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Trauerarbeit per Handy: Hotline ins Jenseits

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Trauerarbeit per Handy: Hotline ins Jenseits

02.06.2009, 14:09 Uhr | Spiegel Online

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Das Handy fürs Grab (Foto: telefonengel.com)Das Handy fürs Grab (Foto: telefonengel.com) Von Almut Steinecke

In Deutschland sterben pro Jahr 800.000 Menschen - die Bestattung der Toten und die Trauer der Hinterbliebenen sind ein lukratives Geschäft. Da kommt mancher findige Unternehmer auf die sonderbarsten Ideen - wie das Handy, mit dem man Tote anrufen kann.

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Drei tiefe Atemzüge

Holger R. sitzt am Totenbett seiner Mutter. Vor neun Tagen ist sie in das Hospiz bei Köln eingeliefert worden. Die 83-Jährige hat Lymphdrüsenkrebs, Endstadium. Holger R. hält die Hand seiner Mutter, streichelt sie. Plötzlich ändert sich ihre Atmung, die Kranke erbricht sich, tut drei tiefe Atemzüge - und stirbt.

Totenmaske zur Erinnerung

Holger R. fühlt sich leer, erschlagen, wie er sagt, von der "Macht dieses Moments". Dann fasst der 49-Jährige, gemeinsam mit der Familie, einen ungewöhnlichen Entschluss. Bevor sie eingeäschert wird, fertigt ein Bildhauer eine Totenmaske der Verstorbenen an.

Nur 58 Prozent Erdbestattungen

Rund 830.000 Menschen sterben laut Statistischem Bundesamt pro Jahr in Deutschland, die Anzahl traditioneller Erdbestattungen ist jedoch rückläufig - sie liegt bei nur noch 58 Prozent.

Abschied wird individueller

Menschen nehmen individueller Abschied als früher - sie lassen ihre Toten in Trauerwäldern begraben, ein Schweizer Unternehmen bietet gar das Pressen der Urnenasche zu Diamanten an, im Elsass kann man die Asche vom Heißluftballon aus verstreuen.

Trauer wird zum Geschäftsfeld

Nicht nur die Bestattung der Toten, auch die Trauer der Hinterbliebenen wird zunehmend zu einem Geschäftsfeld, aus dem findige Unternehmer Kapital schlagen.

Maske kostet 1000 bis 2500 Euro

Der Betrag, den Familie R. für die Totenmaske der Mutter zahlte, reut Holger R. nicht. Die fragilen Linien im Gips, das Berühren der Stirnfurchen, des fein gezogenen Mundes der Verstobenen geben Kraft, sagt R. Man könne anders loslassen, weil eine andere Nähe zum Toten vorhanden sei als beim Betrachten von Erinnerungsfotos. Kostenpunkt dieser Form von Trauerbewältigung: 1000 bis 2500 Euro.

Handys als Grabdreingabe

Ähnlich tief in die Tasche greifen müssen auch die Kunden von Jürgen Bröther, 68. Der ehemalige Raumausstatter aus Osnabrück verkauft sogenannte Telefon-Engel, spezielle Handys, die dem Verstorbenen ins Grab gegeben werden. Hinterbliebene können die Nummer anwählen, um letzte Worte an den Toten zu richten.

"Hätte ihr gerne noch soviel erzählt"

Die Geschäftsidee brütete der Rentner am Stand von Thailand aus, wo er Urlaub machte, nachdem seine Mutter gestorben war: "Ich hatte ein gutes Verhältnis zu ihr und hätte ihr gerne noch soviel erzählt", sagt Bröther.

Besonderes Handys muss her

Um einen Toten im Grab anzurufen, darüber war sich Bröther im Klaren, "musste schon ein besonderes Telefon her, ein normales Handy ist ja nach vier Stunden leer."

Erfinderberater irritiert

Bröther wandte sich an die Beratungsstelle für Erfinder der Universität Osnabrück, "aber die Leute guckten mich an, als würde es mit mir zu Ende gehen".

Mindestgesprächsdauer von rund 200 Stunden

Ein befreundeter Elektroniker half ihm schließlich bei der technischen Umsetzung seiner Idee: Aus einem Handy baute er den Akku aus und lötete ein spezielles Schaltnetzteil an. Das wird von außen mit sechs Akkus stromversorgt, die wiederum mit Kabeln an das Handy angeschlossen werden. So ergibt sich eine Mindestgesprächsdauer von rund 200 Stunden, eine Stand-by-Zeit von bis zu einem Jahr.

Wasserdichter Kasten für das Handy

Handys und Akkus legt Bröther dann in einen mittelgroßen Kasten aus glasfaserverstärktem Kunststoff, der "absolut wasserdicht ist, und auch sonst kann nichts hinein gelangen", erzählt Bröther; jeden Kasten lässt er eigens in einer Tischlerei anfertigen.

Keine Garantie für Empfang

Zu Handy und Akkus kommt noch ein Lautsprecher, der nach unten ausgerichtet auf dem Kastenboden liegt, ebenfalls per Kabel verbunden mit dem Telefon. Den fest verschlossenen Kasten samt Inhalt sollen die Trauernden selbst in der Grabstelle verbuddeln, etwa 30 Zentimeter tief in der Erde. "Noch tiefer, also direkt auf den Sarg kommt der Telefon-Engel nicht, Sie kommen da sonst ja nie wieder dran", sagt Pragmatiker Bröther. "Außerdem kann ich ja nicht garantieren, dass da noch Empfang ist, so weit unten."

