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Ein rätselhafter Patient: Elektroschock beim Sex

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Ein rätselhafter Patient  

Elektroschock beim Sex

02.03.2014, 11:14 Uhr | Dennis Ballwieser, Spiegel Online

Ein rätselhafter Patient: Elektroschock beim Sex. Aussetzer beim Geschlechtsverkehr: Eine Narbe im Herzen (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Aussetzer beim Geschlechtsverkehr: Eine Narbe im Herzen (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Ein sportlicher Amerikaner kippt beim Fußballspielen um. Ärzte finden in seinem Herzen Zellen, die das Pumporgan rasen lassen, und veröden sie. Ein implantierter Schrittmacher geht das erste Mal los, als der 35-Jährige mit seiner Frau schläft. Doch warum?

Mitten im Fußballspiel war der 35-jährige Mann umgefallen. In der Notaufnahme des Brigham and Women's Hospital in der US-Stadt Boston berichtet er anschließend, er sei nur kurz ohnmächtig gewesen, für Sekunden. Kurz zuvor habe er sich benommen gefühlt, als er wieder zu sich kam, sei sofort alles wieder in Ordnung gewesen. Keine Übelkeit, keine Brustschmerzen, keine Atemnot. Die Berichte von Augenzeugen bestätigen seine Schilderung.

Der Mann nimmt keine Medikamente, raucht nicht, gibt auch an, keine Drogen zu nehmen. Gelegentlich trinkt er Alkohol, doch während des Fußballspiels war er nüchtern. Nach Geburt und Kindheit in Mexiko kam er als Teenager in die Vereinigten Staaten, wo er seitdem lebt, mittlerweile mit seiner Frau im Bundesstaat Massachusetts; er arbeitet als Milchbauer. Auf Nachfrage der Ärzte kann er sich nicht an besondere Krankheiten in der Kindheit erinnern, schreiben Michelle Fox und ihre Kollegen im "New England Journal of Medicine".

Sie untersuchen ihren Patienten, dabei fällt ihnen nichts Besonderes auf. Auch das Elektrokardiogramm (EKG) ist normal. Sie beobachten das Herz im Ultraschall, nichts weist auf ein Problem hin. Weil die Mediziner es für am wahrscheinlichsten halten, dass ein Aussetzer des Herzens zu der plötzlichen Bewusstlosigkeit geführt hat, entlassen sie den Mann mit einem EKG-Überwachungsgerät. Der Monitor soll zwei Wochen lang die elektrischen Aktivitäten des Herzens aufzeichnen, vielleicht finden die Ärzte dann die Ursache.

Erneuter Zwischenfall beim Fußball

Tatsächlich entdecken sie bei der Kontrolle einen Zwischenfall, bei dem die Herzfrequenz auf nahezu 300 Schläge pro Minute angestiegen ist, wiederum während der Patient Fußball gespielt hat. Er erinnert sich an leichte Atemschwierigkeiten und ein ungewohntes Gefühl im Halsbereich. Doch auf Nachfrage gibt er an, weder Brustschmerzen noch Herzstolpern oder Benommenheit gespürt zu haben. Um genauer nach der Ursache des Herzrasens, das im Fachjargon als Tachykardie bezeichnet wird, forschen zu können, nehmen die Ärzte den Mann in die Klinik auf.

Über die Blutgefäße wird ein Katheter bis ins Herz des Patienten vorgeschoben, während Kardiologen den Brustkorb röntgen. Auch bei dieser Herzkatheteruntersuchung fällt ihnen nichts Ungewöhnliches auf. Sie überprüfen die Weiterleitung elektrischer Reize im Herzmuskel; hier finden die Ärzte einen Hinweis auf die Ursache der Rhythmusstörungen. In der linken Herzkammer geben Zellen ungewöhnliche elektrische Impulse ab. Die Ärzte veröden die Stelle.

