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Krippenausbau: "Nur jeder zehnte Bewerber bekommt einen Platz"

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"Nur jeder zehnte Bewerber bekommt einen Krippen-Platz"

07.09.2012, 12:21 Uhr | dapd

Krippenausbau: "Nur jeder zehnte Bewerber bekommt einen Platz". In Großstädten wird die Betreuungsquote von 35 Prozent wohl nicht ausreichen. (Quelle: dapd)

In Großstädten wird die Betreuungsquote von 35 Prozent wohl nicht ausreichen. (Quelle: dapd)

Deutschlandweit arbeiten die Kommunen am Krippenausbau , denn ab August 2013 haben Kleinkinder einen Rechtsanspruch darauf. Die Bundesregierung ging bislang davon aus, dass für 35 Prozent der unter Dreijährigen ein Betreuungsplatz nötig sein wird. Dass diese Zahl in Großstädten jedoch bei Weitem nicht ausreicht, zeigt exemplarisch die "Heilig Geist Kita" in Osnabrück.

Nur jeder zehnte Bewerber bekommt einen Platz

Anja Lemme schüttelt nur mit dem Kopf. "Eine U-3-Betreuungsquote von 35 Prozent? Wie kommt die Bundesregierung nur auf die Idee, dass das reichen könnte?", fragt die Leiterin der Osnabrücker Kindertagesstätte "Heilig Geist". "Bei uns kommt nur etwa jeder zehnte Bewerber einen Krippen-Platz."

Die Plätze werden verlost

60 Kinder stehen für die sieben Plätze auf der Warteliste, die ab August 2013 in der Krippen-Gruppe frei werden. Wie schon in diesem Jahr wird das Los über einen Platz für ein- bis zweijährigen Kinder entscheiden. Der Unterschied ab August 2013: Es gibt einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz.

Betreuungsbedarf ist gestiegen

Den Kommunen drohen Klagen. Die Nachfrage nach Kita-Plätzen in der Osnabrücker Kita "Heilig Geist" ist keine Ausnahme. Sie steht exemplarisch für den Betreuungsbedarf von ein- bis zweijährigen Kindern in deutschen Großstädten.

Bundesweit fehlen noch 130.000 Plätze

Bundesweit fehlen nach den Angaben des Hauptgeschäftsführers des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, 130.000 Krippen-Plätze. Bis zum 1. August 2013 würden voraussichtlich 750.000 Plätze für unter Dreijährige benötigt. Bislang gebe es aber lediglich 620.000 Plätze.

Niedersachsen benötigt noch 17.000 Plätze

Das niedersächsische Kultusministerium geht zurzeit davon aus, dass noch 17.000 Plätze in dem Flächenland fehlen. "Die Zielzahl für Niedersachsen sind 62.000 Kita-Plätze. Dann haben wir eine Betreuungsquote von 35 Prozent erreicht", sagt eine Sprecherin.

"Selbst 53 Prozent werden nicht reichen"

Wenn man den Bedarf aus Osnabrück zugrunde legt, dann hat sich das Kultusministerium mit der 35-Prozent-Quote verkalkuliert. Obwohl die Stadt Osnabrück nach eigenen Angaben bereits heute eine Versorgungsquote von 43 Prozent hat und bis zum Sommer 2013 sogar 53 Prozent anstrebt, sagt der Fachdienstleiter für den Kita-Ausbau, Helmut Tolsdorf: "Selbst 53 Prozent werden nicht reichen." Die von der Bundesregierung angepeilte Versorgungsquote von zunächst 35 Prozent und nun 39 Prozent ist laut Tolsdorf ein Scherz. Für eine 160.000 Einwohner große Stadt wie Osnabrück und noch größere Städte müsste eine Quote von weit über 35 Prozent eingeplant werden.

Das Gesetz endlich ernst nehmen

Tolsdorf erläutert: "Man muss davon ausgehen, dass ein Großteil der Eltern arbeiten geht." Das 2008 in Kraft getretene Gesetz, das Eltern von Kindern im Alter zwischen dem ersten und dritten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf eine Betreuung in einer Kita oder bei einer Tagesmutter einräumt, müsse ernst genommen werden. "Denn Eltern mit qualifizierter Ausbildung können nicht länger als ein Jahr aus dem Job, sonst verlieren sie den Anschluss", sagt er.

"Der Bedarf wird von Jahr zu Jahr größer"

Auch die Osnabrücker Kita-Leiterin Anja Lemme spricht von einer antiquierten Denkweise, wenn die Politik davon ausgeht, dass nur etwa jede dritte Mutter ihr Kind ab dem zweiten Lebensjahr in eine Kita geben möchte. "Ich glaube, dass das Thema uns noch viele Jahre begleiten wird. Der Bedarf an Krippenplätzen wird von Jahr zu Jahr größer", sagt die 42-Jährige.

In zehn Jahren als Leiterin der Kita im Osnabrücker Stadtteil Sonnenhügel habe sie erlebt, dass die Familien zunehmend zwei Verdiener brauchen, um ihr Leben zu finanzieren. Außerdem nehme die Zahl der Alleinerziehenden zu.

Nachfrage in Städten ist größer

Der Geschäftsführer des Niedersächsischen Städte- und Gemeindebundes, Berthold Ernst, weist darauf hin, dass die Nachfrage in Ballungsgebieten wie Osnabrück größer als im ländlichen Raum ist. Während die Stadt Osnabrück im kommenden August mit einem mindestens 60-prozentigen Bedarf an Krippenplätzen rechnet, geht der Landkreis Osnabrück nach eigenen Angaben von einem Bedarf von höchstens 35 Prozent aus. "Daher kann man jetzt noch nicht sagen, ob die von der Bundesregierung vorgegebene Versorgungsquote von 39 Prozent ausreicht", sagt Ernst.

"Ohne Tagesmütter werden wir Rechtsanspruch nicht erfüllen"

Überzeugt ist er jedoch davon, dass auch die Tagespflege noch weiter ausgebaut werden muss. Auf eine Tagesmutter müssen Eltern dann ausweichen, wenn sie für ihr Kind keinen Platz in einer Kita bekommen. Ernst prognostiziert: "Ohne die Tagesmütter werden wir den Rechtsanspruch nicht erfüllen können."

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