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Kritik am Kostenschub bei Krebsmedikamenten

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Schärfere Kontrollen gefordert  

Experten kritisieren Krebsmedikamente

18.12.2017, 11:44 Uhr | Basil Wegener, dpa

Kritik am Kostenschub bei Krebsmedikamenten. Magnetresonanztomographie zeigt Tumor: Angesichts explodierender Kosten sollen neue Krebsmedikamente nach dem Willen des führenden Gremiums im Gesundheitswesen künftig schärfer überprüft werden. (Quelle: dpa/Bernd Wüstneck)

Magnetresonanztomographie zeigt Tumor: Angesichts explodierender Kosten sollen neue Krebsmedikamente nach dem Willen des führenden Gremiums im Gesundheitswesen künftig schärfer überprüft werden. (Quelle: Bernd Wüstneck/dpa)

Sie sollen das Leiden von Todkranken verringern – doch oft haben sie starke Nebenwirkungen und sind extrem teuer: neue Medikamente gegen Krebs. Führende Akteure im Gesundheitswesen dringen auf schärfere Regeln.

Angesichts explodierender Kosten sollen neue Krebsmedikamente nach dem Willen des führenden Gremiums im Gesundheitswesen künftig schärfer überprüft werden. Die Mittel brächten den Patienten oft nur einige Monate mehr Lebenszeit, hätten aber häufig starke Nebenwirkungen und seien extrem teuer, sagt der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses, Josef Hecken. Auch der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen fordert die Politik auf, Lücken bei der Bewertung des Mehrwerts der Mittel für die Patienten zu schließen.

Kostensteigerung um drei Prozent

Vergangenes Jahr stiegen die Kosten der Kassen im Arzneibereich um mehr als drei Prozent auf 38,5 Milliarden Euro. Im Bundesausschuss entscheiden die Spitzenorganisationen der Kassen, Ärzte und Kliniken über die medizinische Versorgung in Deutschland. Anhand wissenschaftlicher Studien bewertet das Gremium seit 2011, inwiefern neue Arzneimittel mehr nutzen als ältere. In seiner letzten Sitzung des Jahres an diesem Donnerstag fallen die nächsten Beschlüsse zu einzelnen Mitteln. Die Bewertung ist Basis von Preisverhandlungen zwischen Kassen und Herstellern.

Länger leben, aber nicht besser

"Nach wie vor werden Onkologika überdurchschnittlich gut bewertet", sagt Hecken. Nur jedem fünften der 88 insgesamt bewerteten Krebsmittel sei kein Zusatznutzen beschieden worden. "Aber: Die meisten dieser Therapien bringen den Patienten lediglich ein längeres Leben von im Schnitt drei bis sechs Monaten", so Hecken. Mehr Lebensqualität gebe es selten. Viele Mittel kombinierten Chemotherapien – Nebenwirkungen stiegen so oft dramatisch an.

Oft handele es sich um biologische Arzneimittel, die gezielt am Tumor ansetzen, aber extrem teuer seien. "Die Jahrestherapiekosten betragen zu Beginn im Schnitt 100.000 Euro mit steigender Tendenz, noch ausgeprägter ist die Kostensteigerung bei den jetzt häufigen Kombinationstherapien." So stiegen die Arzneikosten bei Hautkrebs mit Metastasen auf rund 200.000 Euro pro Patient und Jahr.

Johann-Magnus von Stackelberg, Vizechef des Kassen-Spitzenverbands, kritisiert zudem: "Insbesondere Arzneimittel gegen Krebs werden immer öfter ohne finale klinische Prüfungen zugelassen." Hersteller müssten eigentlich aussagekräftige Daten zum Nutzen-Risiko-Verhältnis nachliefern. "Die Praxiserfahrungen sind leider andere."

Hecken verlangt gleich mehrere Verschärfungen: "In Zukunft müssen neue Wirkstoffe schlechter bewertet werden, wenn keine Angaben zur Lebensqualität vorliegen." Preisverhandlungen sollten zudem für ähnliche Medikamente zur Behandlung einer Erkrankung ermöglicht werden – statt wie heute nur für einzelne Mittel. Sonst solle es pauschale Abschläge für alle beteiligten Hersteller geben.

Pharmaverband verteidigt Vorgehensweise

Der Pharmaverband vfa betont den Wert "innovativer Onkologika". Sie seien hochwirksam. Unnötige Therapien und Therapieabbrüche würden vermieden. Eingesetzt würden sie nur, "wo es keine Behandlungsalternative gibt oder wo sie aufgrund ihrer besseren Wirksamkeit im Vergleich zu bestehenden Therapien sinnvoll sind".

Gerade bei biologischen Arzneimitteln forderte Hecken aber "bessere Einspareffekte". Für diese mit Gentechnik in lebenden Zellen hergestellten Biologika gibt es oft günstigere Nachfolge-Präparate, sogenannte Biosimilars. Ihr Preisabstand zum Original betrage heute höchstens 20 Prozent. Er solle auf bis zu 40 Prozent wachsen. Ärzte würden zudem zu oft lieber beim teuren Original bleiben, obwohl ein Biosimilar ebenso wirke. Die Arzneimittelkommission der Ärzte hatte dies kürzlich mit "Desinformation auf Fachkongressen" begründet.

Zu wenig Klarheit über den Mehrwert gibt es laut Hecken und Stackelberg auch bei Mitteln gegen seltene Krankheiten, sogenannten Orphan Drugs. Um auch solche Mittel schnell an die Patienten zu bringen, gilt ein Zusatznutzen bis zu einem Umsatz von 50 Millionen Euro auch ohne die sonst übliche Prüfung als belegt. "Für Arzt und Patient birgt das die Gefahr einer Fehlinformation", sagt Stackelberg. Sie wüssten nicht, ob die Mittel mehr brächten. Das solle sich ändern. Hecken fordert "strengere Bewertungsstufen".

Am Donnerstag will der Bundesausschuss etwa über ein solches Mittel mit Kosten von rund 750.000 Euro pro Patient und Jahr entscheiden. Es handelt sich um das Mittel Brineura gegen Kinderdemenz, bei der kleine Kinder ihre Sehkraft, dann ihre kognitiven und motorischen Fähigkeiten verlieren und oft im Grundschulalter sterben. 

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