Dann untersuchen sie das Herz des Mannes im Kernspintomografen. Auf den Magnetresonanztomografie-Aufnahmen sind aber nur die Schäden zu sehen, die die Ärzte selbst beim Veröden verursacht haben. Danach gelingt es ihnen, kurze Herzrhythmusstörungen auszulösen. Allerdings wird daraus nicht mehr die potentiell andauernde Tachykardie. Weil aber auch die kurzzeitigen Rhythmusstörungen für den Patienten gefährlich werden können, wenn sein Kreislauf unvorhersehbar zusammenbricht, setzen sie dem Mann ein Gerät ein, das ähnlich wie ein Herzschrittmacher funktioniert. Dieser implantierbare Kardioverter und Defibrillator (ICD) kann im Notfall einen Stromstoß abgeben, um das Herz wieder in den richtigen Rhythmus zu bringen.

Danach passiert ein Jahr lang nichts, bis der Defibrillator einen einzelnen Elektroschock abgibt - während der junge Mann mit seiner Frau schläft.

Der zweite Herzton stolpert

Als der Mann anschließend ins Krankenhaus gebracht wird, ist seine Herzfrequenz wieder normal, sein Blutdruck gut und er hat keine Probleme beim Atmen. Beim Abhören der Herztöne fällt den Ärzten auf, dass der zweite Herzton deutlich stolpert, im EKG sehen sie, dass die Herzmuskelzellen den elektrischen Strom auf einer Herzseite verzögert weiterleiten. Im Ultraschall wird deutlich, dass das Herz weniger Blut pumpt als zuvor. Die Mediziner testen, wie die elektrische Energie durch das Herz läuft: Durch den Herzmuskel verläuft eine neue Narbe. Erneut veröden die Ärzte Teile des Herzmuskels, um das Entstehen weiterer Tachykardien zu verhindern.

Die Narbe ist Folge einer fortschreitenden Herzmuskelerkrankung, vermuten die Ärzte. Die Probleme des Herzens, ausreichend Blut in die Gefäße zu pumpen, sind auch keine Folge der Rhythmusstörungen. Der Verdacht fällt auf die Chagas-Krankheit. Auslöser ist der Parasit Trypanosoma cruzi, der in Mittel- und Südamerika verbreitet ist, weltweit sind etwa zehn Millionen Menschen mit dem Erreger infiziert - der Patient ist in Mexiko geboren.

Während die akute Infektion meist ohne Beschwerden verläuft, entwickelt sich bei bis zu einem Drittel der Betroffenen eine chronische Infektion; deren Folge ist häufig eine Herzmuskelerkrankung. Und die Störung der Weiterleitung der elektrischen Impulse auf einer Herzseite, so wie bei diesem Patienten, ist typisch für die Chagas-Krankheit. Zusätzlich leiden viele Betroffene unter Problemen an der monströs geschwollenen Speiseröhre oder dem dann als Megacolon bezeichneten Dickdarm. Wie genau die Infektion das Herz schädigt, ist unklar - doch unbehandelt droht in jedem Fall der Tod.

Bei einer Positronen-Emissions-Tomografie (PET) im Computertomografen (CT) können die Ärzte keinen aktiven Erkrankungsherd im Herzmuskel finden, doch sie sehen, dass ein Teil der Muskelwand des Herzens beschädigt ist, eine Aussackung hat sich gebildet. Bei der PET-CT werden Bereiche des untersuchten Areals farblich hervorgehoben, in denen Zellen besonders viel Blutzucker verbrauchen. Ein Bluttest auf den Erreger der Chagas-Krankheit zeigt an, dass der Mann in der Vergangenheit mit Trypanosoma cruzi infiziert gewesen sein muss. In den folgenden zwei Monaten muss der Patient ein Medikament gegen den Parasiten einnehmen.

Bei der Nachuntersuchung neun Monate später hat er keine Beschwerden mehr. Doch der weitere Verlauf ist schwer vorherzusagen: Die medikamentöse Behandlung, die der Patient erhalten hat, gilt als unzuverlässig. Es kann nach wie vor passieren, dass sein Herz durch die Infektionsfolgen weiteren Schaden nimmt.

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