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Kolumne: Verunsicherte Eltern – Erziehung irgendwo zwischen autoritär und Laissez-faire

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Verunsicherte Eltern  

Erziehung zwischen autoritär und Laissez-faire

Eine Kolumne von Larissa Koch

09.02.2018, 10:15 Uhr
Kolumne: Verunsicherte Eltern – Erziehung irgendwo zwischen autoritär und Laissez-faire. Silhouette von Eltern, die mit ihre Tochter schimpfen (Quelle: Getty Images/LittleBee80)

Der erhobene Zeigefinger als Machtdemonstration: Alte Muster durchkreuzen unser neues Verständnis von Kindererziehung. (Quelle: LittleBee80/Getty Images)

Heutige Eltern irren durch verschiedene Erziehungswelten. Die Mehrheit ist noch stark beeinflusst von früheren autoritären Verhaltensweisen ihrer eigenen Eltern. Gleichzeitig wollen es viele anders machen. Oft kommt dabei ein Misch-Masch aus alt und neu heraus. Eine klare Orientierung bekommen Kinder so nicht.

Ein Beispiel aus meiner persönlichen Erziehungspraxis: Ich komme ins Badezimmer. Dieses gleicht einem Schwimmbad. Auf dem Boden liegen Handtücher und Badetiere. Der Wasserpegel in der Wanne ist dagegen auffällig niedrig. Zwei gut gelaunte Wasserratten, die augenblicklich verstummt sind, schauen mich mit großen Augen an – in Erwartung eines Donnerwetters. In meinem Gehirn ist bereits der Alarm angesprungen! Dennoch: Ich unterdrücke den erlernten Reflex, zu schimpfen, und erkläre geduldig, dass das jetzt echt suboptimal war, weil ich alles wegwischen muss und außerdem das Holz vom Badezimmerschrank aufgequollen ist.

Ich bitte meine Kids freundlich, aber bestimmt, die Badetiere, die überall verstreut sind, aufzulesen, um dann im nächsten Moment, weil sie meiner Bitte nicht sofort nachkommen, direkt die Stimme zu erheben und laut und drohend zu sagen: "Ihr hebt jetzt die Dinger auf! – Eins! PAUSE Zwei! PAUSE ..." Tatenlosigkeit erfüllt den Raum. Ich werde noch lauter, forme meine Augen zu Schlitzen, der Zeigefinger schnellt bedrohlich durch die Luft: "...und die letzte Zahl heiiiiißt: drei!" und brülle fast. "Ihr habt alles unter Wasser gesetzt. Ihr räumt das jetzt sofort wieder auf, sonst setzt es was!" Und: Zack! habe ich mich schon wieder in das alte Muster manövriert. Hilflosigkeit. Ein Drache und zwei begossene Pudel stehen sich unversöhnlich gegenüber. Alle Beteiligten fühlen sich schlecht. Warum passiert das?

Gehorsam als "Erblast"

Nach Ansicht vieler Pädagogen spüren wir noch immer deutlich die Nachwirkungen der "schwarzen Pädagogik", bei der autoritäre Erziehungspraktiken maßgebend waren. Der Schweizer Kinderarzt und Sachbuchautor Remo H. Largo etwa spricht von einer "Erblast": Das Verständnis von einer Erziehung, bei der das Kind Untertan ist, sei eine noch weit verbreitete Vorstellung: "Das pädagogische Dogma, bei dem Erziehung auf unbedingten Gehorsam aufbaut, zieht sich bis in die heutige Zeit." Erziehung durch Zucht zum Gehorsam sei ein zentraler Wert der jüdisch-christlichen Kultur, erklärt Largo den entstehungsgeschichtlichen Hintergrund. Eine dieser Vorstellung zugrunde liegende Annahme: Das Kind ist schlecht, wenn es auf die Welt kommt. Zwang und Gewalt galten daher als legitime Erziehungsmittel, um das Kind zu einem guten Menschen zu formen. Ein eigener Wille und eine eigene Meinung waren dabei unerwünscht. Ein bisschen denken viele von uns heute noch so. Ob wir wollen oder nicht.

Was sind unsere "Standardeinstellungen"?

"Gute Eltern zu sein, erfordert unglaublich viel Selbstwahrnehmung. Wir müssen uns anschauen, was wir tun, wenn wir müde und gestresst sind und an unsere Grenzen kommen", befinden die Psychologinnen und Autorinnen Alexander und Sandahl in ihrem Elternratgeber "Warum dänische Kinder glücklicher und ausgeglichener sind". Diese Verhaltensweisen seien unsere 'Standardeinstellungen'." Dabei handele es sich um Verhalten und Reaktionen, die wir automatisch zeigen, wenn wir zu müde oder mit unserem Latein am Ende seien. "Die meisten dieser 'Standardeinstellungen' haben wir von unseren Eltern übernommen." Diese säßen wie ein Betriebssystem auf unserer Festplatte. Die erlernten Muster kämen zum Vorschein, wenn wir uns selbst Dinge sagen hören, die wir eigentlich nicht wirklich sagen wollen.

