mit Erfolg bei Krebspatienten eingesetzt. Die Wissenschaftler entnahmen den drei Betroffen eine bestimmte Form von Immunzellen, sogenannte T-Zellen. Diese bilden auf ihrer Oberfläche spezialisierte Andockstellen aus: Damit erkennen sie ihre Ziele, etwa von Viren befallene oder auch durch Krebs veränderte andere Zellen - und können sie zerstören.

T-Zellen bekämpfen B-Zellen

Die Forscher schleusten in die T-Zellen mit Hilfe eines Virus eine neue Erbgutanlage ein, einen "chimären Antigen-Rezeptor". Dieser sorgt dafür, dass die T-Zellen eine neue Andockstelle produzierten und ihre näheren Verwandten, einen anderen Typ von Immunzellen, angreifen: die B-Zellen. Denn deren ungebremstes Wachstum verursachte bei den drei Patienten die chronische lymphatische Leukämie.

Trotz Chemotherapie kam der Krebs zurück

Die drei zwischen 65 und 77 Jahre alten Männer litten bereits seit mehreren Jahren an Leukämie und hatten schon verschiedene Chemotherapien hinter sich. Doch der Blutkrebs kehrte immer wieder zurück. Eine Stammzelltransplantation mit Zellen eines fremden Spenders wäre noch eine Alternative gewesen, aber diese war bei den drei nicht möglich. Oftmals fehlt der passende Spender für eine Transplantation, obwohl in Knochenmarksspenderdateien viele Menschen registriert sind.

Knochenmarkspende nicht für jeden Leukämiepatienten geeignet

Der ebenfalls an der Studie beteiligte David Porter von der University of Pennsylvania weist zudem darauf hin, dass die Knochenmarkspende für ältere Patienten mit chronischer lymphatischer Leukämie alles andere als ungefährlich ist: "Wir behandeln Patienten, für die es keine Therapie-Alternative mehr gibt, mit einer sehr, sehr riskanten Methode." Das Risiko, an Komplikationen der Stammzelltransplantation zu sterben, liege bei dieser Patientengruppe bei 20 Prozent. Und nur bei jedem Zweiten heile die Methode die Leukämie. Die in der Studie getestete Behandlung habe dagegen das Potential, deutlich verträglicher zu sein.

"Krebs brutal weggeblasen"

Die drei Patienten hatten dennoch mit ernsten Nebenwirkungen zu kämpfen. Im Schnitt befand sich in ihrem Körper ein Kilogramm Tumor in Form von B-Zellen. Diese wurden offenbar in kurzer Zeit von den T-Zellen angegriffen und zerstört, wodurch verschiedene problematische Substanzen in größerer Menge freigesetzt wurden. Die Ärzte berichten unter anderem von Fieber, Atemnot, Schwindel, Durchfällen, vorübergehenden Herzkreislauf- und Nierenproblemen und dem sogenannten Tumor-Lyse-Syndrom, die infolge der Therapie auftraten. Carl June beschreibt es so: "Binnen drei Wochen wurde der Krebs auf eine viel brutalere Weise weggeblasen, als wir jemals gedacht hätten."

Trotz Nebenwirkungen "eindrucksvolle Resultate"

Alle drei Männer erholten sich allerdings wieder von den unerwünschten Nebenwirkungen. Und bei zwei von ihnen bildete sich der Krebs komplett zurück. Seit inzwischen zehn Monaten bestehe diese komplette Remission, notieren die Wissenschaftler in ihren Fachpublikationen. Einer der beschriebenen Fälle sei besonders eindrucksvoll, urteilt Anthony Ho. Der Patient habe eine bestimmte Form von CLL mit einer sehr schlechten Prognose. Dass die Strategie angeschlagen habe, sei wirklich bemerkenswert.

Gedächtniszellen könnten vor Rückfall schützen

Das schließt einen künftigen Rückfall nicht aus. Die Forscher hoffen jedoch, dass die eingeschleusten T-Zellen neu entstehende Tumorzellen einfach wieder zerstören. Denn sie stellten auch fest: Noch nach Monaten waren die gentechnisch veränderten T-Zellen bei den Patienten nachweisbar. Sie konnten sich im Körper vermehren und bildeten sogar sogenannte Gedächtniszellen, die dafür gemacht sind, langfristig im Körper zu überdauern.

Immunsystem wird geschwächt

Eine langfristige Nebenwirkung kann die Therapie daher mit sich bringen: Da die injizierten Zellen nicht nur die Krebszellen, sondern alle B-Zellen angreifen, wird das Immunsystem in Mitleidenschaft gezogen. Die Betroffenen werden deshalb generell anfälliger für Infekte. "Man muss sehen, ob die B-Zellen wieder zurückkehren - und dann hoffentlich ohne die Tumorzellen", sagt Anthony Ho. Er vermutet, dass die eingeschleusten, genmanipulierten T-Zellen, die in diesem Experiment "phänomenal lange" im Körper nachzuweisen waren, keinesfalls für immer dort bleiben.

Jetzt folgen weitere Studien

Carl June und sein Kollege David Porter haben inzwischen ein Patent auf die Methode angemeldet. Sie wollen die Therapie als nächstes bei weiteren Patienten testen, die unter anderen Krebsformen leiden, bei denen B-Zellen unkontrolliert wachsen, etwa bei Non-Hodgkin-Lymphomen und akuter lymphatischer Leukämie. Auch bei leukämiekranken Kindern, bei denen die bisher möglichen Therapien nicht anschlagen, planen die Forscher erste Studien.

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