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Männliche Erzieher: Spielkameraden unter Pädophilieverdacht

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Männliche Erzieher  

Spielkameraden unter Pädophilieverdacht

14.10.2014, 14:30 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de

Männliche Erzieher: Spielkameraden unter Pädophilieverdacht. Männliche Erzieher sind noch immer Exoten in einem Frauenberuf. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Männliche Erzieher sind noch immer Exoten in einem Frauenberuf. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

In Kitas und Krippen sind männliche Erzieher noch immer selten. In Deutschland arbeiteten 2013 insgesamt knapp 20.000 männliche Fachkräfte, inklusive Praktikanten, Freiwilligen und ABM-Kräften in Kindertageseinrichtungen. Das ist weit mehr als noch vor ein paar Jahren, entspricht aber einem relativen Männeranteil von gerade mal vier Prozent. Eine Expertin des deutschen Jugendinstituts (DJI) erklärt, welche traditionellen Rollenbilder damit verbunden sind und mit welchen Vorurteilen "Kindergärtner" zu kämpfen haben.

Torsten arbeitet seit drei Jahren als Erzieher in einer privaten Elterninitiative im Rhein-Main-Gebiet. Er ist hier der Hahn im Korb, inmitten seiner vier Kolleginnen, die mit ihm 22 Kinder zwischen zwei und sechs Jahren in der Kita betreuen. Dass er der einzige Mann unter Frauen ist, mache bei der Arbeit allerdings keinen großen Unterschied, meint Torsten. Die Aufgabenverteilung und Teamorganisation sei ziemlich paritätisch verteilt, jeder sei mal mit Bastelaktionen, Handarbeiten und Werken dran oder begleite nachmittags die Kleineren in der Schlummerzeit.

Nur beim Fußballspiel oder beim wilden Raufen sei er öfters gefordert, weil die Jungs ihn dann gezielt zum Mitmachen aufforderten. Und wenn es mal etwas Schweres zu tragen gäbe, erzählt der Pädagoge, sei er natürlich Gentleman und helfe den Kolleginnen.

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Endlich mal ein männliches Vorbild!

Doch nicht immer laufen die Dinge so "ausgewogen" wie in dieser Einrichtung. Denn sich als Mann in dem typischen Frauenberuf Erzieher zu positionieren, ist oftmals gar nicht so leicht. Zwar begrüßen die meisten Eltern, Einrichtungsleiter und Kita-Kollegen vom Grundsatz her die männliche Komponente in Kindergärten - nach dem Motto endlich mal ein männliches Vorbild. Aber was das konkret heißt, darüber gibt es sehr unterschiedliche Ansichten, so die Erkenntnisse der Soziologin Anna Buschmeyer vom Deutschen Jugendinstitut (DJI), die gerade eine Studie zum Thema veröffentlicht hat.

Schubladendenken und Vorurteile

"Den typischen Erzieher gibt es nicht", sagt die Expertin gegenüber t-online.de. "Denn Männlichkeit hat so viele Ausrichtungen. Auf der einen Seite ist derjenige, der eher dem klassischen Männerimage entspricht, für die Kinder am liebsten der Kumpel sein mag, der tobt, balgt, bolzt und manchmal auch strenger sein kann. Auf der anderen Seite ist der, der genau das Gegenteil macht, weil er den Beruf bewusst ergriffen hat, um Kindern zu zeigen, dass Männer eben auch anders sein können. Irgendwo zwischen diesen beiden Polen bewegen sich die meisten Erzieher im Alltag.

Der Pädophilieverdacht ist unterschwellig vorhanden

Besonders schwer wiegt bei der Debatte um männliche Erzieher der unterschwellige Generalverdacht der Pädophilie. Die Sorge der Eltern ist dann immer dieselbe: Könnte der freundliche junge Mann, der sich so engagiert um mein Kind kümmert, auch andere Absichten haben? Eine Untersuchung der Berliner Koordinationsstelle "Männer in Kitas" hat dazu herausgefunden, dass immerhin 40 Prozent aller Väter und Mütter bei männlichen Erziehern an die Gefahr eines möglichen Missbrauchs denken.

Mit diesem schlimmen Vorurteil, das sich in den letzten Jahren noch verstärkt hat, müssen sich täglich viele Erzieher auseinandersetzen. Häufig hat es auch Konsequenzen auf den Kita-Alltag beziehungsweise die Vorschriften der Einrichtung. Oftmals sind die Erzieher dann nämlich ausgeschlossen von bestimmten Tätigkeiten.

