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Kolumne: Verwüstung als Normalzustand

...

Räumt endlich auf!  

Wenn Verwüstung zum Normalzustand wird

Eine Kolumne von Larissa Koch

24.01.2018, 10:31 Uhr
Kolumne: Verwüstung als Normalzustand. chaotisches Zimmer (Quelle: Getty Images/ElenaNichizhenova)

Streubombe im Kinderzimmer: Der Kampf gegen das tägliche Chaos scheint hoffnungslos. (Quelle: ElenaNichizhenova/Getty Images)

Es ist wieder so weit: Die spielenden Gäste sind weg und das Kinderzimmer ist eine Spielzeugwüste. "So! Ihr räumt das jetzt auf!", spule ich meinen alltäglichen Satz ab. "Neiiiin! Wir haben schon vorgestern aufgeräumt!", ruft mir mein Sohn vorwurfsvoll entgegen. 

Ich weiß jetzt schon: Das wird eine langwierige, quälende Prozedur, an deren Ende nicht unbedingt Ordnung das Ergebnis sein wird. Ich kündige an, dass alles, was nicht in 20 Minuten vom Boden aufgehoben ist, in einen großen Müllsack kommt. Schon Kurt Tucholsky sagte: "Die Basis einer gesunden Ordnung ist ein großer Papierkorb." Aber weil wir nur kleine Papierkörbe besitzen, überspringe ich diesen Schritt und nehme direkt den Müllsack.

"Ich weiß nicht, wie Aufräumen geht!", ist das nächste Argument, das mein Sohn in petto hat. Ach! Es ist das mit Abstand leidigste Thema, noch vor Hausaufgaben und Zähneputzen. Und niemand hat eine Patentlösung, wie man zu Ordnung kommt, ohne dass der Haussegen ständig in Gefahr gerät. 

Vielleicht ist Ordnung einfach nicht die Lösung. Selbst der vernunftversessene Immanuel Kant sagte in seinem Werk "Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels": "Ich nehme die Materie aller Welt in einer allgemeinen Zerstreuung an und mache aus derselben ein vollkommenes Chaos." Das ist es doch wohl: Das vollkommene Chaos! Vielleicht ist das ständige Streben nach Ordnung ein Missverständnis der Optimierungsgesellschaft, das es zu überwinden gilt.

Der Ost-Bereich sollte unbedingt aufgeräumt sein

Aber irgendwie fühlt es sich nicht richtig an, wenn überall alles liegt und alles überall. Und eine noch viel ältere Lehre, die den Menschen schon 1.500 Jahre vor Kant Orientierung gegeben hat, hält wenig vom vollkommenen Chaos: Feng Shui. In einem Buch über die Grundlagen dieser chinesischen Harmonielehre erfahre ich Folgendes: "Wenn Sie sich gute Gesundheit und ein intaktes Familienleben wünschen, so betrachten Sie genau den Osten Ihrer Wohnung. Der Ost-Bereich sollte unbedingt aufgeräumt sein, damit das Chi ungehindert fließen kann. Entfernen Sie alles, was auf dem Boden zu Stolperfallen werden kann."

Ich fasse es nicht! Das Kinderzimmer liegt im Osten! Als einziger Raum!! Ausgerechnet!!! Und er ist eine einzige Stolperfalle!!!! Hier habe ich mir schon Legomännchen in die Ferse gebohrt, Murmeln haben mich in die Knie gezwungen und Malpapier zu Fall gebracht.

Also doch Ordnung. Ich nehme alle Gegenstände, die in meinen Hoheitsbereich gehören, an mich – Gläser, Plastikmüll, Haarbürsten – und trage sie in Küche und Bad. Ich wiederhole meine Aufräumaufforderung "Räumt jetzt bitte endlich weiter auf!" und zeige auf die Spielzeuginseln, die überall liegen. Der erste Antrieb zur Schaffung von Ordnung hat sich verflüchtigt  – in allgemeiner Zerstreuung aufgelöst, wie Kant sagen würde. Der Stillstand ist mit Händen zu greifen. Die Kinder haben sich längst schon wieder festgespielt. Alles ist spannender als Aufräumen, selbst zerschnittene Strohhalme,  zerknülltes Papier oder kleine Müllhaufen – Brutstätten der Kreativität.

Diplomatie des Einlullens

Hoffnungsvoll wende ich mich meinem eigenen Chaos zu, weiß aber, dass das völlig naiv ist. Ich betone, dass auch ICH aufräume. Aber ohne ständige Überwachung und ohne dass ich den Ordnungsvorgang persönlich moderiere, wird sich nichts tun. Meine Tochter kommt mit einem Plastikwellensittich bei mir vorbeigezwitschert. Der Vogel hat einen Brief im Schnabel. "Hier, Mama, Post für dich." Ich bedanke mich und öffne den winzigen Brief. Darin steht: "Mama, ich liebe dich." Diplomatie des Einlullens. Es funktioniert. Milde gestimmt bedanke ich mich mit einem Küsschen auf die Wange, schicke mein Töchterchen dann jedoch freundlich, aber bestimmt zurück nach Osten. Aus dem Chaos höre ich meinen Sohn, wie er in perfekter Silbentrennung ruft: "Ich-will-nicht-mehr-auf-räu-men!" 

Ich gehe ins Kinderzimmer und betone, dass ich gleich den blauen Müllsack holen muss und "nie wieder Besuch" kommen kann, wenn die Sachen jetzt nicht aufgeräumt werden – und rolle vor mir selbst die Augen über diese ausgesprochene Utopie.

Wieder ein Brief

Die Wellensittich-Brieftaube kommt erneut zu mir geflogen, dabei sollte sie längst in die Kiste für die gemischten Spielsachen gewandert sein. Ich schaue meine Tochter streng an, sie schaut streng zurück und sagt: "Hier! Noch ein Brief! Du wirst dich nicht freuen!" Ich schicke sie und den Vogel weg, öffne den Brief: "MAMA, ICH HASE DICH.", steht da. Ich lese ihn laut vor und frage, was denn das heißen soll: "Ich hase dich."? Meine Tochter erklärt mir unmissverständlich, was sie meint, und ich sage ihr, wie sich das schreibt, was sie meint. "Ist mir doch egal!", sagt sie und rauscht ab. Die Diplomatie ist vorbei. Beidseitig. Ein letztes Mal die leere Müllsackdrohung. Es ist längst Schlafenszeit. Ich vertage die Aufräummaßnahme deshalb gezwungenermaßen auf morgen, räume heimlich selbst das eine oder andere weg, zitiere die Chaoten aus Nahost zum Zähneputzen und tröste mich mit Einstein: "Geniale Menschen sind selten ordentlich, ordentliche selten genial." Oh, möge er doch recht haben! 

Larissa Koch ist Redakteurin bei t-online.de und hat zwei Kinder im Alter von fünf und sieben Jahren. In ihrer Kolumne "Der ganz normale Wahnsinn" beschreibt sie regelmäßig, was Eltern durchmachen müssen oder dürfen – je nachdem. 

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