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Bildung: Sollte das Sitzenbleiben abgeschafft werden?

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Bildung  

Sollte das Sitzenbleiben abgeschafft werden?

20.06.2011, 16:12 Uhr | rev, dpa

Bildung: Sollte das Sitzenbleiben abgeschafft werden? . Junge sitzt enttäuscht vor der Schule und liest sein Zeugnis.

Die Skepsis gegenüber dem Sitzenbleiben wächst. (Bild: imago)

Man ahnt es meistens schon seit dem Zwischenzeugnis, doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Und so wird geübt, die Hausaufgaben werden zusammen gemacht, mit Lehrern wird gesprochen, Nachhilfen organisiert - gereicht hat es dann oft trotzdem nicht: Ihr Kind ist sitzen geblieben und muss nun eine Klasse wiederholen. Doch bringt diese Maßnahme überhaupt etwas? Viele Experten verneinen diese Frage.

Demütigend und ohne Nutzen

Der Pädagoge Bernhard Bueb hält Sitzenbleiben für unnütz. In einem Interview der "Frankfurter Rundschau" sagte der langjährige Leiter der Internatsschule Schloss Salem, das Problem der Kinder, "warum sie nicht lernen können, löst sich durch das Sitzenbleiben nicht." Eine Klasse wiederholen zu müssen, werde nicht selten als Schande empfunden und "oft als ein traumatisches Erlebnis erinnert, als eine richtige Demütigung."

"Das hat oft schon zu Selbstmordgedanken geführt", meint der 71-jährige Pädagoge. Er stand von 1974 bis 2005 an der Spitze der Privatschule Salem unweit des Bodensees. 2006 löste er mit seinem umstrittenen Buch "Lob der Disziplin" eine breite Debatte über Bildungspolitik aus. Nach Buebs Ansicht würde eine Individualisierung des Unterrichts Sitzenbleiben vermindern und damit Kosten sparen. Das System der staatlichen Schulen brauche aber immer noch die "Angst vor Versagen als Motivation".

Eine Milliarde für Sitzenbleiber - ohne großen Effekt!

Bueb ist nicht der einzige der das Sitzenbleiben kritisiert. Auch laut einer Bertelsmann-Studie, die Anfang dieses Jahres veröffentlich wurde, sei Sitzenbleiben teuer und unwirksam. Knapp eine Milliarde Euro geben die Bundesländer jährlich für schulische Ehrenrunden aus, wie der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm im Auftrag Stiftung errechnet hat.

Sitzenbleiben habe bei den Schülern zudem offenbar keinen nachhaltigen Effekt. Die empirische Forschung sehe höchstens im Wiederholerjahr eine Verbesserung der schulischen Leistung. Bereits im nächsten Schuljahr, in dem die Anforderungen neu und höher seien, würden die Leistungen wieder sinken, heißt es in der Studie. Auch die im Klassenverbund verbliebenen Schüler zeigen der Studie zufolge keine verbesserte Lernentwicklung. Die Milliarde, die das Sitzenbleiben jährlich koste, könne daher erheblich besser investiert werden, sagt Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung. Die Berechnungen umfassen den Angaben zufolge die zusätzlichen Personalausgaben für die Schulen und die Schulverwaltung, den laufenden Sachaufwand sowie die Investitionsausgaben.

250.000 Wiederholer im Jahr: Individuelle Förderung kann helfen

Viel sinnvoller sei es, mit diesem Geld die individuelle Förderung an den Schulen voranzubringen, fordert Dräger, der damit eine ähnliche Meinung vertritt wie Bueb. "Jeder Schüler lernt anders, dieser Tatsache müssen wir stärker in unseren Schulen Rechnung tragen und Konzepte zur individuellen Förderung entwickeln", erklärte er. Klassenwiederholungen sollten eine Ausnahme, beispielsweise für den Fall langwieriger Erkrankungen sein.

Trotzdem ist das Sitzenbleiben in Deutschland laut Studie eine besonders beliebte pädagogische Maßnahme. Im Schuljahr 2007/08 mussten rund eine Viertelmillion Schüler allgemeinbildender Schulen eine Ehrenrunde drehen. Früheren Pisa-Ergebnissen zufolge sind 23,1 Prozent aller 15-Jährigen im Verlauf ihrer Schulzeit mindestens einmal sitzen geblieben - so viel wie in keinem anderen Land. Zwischen den Bundesländern gibt es bei der Wiederholerquote allerdings große Unterschiede. Während der Anteil der Sitzenbleiber in Baden-Württemberg im Untersuchungsjahr nur bei 1,7 Prozent lag, waren in Bayern rund 3,6 Prozent aller Schüler betroffen.

Erste Maßnahmen gegen das Sitzenbleiben

Mittlerweile haben einige Bundesländer damit begonnen, mit versetzungsgefährdeten Schülern anders umzugehen. In Berlin soll es zum Beispiel Sitzenbleiben künftig nur noch in Ausnahmefällen geben und in Hamburg wird es ab 2011 ganz abgeschafft.

Insgesamt machen Realschulen am häufigsten Gebrauch von der Ehrenrunde. Hier lag die Quote 2007/08 bei fünf Prozent, in den Grundschulen dagegen nur bei 1,3 Prozent. Sitzenbleiben ist auch in den Köpfen vieler Eltern und Lehrer nach wie vor ein fester Bestandteil des deutschen Schulsystems: Nach einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2006 schätzen laut Bertelsmann 66 Prozent der Deutschen das Sitzenbleiben als sinnvoll ein und wollen es als pädagogische Maßnahme beibehalten. Dieses Denken müsse sich ändern, da "wir weder mit der Lebenszeit und dem Entwicklungspotenzial der Kinder noch mit den öffentlichen Mitteln verantwortungsvoll umgehen", kritisierte Dräger.

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