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Arte-Doku: Fernsehen aus dem Fläschchen

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"Fernsehen aus dem Fläschchen": Babys als neue Zielgruppe

04.02.2011, 14:06 Uhr | Spiegel Online

Wenn der Babystuhl zum Fernsehsessel wird: Die Arte-Dokumentation "Fernsehen aus dem Fläschchen" zeigt, wie die TV-Industrie schon Kleinstkinder an sich zu binden versucht - und welchen Überforderungen diese Mini-Konsumenten ausgesetzt sind.

Große Einschlafkrise in Amerika

Einschlafkrise in Amerikas Babybettchen: Als der Kabelanbieter, der den Sender BabyFirst in seinem Repertoire hat, letztes Jahr für ein paar Stunden in der Nacht sein Programm aussetzen musste, kam es in vielen Familien zum Ausnahmezustand. Es gingen hunderte von Anrufen verzweifelter Eltern ein, die nicht wussten, wie sie ihren Nachwuchs trösten sollten. Denn der ist daran gewöhnt, mit den von BabyFirst verbreiteten Bildern in den Schlaf zu gleiten, also zum Beispiel mit computeranimierten Versionen von Aquarien oder Mobiles.

Babys: Die neue Zielgruppe

Die Fernsehwirtschaft hat seit einigen Jahren eine neue Zielgruppe erschlossen: Menschen zwischen vier und 24 Monaten. Das sogenannte Babyfernsehen ist inzwischen zu einer 500 Millionen Dollar schweren Industrie gewachsen. Lag in den siebziger Jahren das Einstiegsalter für regelmäßigen Fernsehkonsum noch bei vier Jahren, so liegt es nun bei vier Monaten.

Die französische Dokumentation "Fernsehen aus dem Fläschchen" nähert sich diesem noch relativ jungen Medienphänomen, das sich rasch weltweit verbreitet. Der amerikanische Sender BabyFirst etwa sendet inzwischen in 35 Ländern und 12 Sprachen und erreicht dabei 120 Millionen Haushalte. Kaum weniger flächendeckend verkauft das israelische Baby-TV sein Programm. Da der Tagesablauf der Kleinstkunden in allen Metropolen auf der Welt identisch ist - Fläschchen, Fernsehen, Bubu machen -, müssen die Macher ihre Sendungen kaum bearbeiten, um sie international zu vermarkten: "Ob Shanghai oder Tel Aviv", frohlockt einer der Verantwortlichen, "in diesem Alter können wir weltweit eine genau definierte Zuschauergruppe ansprechen."

Kann man Kleinstkinder über Fernsehen mit Sprache füttern?

Aber wie spricht man denn nun eine Zuschauergruppe an, die selbst noch nicht mal des Redens mächtig ist? Die Kleinen schalten die Apparate ja nicht selbst an, sondern werden im Maxi-Cosi von ihrem Vater oder ihrer Mutter davor platziert. Mitnichten sind das übrigens Eltern, die aus Bequemlichkeit oder Nachlässigkeit ihrem Nachwuchs einen Fernsehkonsum von zum Teil mehreren Stunden pro Tag zukommen lassen. Man bezahlt vielmehr für das werbefreie Programm von BabyFirst oder Baby-TV, damit das Kind eine besonders gute Entwicklung nehme.

Doch genau an diesem Punkt, das zeigt "Fernsehen aus dem Fläschchen", wird es problematisch: Was Eltern oft als ansprechende Technik erscheint, die Sprachlust ihrer Sprösslinge zu stimulieren oder deren kognitive Fähigkeiten anzukurbeln, kann sich durchaus negativ auswirken. Damit neue Verbindungen im Gehirn entstehen und ein Kind lernen kann, braucht es die gleichzeitige Aktivierung von verschiedenen Hirnbereichen; das ist beim TV-Passivkonsum nicht gewährleistet.

