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Jugendkriminalität: Alltag im Jugendheim Julienwalde

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Jugendkriminalität  

Die Problemkinder von Berlin

02.08.2010, 10:21 Uhr | dpa

Dieses Kinder- und Jugendheim kommt ohne Mauer und Stacheldraht aus: Der nächste größere Ort Angermünde ist gut 18 Kilometer entfernt, die Einrichtung in Julienwalde liegt mitten im Wald, idyllisch an einem kleinen See. "Als ich hier ankam, wollte ich sofort zurück", erinnert sich Mirko an seine Ankunft im "Haus am See". Nach einer Odyssee durch verschiedene Heime lebt der 16-Jährige nun seit einem Jahr in der Brandenburger Uckermark - so wie seit dieser Woche auch ein angeblich elfjähriger Drogendealer aus Berlin, der vor kurzem für Schlagzeilen sorgte. Nachdem er der Polizei immer wieder entwischte, soll er nun im Erziehungsheim ein Leben ohne Straftaten erlernen.

Die letzte Chance

"Jetzt nutze ich das hier als Chance - meine letzte", sagt Mirko und berichtet stolz, dass er in die zehnte Klasse versetzt worden ist. Als ihn das Jugendamt nach Julienwalde schickte, hatte der Junge häufig die Schule geschwänzt. Der Kontakt zu den Pflegeeltern war abgebrochen - zu groß waren die Probleme, die man miteinander hatte. "Inzwischen besteht langsam wieder Kontakt", berichtet er und lächelt.

Wie kam es zu dem Wandel? "Es hat wohl Klick gemacht, als ich im Februar erfahren habe, dass ich zur Außenschule gehen darf", meint der 16-Jährige. 18 Mädchen und Jungen leben in dem Erziehungsheim des Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerkes (EJF). An den Besuch einer normalen Schule ist zunächst nicht zu denken. "Wir prüfen den individuellen Stand und versuchen Defizite aufzuholen", sagt Projektleiterin Beatrice Eisen. Der Unterricht erfolgt zunächst in Dreier-Gruppen.

Läuft es gut, erfolgt der Wechsel zur größeren Außenschule des EJF einige Kilometer weiter. "Dann ist ein normaler Schulabschluss möglich", erklärt Eisen. "Unsere vorrangigen Ziele sind: Dafür sorgen, dass sie nicht straffällig werden. Und ein Schulabschluss, um eine Perspektive zu schaffen." Etwa 100 Kinder und Jugendliche waren bislang in Julienwalde. "Wenn die so weitermachen wie bisher, haben wir viel geschafft."

Die meisten Kinder kommen aus psychiatrischen Einrichtungen

Der Weg dahin war weit: "Die Kinder, die zu uns kommen, haben zunehmend viele verschiedene Probleme", berichtet Simone Lunow, Leiterin für stationäre Jugendhilfe beim EJF. Ihr unterstehen alle Einrichtungen in der Uckermark. Etwa 90 Prozent der Kinder und Jugendlichen hätten bereits Erfahrungen mit psychiatrischen Einrichtungen. "Der Rekord war ein elfjähriger Junge, der schon in zehn Einrichtungen war", berichtet Lunow.

Alle Kinder sind psychisch auffällig und delinquent, wie es im Fachjargon heißt. Die Jugendämter haben sie eingewiesen. Oft wurden sie aus den Familien herausgenommen, den Eltern das Sorgerecht entzogen. Häufig wollen aber auch die Eltern nicht mehr. "Mit diesen Kindern muss man einiges aushalten", weiß Lunow. "Man braucht Kollegen, die das hier leben. Sonst hält man das nicht aus."

Entwischen kann selten jemand

Julienwalde ist kein geschlossenes Heim. Aber eine Einrichtung "mit großer Verbindlichkeit", sagt EJF-Vorstand Siegfried Dreusicke. Will heißen: Entwischen kann selten jemand. Die Abgeschiedenheit hemmt Weglauf-Gelüste. Wer es dennoch wagt, kommt meistens zurück. Manche, nachdem die Polizei sie gestoppt hat. Andere, weil sie unterwegs schlapp machen. "Konsequenzen hat das immer", betont Lunow. So müssen sich die Kids an dem Benzingeld für ihren Rücktransport beteiligen. Zerstören sie bei einem Wutanfall Möbel, müssen sie bei deren Reparatur helfen oder sie zahlen.

Zirka 220 Euro täglich pro Platz

Das EJF hat sich im Umgang mit straffälligen Kindern und Jugendlichen einen Namen gemacht und unterhält in fünf Bundesländern Einrichtungen. Rund 220 Euro kostet ein Platz durchschnittlich pro Tag. Im Fall des jungen Drogendealers aus Berlin sind es weit über 240 Euro. Das Motto "Menschen statt Mauern" hat seinen Preis, räumt Lunow ein. In Julienwalde arbeiten 20 Pädagogen mit den Jugendlichen, zudem werden sie von zwei Psychologen betreut. Praktische Arbeit vermitteln drei Handwerker sowie drei Hauswirtschaftlerinnen.

Der Alltag im Jugendheim

Der Tagesablauf ist eng strukturiert. Es herrschen verbindliche Regeln - viele von ihnen sind auf die individuellen Schwächen zugeschnitten. Auf dem Gelände gilt Handy-Verbot. Fernsehen gibt es nur im Wohnzimmer der vier Wohngruppen. "Sonst würden wir sie kaum zu Gesicht bekommen", sagt Eisen. "Außerdem müssen sie sich auf ein Programm einigen." Dies gehört genauso zur Pflicht wie die Organisation des Haushaltes, die Pflege des Gartens und der Tiere.

Die Abgeschiedenheit der EJF-Einrichtungen hat Methode: "Die Kinder sollen zur Ruhe kommen und sich mit sich selbst beschäftigen - das fällt vielen sehr schwer", schildert Eisen. Es gilt, die Kinder zu schützen - vor sich selbst oder vor Erwachsenen, die ihnen nicht gut tun - oder sie gar zu Straftaten missbrauchen. "Wir zeigen ihnen Wege auf, wie man anders leben kann", sagt Lunow.

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