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"Schattengewächs": Helena wurde von ihren Eltern missbraucht

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"Ihr wart nie meine Eltern"  

Helena wurde acht Jahre von Mutter und Vater sexuell missbraucht

25.06.2014, 11:37 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de

"Schattengewächs": Helena wurde von ihren Eltern missbraucht. In ihrem Buch "Schattengewächs" beschreibt Helena W. Ranken, wie sie den Missbrauch durch ihre Eltern verarbeitete. (Quelle: Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag)

In ihrem Buch "Schattengewächs" beschreibt Helena W. Ranken, wie sie den Missbrauch durch ihre Eltern verarbeitete. (Quelle: Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag)

Über 13.000 Kinder wurden laut Kriminalstatistik 2013 in Deutschland sexuell missbraucht. Doch die Dunkelziffer ist weitaus höher. Die Täter kommen häufig aus dem sozialen beziehungsweise familiären Umfeld der Opfer. Nicht selten sind es sogar die eigenen Eltern, die sich an ihren Kindern vergreifen. Diese grausamen Erfahrungen musste auch Helena W. Ranken (Pseudonym) machen. Die heute 19-jährige Studentin hat gerade ihr Buch "Schattengewächs" veröffentlicht, in dem sie über den unvorstellbaren Albtraum berichtet, den sie schon als Fünfjährige bis zu ihrer Pubertät durchleiden musste.

Acht lange Jahre lang wurde Helena sexuell missbraucht. Zuerst von ihrem Vater, dann von ihrer Mutter - und schließlich vergingen sich beide Eltern regelmäßig an ihr. Niemand bemerkte etwas. Sie war dazu verdammt zu schweigen. Als Helena 13 Jahre alt war, ließen die Eltern endlich von ihr ab. Tiefe seelische Wunden aber blieben.

Mit 16 zog Helena von zu Hause aus und distanzierte sich von Vater und Mutter. Sie wurde depressiv, fügte sich durch Ritzen Verletzungen zu, litt unter Essstörungen und versuchte sich schließlich mit Tabletten umzubringen. Doch sie überlebte und hatte die Kraft, sich mit ihrem Schicksal auseinanderzusetzen. Ein wichtiger "Befreiungsschlag " war, ihre Eltern wegen sexuellen Missbrauchs anzuzeigen. Die stritten vor Gericht alles ab und wurden nicht bestraft.

UMFRAGE - MISSBRAUCH
Sollte beim Tatbestand sexueller Missbrauch die rechtliche Verjährung aufgehoben werden?

Davon erzählt die junge Frau in ihrer Lebensgeschichte "Schattengewächs", die mehr ist als ein Dokument traumatischer Erfahrungen. Sie schildert eine Kindheit, die, wie Helena schreibt, "voller Vertrauensbrüche, tiefer Verschlossenheit, bedrückender Gefangenheit, triebgesteuerter Befehle, fortwährender Hoffnungslosigkeit, roter Tränen, unsichtbarer Narben, gezwungener Perfektion und unbewusstem Vergessen" war.

T-Online.de hat mit der jungen Autorin gesprochen, die im Buch auch über ihr Leben "danach" schreibt, das einerseits von den Folgen des Missbrauchs geprägt ist, anderseits aber auch unbändige Kraft und Lebenswillen offenbart.

T-Online: Frau Ranken, was hat Sie bewogen dieses Buch zu schreiben und Ihre Geschichte in dieser Form öffentlich zu machen?

Helena W. Ranken: Ich möchte andere sensibilisieren, vor allem Menschen, die mit diesem Thema zum Glück nichts zu tun haben. Bisher wissen zu wenige, was die Anzeichen für einen sexuellen Missbrauch sind. Natürlich hoffe ich auch, dass ich Betroffenen etwas Mut machen kann.

Inwieweit half Ihnen das Schreiben bei der Verarbeitung des Erlebten?

Es war befreiend, das alles noch einmal zu verschriftlichen, aber natürlich ersetzt es keine richtige Therapie. Begleitend kann es jedoch entlasten.

Prägen die traumatischen Erlebnisse Ihrer Kindheit und Jugendzeit noch heute Ihr Leben?