Natürlich erscheint es auf den ersten Blick einleuchtend, dass ein Kind, das eine sympathisch tanzende gelbe Frucht sieht und dabei möglichst oft "Banane" zu hören bekommt, dieses Wort irgendwann abspeichert. Tatsächlich kann aber genau das Gegenteil erzielt werden. In einer bestimmten Entwicklungsstufe reicht es eben nicht, Kinder mit Sprache zu füttern; zum Abspeichern bedarf es der direkten Interaktion. Mit einem menschlichen Gegenüber ist die Motivation höher, Dinge zu begreifen. Durch sein Mienen- und Gebärdenspiel bestimmt das Kind das Tempo der Sprachvermittlung; mittels eines individuell auf Sohn oder Tochter abgestimmten Singsangs, der den Sprechenden in der Stimmlage zuweilen eine Oktave höher gehen lässt, wird seine Sprachfreude nachhaltiger befeuert.

Regisseurin Anne Georget ("Verfluchtes Gen") hat für ihren Film eine Reihe von Verhaltensforschern und Kinderpsychologen besucht und sie bei ihren Experimenten beobachtet. Angesichts des neuen Medienformats Babyfernsehen laufen die Untersuchungen auf Hochtouren: Im "Babylab" in Amherst, Massachusetts etwa legt man kleinsten Zuschauern Elektroden an, um Gehirnströme und Herzfrequenz zu testen. Was sieht ein Kind, wenn es auf den Bildschirm schaut? Und was passiert dabei in Kopf und Körper?

Bildsalat à la Baby-TV

Das Ergebnis der Fernsehexperimente im frühkindlichen Stadium: Die Synapsen der Mini-Probanden qualmen, die Erkenntnisse allerdings sind eher ernüchternd. Babys werden zwar von Gesichtern angezogen, haben aber ansonsten keine einheitlichen Fixpunkte. Einer der Forscher bringt es auf den Punkt: "Erfahre ich, was ein Baby anguckt, heißt das nicht, dass ich weiß, was alle angucken." Bei frühkindlichen Fernsehzuschauern bleibt der Blick auf den Bildschirm so gut wie unsteuerbar. Ebenso problematisch erweist sich der Schnitt; ein Kind unter zweieinhalb Jahren kann keine Verbindungen zwischen wechselnden Perspektiven herstellen. Im Kopf bleibt Bildsalat zurück.

Nein, Kinder unter zweieinhalb Jahren lernen vom Fernsehen nichts. Im Gegenteil: Vorgänge, die auf dem Bildschirm gesehen werden, inspirieren die jüngsten Konsumenten weniger zur Nachahmung, zur spielerischen Aneignung, als Vorgänge, die direkt vor ihnen vollzogen werden. Die Dimension Fernsehen kann nicht mit der Dimension Realität abgeglichen werden. "Video-Defizit" nennt einer der Betreiber des Amherster Baby-Labors dieses Phänomen - je älter die Kinder, desto kleiner wird dieses "Defizit". Mit drei hat es sich dann verflüchtigt.

So wird in "Fläschchen aus dem Fernsehen" keineswegs den Fernsehphobikern und Kulturpessimisten das Wort geredet. Im Gegenteil, es sind sich alle hier zu Wort kommenden Forscher einig, dass das Medium für Nutzer ab drei Jahren sehr wohl einen pädagogischen Wert haben kann.

Befürworter ohne Argumente

Es wird spannend zu beobachten sein, wie die Betreiber des immer mächtigeren Wirtschaftszweigs Babyfernsehen in nächster Zeit eigene Studien betreiben, um ihrem lukrativen Metier entwicklungstechnischen Nutzwert attestieren zu lassen. Bislang allerdings haben sie ihren Gegnern wenig entgegenzusetzen. Einer der Babyberiesler im Film gibt gar offen zu, dass er sein eigenes Kind allenfalls zehn Minuten dem selbst erstellten Programm aussetzen würde.

Soviel ist also sicher: Als eine Art schneller kognitiver Brüter taugt Fernsehen beim besten Willen nicht.

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