Lehrer greifen zum Mikrofon

26.05.2011, 09:41 Uhr | dpa

Lehrer greifen zum Mikrofon. Die Lehrerin Ingrid Wernsing trägt in der Graf-Ludwig-Schule im westfälischen Steinfurt ein Mikrofon, um zu unterrichten. (Foto: dpa) (Quelle: dpa)

Die Lehrerin Ingrid Wernsing trägt in der Graf-Ludwig-Schule im westfälischen Steinfurt ein Mikrofon, um zu unterrichten. (Foto: dpa) (Quelle: dpa)

Lehrer müssen in Deutschland häufig ihre Stimme strapazieren. Denn bei der Planung von vielen Schulen wurde nicht an die Akustik gedacht. Jetzt greifen Pauker zum Headset. Und die Kinder sind plötzlich still. Viele Lehrer in Deutschland müssen sich jeden Morgen im Klassenzimmer die Seele aus dem Leib brüllen und gehen nachmittags heiser nach Hause. Die Schuld dafür ist nicht unbedingt bei ungezogenen Kindern zu suchen. "Die Leute, die Schulen planen, Architekten etwa, haben die Akustik einfach nicht auf dem Schirm", sagt der Akustik-Professor Jürgen Tchorz von der Fachhochschule Lübeck. Tchorz und einer seiner Studenten begleiten in Nordrhein-Westfalen ein Pilotprojekt. In 60 Klassen lehren Pauker mit Mikrofon.

Hintergrundgeräusche von mehr als 60 Dezibel

Eine schallschluckende Decke fehle oft in den veralteten Unterrichtsräumen, der Lärm werde zurückgeworfen, sagt der Experte. "Dadurch ist es in der Klasse lauter, als es ohnehin schon ist. Außerdem ist es noch halliger." Kinder könnten sich schlechter konzentrieren, würden unruhiger, sagt Tchorz. "Ein Hintergrundgeräusch von mehr als 60 Dezibel wird häufig erreicht." Das ist so laut wie ein Gespräch. Diesen Pegel muss der Lehrer noch übertönen. "Das ist ein gravierendes Problem", bestätigt der Sprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Nordrhein-Westfalen, Berthold Paschert. "Die Stimme ist mit das wichtigste Werkzeug."

Der Unterricht mit Mikrofon

Ingrid Wernsing gehört zu der Sorte sympathischer Grundschullehrerinnen, an die sich Schüler ein Leben lang erinnern. "Am Berghang schmilzt der letzte Schnee", klingt ihre Stimme aus einer silbernen Lautsprecher-Säule in den Raum. Es ist Deutschunterricht an der Graf-Ludwig-Schule im westfälischen Steinfurt. Die Rektorin vor der Tafel spricht in ein Mikro, das vor ihrem Mund am Kopfhörerbügel hängt. 23 Drittklässler spitzen ihre Ohren. "Das Bächlein rauscht zu Tal." Wernsings Stimme schwingt mit jedem Versfuß, wenn sie vom Schnellhefter abliest. "Es grünt die Saat, es blinkt der See im Frühlingssonnenstrahl." Die neunjährigen Kinder lauschen alle still dem Droste-Hülshoff-Gedicht.

Schüler sehen Vorteile

Solche Bilder von Menschen mit Mikrofon vor dem Mund kennt man sonst aus Rockkonzerten oder Managerseminaren. Die Kinder finden das toll, sagt die Lehrerin. "Das ist wie Fernsehen." Die 50-Jährige kann nun ihre Kräfte schonen. Denn das Mikro pegelt ihre Stimme hoch, wenn die Kinder Lärm machen. "Ihr dürft - halt, halt, halt...". Schon wird die Übertragung laut, die Gruppe leiser - "...leise auf den Flur". Früher habe er öfter einmal nachfragen müssen, wenn er hinten saß, erzählt Cedric (9). "Jetzt ist es viel besser." Klassenkameradin Hannah grinst, zögert noch kurz und sagt dann: "Manchmal vergisst sie es auszumachen. Dann hören wir alles aus dem Lehrerzimmer."

Das Mikrofon ist gewöhnungsbedürftig

Die Studienergebnisse gingen alle in die gleiche Richtung, sagt Tchorz: "Dass es nicht lauter wird durch Lautsprecheranlagen. Zwar wird die Lehrerstimme verstärkt, aber die Kinder werden im Gegenzug auch etwas leiser. Das gleicht sich mehr als aus." Die Schüler seien oft erst irritiert, sagt der Professor. "Die sagen: 'Die sieht ja aus wie auf der Enterprise.' Aber da gewöhnen die sich schnell dran."

Der Probelauf endet auch wieder

Rektorin Wernsing ist von der Headset-Technik jedenfalls angetan. Ihr einziger Kummer: "Wenn man sich daran gewöhnt hat, muss man das irgendwann wieder abgeben." Die Tage des Probelaufs sind gezählt. In den Sommerferien sollen die Anlagen in allen acht Klassenräumen der Schule abgebaut werden. Jeweils wären 2500 Euro bis 3000 Euro dafür aufzubringen. Die Rektorin hofft auf Gespräche mit Sponsoren und Förderverein, um wenigstens eine Anlage zu leasen.

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