Die Autorinnen empfehlen Eltern daher als ersten Schritt, ihre 'Standardeinstellungen' zu überprüfen und zu verstehen, wie sie entstanden sind, um so langsam in ein verändertes Verhalten zu kommen.

Kinder wollen kooperieren

Für einen wertschätzenden Umgang liefern uns unsere Kinder beste Voraussetzungen. Denn inzwischen weiß man: Kinder wollen kooperieren, wie etwa der australische Psychologe und Familientherapeut Steve Biddulph in seinem Sachbuch "Das Geheimnis glücklicher Kinder" erklärt: "Kinder sind hochbegabte, exakte Beobachter und auf seltsame Weise kooperativ – normalerweise erfüllen sie die Erwartungen, die wir in sie setzen!" Die Mehrheit der Erziehungswissenschaftler sagt deshalb, eine Erziehung, die auf Befehlen und Machtdemonstration basiert, ist nicht nur schädlich, sondern überflüssig. 

Ins gleiche Horn stößt auch Largo, der feststellt, dass Bezugspersonen für Kinder natürliche Autoritäten sind: "Ein Kind ist biologisch darauf angelegt, zu gehorchen. Es ist bereit, sich an vertraute Personen zu binden, sich nach den Bezugspersonen auszurichten, sich von ihnen leiten zu lassen und sich an ihrem Verhalten zu orientieren." 

Grenzen ja, Strafen nur im Notfall

Auch das ist eine Wahrheit, in der wohl weitgehend pädagogische Einigkeit besteht: Die völlige Abwesenheit von Strafen schafft erfahrungsgemäß niemand, so Largo. "Bestrafungen sollen in einer kinderorientierten Erziehung möglichst nicht angewendet werden, können aber nie ganz vermieden werden", sagt der Kinderarzt. "Selbst die erfahrensten Eltern kämen nicht ohne Strafen aus, sei es auch nur, um ihr Kind vor Gefahren zu schützen." Wenn die Grundbedürfnisse von Kindern ausreichend erfüllt würden, könnten sie jedoch weitgehend ohne Zwang und Druck erzogen werden, sagt er: "Es gehorcht, ohne dass sein Wille gebrochen und seine Selbständigkeit eingeschränkt werden", ist Largos Fazit.

Kinder brauchen aber unbedingt Grenzen. Darin sind sich die Erziehungsexperten von heute einig: "Wahr ist, dass sich Kinder nur dann harmonisch und gesund entwickeln, wenn die Erwachsenen in der Familie bestimmte Grenzen setzen", sagt der dänische Familientherapeut und Sachbuchautor Jesper Juul. 

Ohne Druck und Zwang: Aber wie kommt man da hin?

Genau das ist ja mein Hauptproblem und das vieler Eltern: Wie komme ich von der Theorie in die Praxis? "Am besten ist es, wenn Eltern gegenüber ihren Kindern bestimmt auftreten." Das ist die Essenz von Biddulphs Herangehensweise. Mit seinen Verhaltenstipps können Eltern lernen, liebevoll und streng zugleich zu sein und so ihren Kindern die nötige Wertschätzung und Orientierung zu geben.

Mit einem Kind, das sich angewöhnt hat, nicht zu hören oder Verzögerungstaktiken anzuwenden, möge man nach Biddulph wie folgt verfahren. Man müsse unmissverständlich deutlich machen, dass man keine Bitte äußert, sondern eine Forderung. Wenn Kinder nicht hören, müsse man dran bleiben und die Forderung wiederholen – ohne Ärger sichtbar zu zeigen, rät der Therapeut. Eltern selbst sollten ebenfalls nicht argumentieren und diskutieren, wenn es darum geht, eine unausweichliche Forderung, wie das tägliche Zähneputzen, durchzusetzen. Es gilt, absolute Entschlossenheit zu signalisieren.

Der Praxistest

Steve Biddulphs Vorschläge klingen plausibel und leicht umsetzbar. Ich habe es im Selbstversuch ausprobiert. Zunächst habe ich den Eindruck gewonnen, es ist alles wie immer. Sie hören oft nicht sofort und ich muss meine Forderung (die ja nun keine Bitte mehr ist – so viel habe ich gelernt) mehrere Male wiederholen. Es hat mich sehr viel Geduld gekostet, dabei so entschlossen und unbeeindruckt zu wirken, wie empfohlen, denn in mir hat es ganz anders ausgesehen. Aber tatsächlich: Ich habe keinen Unterschied festgestellt. Ich habe gespürt, diesmal kommen meine Kinder schneller ins Handeln, bleiben auch dabei und widersprechen weniger. Noch ist das nicht das, wo ich hin will, aber es ist ein guter Anfang. Eingefahrene Strukturen müssen mühselig aufgebrochen werden. 

Verwendete Quellen:
  • Steve Biddulph: Das Geheimnis glücklicher Kinder (Heyne)
  • Jesper Juul: Das kompetente Kind (Rowohlt)
  • Remo H. Largo: Kinderjahre (Piper)
  • Jessica Joelle Alexander und Iben Dissing Sandahl: Warum dänische Kinder glücklicher und ausgeglichener sind (Mosaik)
  • weitere Quellen
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