Ja, ich glaube, ein Missbrauch wird nie vergessen sein. Es wird einen ein Leben lang begleiten. Man kann nur lernen und irgendwie versuchen damit umzugehen. Manchmal kommen die Erinnerungen noch unkontrolliert hoch. Ich bekomme Panikattacken oder Bauchschmerzen. Aber es geht wieder vorüber. Und das zu wissen, ist das Wichtige.

Fällt es Ihnen aufgrund Ihrer schlimmen Erfahrungen heute schwerer, Vertrauen zu anderen Menschen aufzubauen?

Ja, ich brauche eine ganze Zeit, um mich jemanden anvertrauen zu können. Das Urvertrauen wurde schließlich gebrochen. Aber mit der Zeit wird auch das besser.

Wie erklären Sie es sich, dass damals niemand in Ihrem sozialen Umfeld etwas bemerkte und Ihnen half?

Meine Familie stellte nach außen hin die absolute Perfektion dar, es war für andere nahezu unmöglich da hindurchzusehen. Hätte mich damals jemand auf den Missbrauch angesprochen, hätte ich es verneint. Die Angst vor meinen Eltern war zu groß.

Was gab den Ausschlag, dass Sie irgendwann die Kraft hatten, Ihre Eltern anzuzeigen?

Nach dem Suizidversuch kamen die ersten Erinnerungen wieder hoch und ich wusste, dass ich sie nie wieder verdrängen könnte. Nachdem meine Eltern es weder zugaben noch ein Gespräch zuließen, beschloss ich, sie anzuzeigen.

Wenn Sie heute nochmal Ihre Eltern treffen würden. Was würden Sie Ihnen sagen wollen?

Ich würde ihnen sagen, dass sie nie meine Eltern waren und es auch nie sein werden. Wahrscheinlich würde ich aber einfach an ihnen vorbeigehen.

Was sollte sich in der Rechtsprechung bezüglich des Tatbestandes des sexuellen Missbrauchs ändern? Ihre Erfahrungen diesbezüglich waren ja sehr ernüchternd.

Auf jeden Fall sollte die Verjährung aufgehoben werden. Opfer sexuellen Missbrauchs haben ihre ganzes Leben mit den Folgen der Taten zu kämpfen und die Täter können nach zehn Jahren nicht mehr verurteilt werden. Da kann man nicht von Recht oder Gerechtigkeit sprechen. Zudem wäre es auch wichtig, psychologische Gutachten durchzuführen, damit die Opfer nicht auch noch durch den Rechtsstaat missbraucht werden.

Was raten Sie anderen Opfern, die Ähnliches erleiden müssen wie Sie vor einigen Jahren? Wie können gepeinigte Opfer den Mut aufbringen, ihr Schweigen zu durchbrechen?

Das ist schwierig und jeder Missbrauch ist anders, deshalb kann man nicht unbedingt eine Universallösung finden. Allerdings ist es hilfreich sich selbst zu sagen, dass man durch das Schweigen den Täter auch schützt, und das hat kein Täter verdient. Zudem gibt es noch hilfreiche Beratungsstellen, die auf das Thema spezialisiert sind. Wichtig ist es auch, dass man versucht, sich ein gutes, haltendes Umfeld aufzubauen, das einen unterstützen kann.

Warum ist es so schwer das Schweigen zu brechen, vor allem wenn die Täter die Eltern oder nahe Verwandte sind?

Man hofft immer noch, dass sich die Eltern wie Eltern verhalten. Dass sie einen lieb haben, irgendwie wieder versuchen, es gut zu machen, was nicht geht. "Familienlos" möchte niemand sein, aber manchmal ist es ohne Familie besser. Zudem ist es oft so, dass die Täter dem Opfer drohen. Deshalb ist die Angst auch ein ständiger Begleiter.

Was möchten Sie mit Ihrem Buch bewirken?

Sensibilisierung, Betroffenheit, aber kein Mitleid. Und dass es Betroffenen Mut macht, an sich zu glauben und den eigenen Weg zu gehen.

Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft? Spielen dabei auch eigene Kinder eine Rolle?

Ja, ich möchte gerne Kinder haben und es ihnen ermöglichen, Kind zu sein. Sie sollen unbeschwert und frei aufwachsen können und immer wissen, dass sie über alles geliebt werden. Heiraten würde ich auch gerne. Mal schauen, was die nächsten Jahre bringen.

Buchtipp: "Schattengewächs - Mein Weg der Verarbeitung des sexuellen Missbrauchs" von Helena W. Ranken. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 2014.

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