"Sie dürfen dann beispielsweise die Kinder nicht wickeln oder beim Mittagsschlafritual nicht dabei sein - stehen immer unter Beobachtung und haben so eine Sonderrolle. Das macht es auch für die Kolleginnen komplizierter, weil bestimmte Arbeiten dann nur von ihnen erledigt werden können", kommentiert die Soziologin. Sie ist überzeugt davon, dass in den Kitas nur ein transparenter und offener Umgang mit diesem Thema gegensteuern kann.

"Dieses heiße Eisen muss angepackt werden und alle Beteiligten sollten sich dann an einen Tisch setzen, um dabei grundsätzlich über den Umgang mit Sexualität in Kitas zu sprechen. Das darf nicht erst dann auf die Tagesordnung, wenn ein männlicher Erzieher eingestellt wird. Das würde die Vorbehalte nur untermauern."

Der Erzieherberuf ist wenig attraktiv für Männer

Das Spannungsfeld zwischen positiven Erwartungen und negativen Vorurteilen, in dem sich Erzieher bewegen, macht es für junge Männer so nicht gerade leichter, sich für diesen Beruf zu begeistern. Aber auch die traditionell weibliche Prägung des Jobs fördere nicht gerade die Bewerberflut, weiß Buschmeyer: "Erzieher werden oft als unmännlich bezeichnet oder ihnen wird unterstellt, sie seien homosexuell."

Deswegen entscheiden sich Buschmeyer zufolge junge Männer meist auch nicht als 16-Jährige, wo der Einfluss der Peergroup besonders groß ist, sondern eher mit Mitte oder Ende 20 für diesen Beruf, wenn sie besser zu ihrer Entscheidung stehen können. Aber auch dann würden sie oft nicht für voll genommen, weil das, was sie tun, nicht männlich sei, wenig soziale Anerkennung genieße und angeblich nicht genug Verantwortung mit sich bringe.

Neben dem weichen Image ist es aber auch die mit etwa 2100 Euro brutto niedrige Bezahlung, die junge Männer daran hindert, Erzieher zu werden. Außerdem bietet der Job, abgesehen von der Aussicht auf eine Kita-Leitung, kaum Aufstiegschancen. Um als Alleinverdiener eine Familie ernähren zu können, sind das schlechte Voraussetzungen.

Dass sich hier etwas ändern muss, räumt sogar das Bundesfamilienministerium ein, das bis 2013 im Rahmen des Modellprogramms "Mehr Männer in Kitas" 1300 Einrichtungen mit 13 Millionen Euro zusätzlich förderte. "Die drei- bis fünfjährige unbezahlte Ausbildung für den Beruf ist alles andere als attraktiv", heißt es da in einer Broschüre. "Auch das ist ein Grund, warum sich besonders Männer gegen den Beruf entscheiden. Gerade angesichts des enormen Stellenwerts dieser Ausbildung für die Gesellschaft, muss hier nachgebessert werden."

Ein "Quoten-Mann" ist zu wenig

Ob solche Absichtserklärungen bald umgesetzt werden, bleibt fraglich. Fest steht aber: Wer sich den Job des Erziehers aussucht, muss auf jeden Fall ein Idealist sein. Das gilt erst recht für Männer, weil sie sich noch als Exoten in einem Frauenberuf behaupten müssen.

Den Kindern in Kitas ist meist nicht bewusst, dass männliche Erzieher eine echte Rarität sind. "Sie machen eigentlich keinen Unterschied zwischen Erziehern und Erzieherinnen", erläutert Buschmeyer. "Für sie ist das selbstverständlich und normal, dass jeden Tag auch ein Mann da ist, der genauso mal kuschelt oder ein Buch vorliest. Sie wissen ja nicht, dass das in vielen anderen Einrichtungen nicht der Fall ist."

Eine gute Perspektive sei es, so die Expertin, wenn Kita-Kinder in Zukunft öfter die Chance erhielten, mehr als nur einen "Quoten-Mann" in ihrer Einrichtung zu erleben. "So würde nicht alles Männliche immer auf eine Person projiziert werden und die Kinder hätten - wie auch bei den Frauen in der Einrichtung - unterschiedliche männliche Vorbilder mit vielen Facetten vor Auge, den Fußballspieler und Tober genauso, wie auch denjenigen, der gerne bastelt, singt oder kocht." Ob dadurch allerdings der Beruf Erzieher langfristig attraktiver für das "starke Geschlecht" werden könnte, bezweifelt die Soziologin. "Dazu müsste das traditionelle Männerbild mit seinen Stereotypen in unserer Gesellschaft noch ein bisschen mehr wackeln."

In der Einrichtung, in der Torsten arbeitet, wird jedenfalls der Anteil männlicher Erzieher demnächst um hundert Prozent steigen. Ein neuer Kollege wird das Team verstärken. Die Mütter und Väter der Elterninitiative hatten gezielt nach einem Mann gesucht.

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