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Krebs-Forscher im Interview: Was Bluttests gegen Krebs bringen

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Hoffnung durch Liquid Biopsy  

Was Bluttests gegen Krebs bringen

26.11.2016, 15:31 Uhr | Susanne Reininger

Krebs-Forscher im Interview: Was Bluttests gegen Krebs bringen. Die Illustration zeigt Krebszellen im Blut. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Die Illustration zeigt Krebszellen im Blut. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Krebs ist nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen die zweithäufigste Todesursache. In Deutschland werden jährlich rund 490.000 Krebsfälle registriert, fast jeder zweite Erkrankte stirbt an den Folgen. Wie kann Krebs rechtzeitig erkannt oder gar vorgebeugt werden? Wir haben Professor Dr. Holger Sültmann vom  Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg befragt.

t-online.de: "Herr Professor Sültmann, Sie arbeiten in der Krebsgenomforschung. Wie schätzen Sie die Bedeutung von Bluttests auf Tumorerbgut ein, die auch als "Liquid Biopsy" bezeichnet werden? Ist sie eine neue Waffe im Kampf gegen Krebs?"


Sültmann: "Liquid Biopsy" ist für viele Krankheiten diagnostisch wichtig. Es gibt seit langem Bluttests auf Krebs, die nicht das Tumorerbgut, sondern bestimmte Eiweißmoleküle nachweisen. Das PSA (Prostataspezifisches Antigen) etwa ist "organspezifisch": Man weiß, dass es nur von der Prostata gebildet wird und von keinem anderen Organ. Ein auffällig hoher PSA Wert muss jedoch noch nicht Krebs bedeuten, sondern deutet oftmals nur auf eine Vergrößerung der Prostata hin. Mit "Liquid Biopsy" kann man auch das Erbgut von Tumorzellen, das frei im Blut treibt, nachweisen. Doch hier muss man sehr genau unterscheiden, in welchem Bereich diese Methode effektiv ist. Meist sind diese Tests noch im Experimentierstadium. Für eine zuverlässige Früherkennung und Diagnostik von Krebs eignet sich "Liquid Biopsy" bislang daher nur bedingt.

t-online.de: Spezifische Tumormarker sind noch rar, wie Sie sagen. Bei einer Früherkennung liegt die Schwierigkeit ja auch darin, dass keine Krebserkrankung der anderen gleicht.

Sültmann: Ganz genau. Die Früherkennung von Krebs ist ein wichtiger Punkt, von dem man sich sehr viel verspricht. Doch leider dauert es lange, bis man genau versteht, wie Tumoren entstehen und durch welchen Marker sie sich schließlich zu erkennen geben. Zudem gibt es mehrere Hundert Krebsarten, die sich alle voneinander unterscheiden: im Verlauf, in ihrer Aggressivität und der molekularen Zusammensetzung wie zum Beispiel den DNA-Mutationen. Verschiedene Tumoren tragen in ihrem Erbgut ganz charakteristische Mutationen, die für die Diagnostik genützt werden können.

t-online.de: Können Sie uns das näher erklären? Wie gehen Sie als Genomforscher vor, um mit einem Bluttest eine Krebserkrankung auf die Spur zu kommen?

Sültmann: Wir forschen zum Beispiel an Lungenkrebs, bei dem Mutationen in bestimmten Genen bekannt sind. Aus abgestorbenen Krebszellen gelangt Tumorerbgut, also DNA, ins Blut, wo man sie nachweisen kann, zum Beispiel durch "DNA-Sequenzierung". Wir haben so Blutproben von erkrankten Patienten untersucht und konnten messen, wie viele DNA-Moleküle mit dieser Mutation in ihrem Blut vorkommen. Anhand der Zahl der Mutationen lässt sich das Fortschreiten der Erkrankung verfolgen. Oder wir können dadurch prüfen, ob neu entwickelte gezielte Krebstherapien wirksam sind.

t-online.de: Also spielt die Liquid Biopsy für die Beobachtung einer Krebserkrankung eine wichtige Rolle?

Sültmann: Wir können hiermit das Fortschreiten mancher Krebserkrankungen überwachen. Auch wenn ein Krebs im Frühstadium entdeckt und erfolgreich operiert oder mit Medikamenten therapiert wurde, kann er wieder auftreten. Durch eine "Liquid Biopsy" kann man das möglicherweise früher feststellen. Sie ist möglicherweise auch sensitiver als bildgebende Verfahren wie eine Magnetresonanz-Tomographie (MRT) oder Computertomographie (CT).

t-online.de: Sie und ihr Team forschen derzeit daran, bestimmte Mutationen, also Veränderungen im Krebserbgut, als Marker für die Prognose und Vorhersage von Therapieerfolgen bei Krebspatienten zu identifizieren.

Sültmann: … Ja. Wir versuchen, einen Schritt in Richtung frühere Erkennung zu gehen. Es ist schwer zu sagen, wie weit wir damit kommen und wie lange es dauern wird - vielleicht Jahrzehnte. Wir wissen auch im Grunde nicht genau, über welchen Mechanismus die Tumor-DNA ins Blut gelangt. Es wird angenommen, dass diese Erbgutmoleküle von Krebszellen stammen, die am „programmierten Zelltod“, der so genannten Apoptose, zugrunde gegangen sind: Dies ist allerdings noch wenig erforscht.

t-online.de: Professor Sültmann, als DNA-Forscher sprechen Sie von Jahrzehnten. Wie bewerten Sie das Versprechen des amerikanischen Start-Ups "Grail", in das Unternehmer wie Bill Gates und Jeff Bezos Millionen investieren, um im Jahr 2019 einen Bluttest zur Früherkennung auf den Markt zu bringen. Ist das überhaupt realistisch?

Sültmann: Man sollte vorsichtig sein mit solchen Versprechungen und auf jeden Fall vermeiden, den Menschen übertriebene Hoffnungen zu machen. Die Bluttests sind in jüngerer Vergangenheit sogar in Verruf gekommen durch das amerikanische Start-up Theranos, das den Markt für Blutuntersuchungen mit kleinen, kostengünstigen Testgeräten revolutionieren wollte. Inzwischen ermitteln die US-Behörden, und die Labors wurden geschlossen.

t-online.de: Wäre eine seriöse Früherkennungs-Methode aus dem Blut in der Zukunft möglich?

Sültmann: Es gibt nur wenige Publikationen zum Einsatz von Liquid Biopsy in der Krebs-Früherkennung. Und für die wenigen Tumore, die dort analysiert wurden, kann man zum jetzigen Zeitpunkt sagen: Kleine Tumore findet man vielleicht in nur 50 Prozent der Fälle.

t-online.de: Das klingt doch vielversprechend….

…. Aber dahinter verbirgt sich auch ein großes Dilemma. Denn wenn man einen Tumor früher entdeckt, ihn man aber möglichweise nicht behandeln kann, ist das ethisch nicht zu rechtfertigen. Und vermutlich wird man auch viele „falsche Alarme“ auslösen, die die Betroffenen unnötig in Angst und Schrecken versetzen. Teilerfolge in der Krebsdiagnostik durch Liquid Biopsy sind in der Zukunft sicher zu erwarten. Aber nicht global, über viele Krebsarten hinweg. Und nicht bis zu einem schon zuvor definierten Zeitpunkt, wie etwa 2019. Zuversicht ist dennoch angebracht: Vielleicht wird es in einigen Jahrzehnten auch ganz andere Methoden geben, von denen wir heute noch gar nichts ahnen.

t-online.de: Herr Professor Sültmann, ich danke Ihnen für das aufschlussreiche Gespräch.

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