"Das Handy bleibt unversehrt"

Bei 30 Zentimetern sei der Empfang aber gut, und das Gerät lagere trotzdem tief genug, dass man die Stimme des Anrufers von außen nicht höre. Ein Bimmeln wie bei einem normalen Telefon ertönt ohnehin nicht. "Das Handy bleibt unversehrt, ich habe es bei mir im Garten einen ganzen Winter lang selbst getestet", so Bröther stolz.

Anrufannahme ist automatisiert

Wichtig sei ihm, "den Kunden zu überzeugen, dass nur er und ich die Nummer kennen, unter der er den Telefon-Engel erreicht." Die Anrufannahme ist automatisiert, es tutet einige Male, dann macht es "Klick", und der Anrufer hört - Stille. Und spricht ins Nichts. Abgerechnet werden die Anrufe laut Bröthers Angaben über den jeweiligen Telefonanbieter des Kunden.

Handy kostet 1495 Euro

Das himmlische Handy gleichwohl hat seinen Preis: Für das Gesamtpaket mit Telefon, Akkus und Lautsprecher im Kasten berappt der Kunde 1495 Euro.

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Geschäft mit Tod und Trauer?

Ist diese Idee anstößig, macht Bröther ein Geschäft mit dem Tod, mit der Trauer? "Leute, die mir das vorwerfen, reden erst, bevor sie denken", sagt der 68-Jährige. Er wolle nur helfen. "Die Kunden können sicher sein: Ihre Stimme ist so nah dran wie sie es noch nie gewesen ist, nachdem ihr geliebter Mensch verstarb."

Trauerpsychologe findet Idee dahinter richtig

Die Idee hinter dem Telefon-Engel sei "schon eine richtige", räumt Trauerpsychologe Arnold Langenmayr von der Universität Duisburg-Essen ein. "Trauernde leiden ja oft unter blockierten Gefühlen, unausgesprochenen Gedanken, die man vielleicht noch gerne mit dem Toten beredet hätte."

Telefon-Engel ähnelt einer Therapie-Methode

Es gebe eine Methode aus der Gestaltpsychotherapie, die durchaus dem Telefon-Engel ähnlich sei: Dabei spricht der Trauernde mit einem leeren Stuhl, führt so quasi einen Dialog mit der toten Person. "Auf diese Weise durchläuft er schmerzliche Emotionen, und Gefühlsblockaden können aufbrechen", erklärt Langenmayr. Eine gestaltpsychotherapeutische Sitzung dieser Art koste rund 100 Euro, "der Telefon-Engel", so Langenmayr, "erscheint mir wie eine mit riesigem Geldaufwand verbundene Kopie dieser Methode."

Käufer schätzen Anonymität

Von Bröthers Kunden - seine Idee sei gefragt, drei bis fünf Anfragen erreichten ihn täglich - wollte sich keiner SPIEGEL ONLINE gegenüber zur Hotline ins Jenseits äußern. Die Käufer des Handys schätzen die Anonymität, sie würden von anderen "nicht gehört und nicht gesehen", so Bröther, wenn sie zum Beispiel nachts "ganz alleine im Dunkeln" telefonierten.

Realitätsgrenzen "verwischen"

Gerade diese Alleingänge in der Trauer hält Experte Langenmayr für gefährlich. Der Hinterbliebene habe keinen Therapeuten an seiner Seite, der eingreifen, Gefühle gegebenenfalls kanalisieren, als einfühlsame Kontrollinstanz fungieren könne. "Da kann meiner Ansicht nach viel schief gehen." Zudem werde "mit der Vorstellung gespielt, dass der Hinterbliebene den Toten mit einem Anruf erreicht, der Tote ihn also hören kann - da "verwischen mir die Realitätsgrenzen zu stark", sagt Langenmayr.

Totenmaske "ungefährlicher"

Die Beschäftigung mit einem "realen Bild" wie etwa einer Totenmaske bewertet er als "ungefährlicher".

"Anklang von Störung der Totenruhe"

Carmen Berger-Zell, 42, Pastorin und Mitherausgeberin von "Trauernetz.de", einem Angebot für Trauernde in der evangelischen Kirche, findet Bröthers Telefon-Engel ebenfalls bedenklich. "Es hat den Anklang von Störung der Totenruhe", sagt die Geistliche. In ethischer Hinsicht sei es "ein Unterschied, ob der Trauernde an einem Grab steht und dort Worte spricht oder ob er auf einem Telefon anruft, das in die Erde eingegraben und somit in die Grabstelle eingedrungen ist."

Vorwurf: Leichnam wird "funktionalisiert"

Zudem werde der Leichnam durch das Handy "funktionalisiert". "War der Telefon-Engel zu Lebzeiten nicht abgesprochen, hat der Verstorbene ja nicht mal die Möglichkeit, ,Ja' oder ,Nein' zu diese Art der Kontaktaufnahme zu sagen."

Trauerpsychologe empfiehlt "beratende Ansätze"

Trauern sollte zudem keine einsame Sache sein, sagt Trauerpsychologe Langenmayr: "Am hilfreichsten sind meiner Ansicht nach beratende Ansätze, in denen der Trauernde professionell begleitet wird - ist er gut sozial integriert, braucht er unter Umständen gar keine fachliche Unterstützung."

Totenmaske erinnert an "sonniges Gemüt"

Axel R. verlor, ein Jahr nach dem Tod der Mutter, seinen Vater. Auch von ihm ließen R. und sein Bruder eine Maske anfertigen. Die schaut sich R. von Zeit zu Zeit an und denkt an das "sonnige Gemüt" des Verstorbenen. "Erinnerung", sagt Axel R., "ist ein Paradies, da kann dich keiner draus vertreiben".

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