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Jugendgewalt: Anti-Gewalt-Seminare für aggressive Mädchen

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Anti-Gewalt-Seminare für aggressive Mädchen

17.06.2011, 14:42 Uhr | Caroline Schulke, dapd

Jugendgewalt: Anti-Gewalt-Seminare für aggressive Mädchen. Jugendkriminalität: Die Mädchen holen auf. (Bild: imago)

Jugendkriminalität: Die Mädchen holen auf. (Bild: imago)

Aggressive Jungs - das war gestern. Die Mädchen holen auf. Gewalt und Kriminalität unter Jugendlichen sind längst nicht mehr Probleme nur unter Jungen. Nach Angaben des hessischen Justizministeriums betrug der Anteil der Mädchen bei den verurteilten Jugendlichen unter 18 Jahren im Jahr 2009 knapp 18 Prozent. Einige der Mädchen landen nach entsprechenden Entscheidungen der Justiz in den Anti-Gewalt-Seminaren des Jugendhilfe-Vereins in Frankfurt. Körperverletzung, Diebstahl und Schwarzfahren, das sind die Vorgeschichten.

Wer Alemash nach einer Selbsteinschätzung fragt, bekommt eine vieldeutige Antwort: "Also ich bin offen, mit mir kann man auch über alles reden, und ich bin kein Mensch, der provoziert", gibt sie für eine wissenschaftliche Untersuchung zu Protokoll und fügt hinzu: "Mit mir kann man viel machen, aber irgendwann ist bei mir auch die Grenze." In der Vergangenheit war bei Alemash, die eigentlich anders heißt, die Grenze recht schnell erreicht. Die 17-Jährige wurde unter anderem wegen Körperverletzung verurteilt.

Körperverletzung, Diebstahl und Schwarzfahren seien die Delikte, die die meisten ihrer Mädchen begangen hätten, berichten sie. Der Verein Kinder und Jugendhilfe (VKJH) richtet sich mit einigen Projekten speziell an gewalttätige Mädchen.

Mädchen richten Gewalt auch gegen sich selbst

Diese hätten andere Gewalterfahrungen als Jungen und übten auf andere Weise Gewalt aus, begründen die Expertinnen das Angebot. "Frauen benutzen zum Beispiel selten Waffen", sagt Ehmer-Jundel. Auch richteten sie Verletzungen häufig zunächst gegen sich selbst. "Gewalterfahrung", sagt sie, "ist für die Mädchen, mit denen wir zu tun haben, selbstverständlich". Als Opfer, Täter oder aus reiner Beobachtung.

Das gilt auch für Alemash, deren Eltern aus Eritrea geflohen sind. Sie wurde in Deutschland geboren und in ihrer Kindheit und Jugend in der Nachbarschaft alltäglich mit Gewalt konfrontiert. Schlägereien seien an der Tagesordnung gewesen, berichtet sie. Zu Hause habe es auch oft Streit gegeben: wegen der Schule, weil sie geklaut und sich oft geschlagen habe. Die Eltern seien "dann immer total durchgedreht", und vor allem mit dem Vater habe sie sich gestritten, erzählt die 17-Jährige, die ein Jahr im Heim lebte.

Die meisten haben keinen Schulabschluss

Der VKJH hat im vergangenen Jahr 135 Mädchen oder junge Frauen betreut. Sie waren im Durchschnitt 17 Jahre alt. Ein Drittel der Mädchen sei noch zur Schule gegangen, knapp 30 Prozent seien arbeitslos gewesen, gut acht Prozent hätten sich in einer Ausbildung befunden.

Alemash hat keinen Schulabschluss. Mit zehn, berichtet sie, habe sie angefangen, die Schule zu schwänzen, mit zwölf sich zu schlagen. Gewalt ist für sie keine typische Jungensache. "Es gibt viele Mädchen, die sich auch schlagen", sagt sie. "Wenn irgendein Typ sich schlagen will, müssen die sich ja auch wehren." Die 17-Jährige weiß, wovon sie spricht. Sie hat sich mit Jungen geprügelt und mit Mädchen, alleine und in der Gruppe.

Mädchen mit Taten und Folgen konfrontieren

Reue hat sie nur einmal empfunden. Die Sache sei eskaliert, erzählt sie, weil sie nicht alleine, sondern zusammen mit drei Jungen gewesen sei. «Wie der dann aussah und auf dem Boden lag, das hat mir schon Leid getan." Zur Auseinandersetzung mit ihren Taten und den Folgen halten Ehmer-Jundel und Lüssem die verurteilten Straftäterinnen bei einem speziellen Wochenendseminar an: "Mädchen und Gewalt" heißt das Angebot, zu dem die Teilnehmerinnen per richterliche Weisung angehalten werden.

Andere Jugendliche besuchen einen mehrmonatigen sozialen Trainingskurs oder ein halbjähriges Anti-Gewalt-Training, wieder andere leisten ihre Arbeitsstunden in der Werkstatt des Jugendhilfevereins ab.

Freiwillig kommt keiner zu den Seminaren

"Freiwillig ist keiner hier", sagt Ehmer-Jundel Sozialarbeiterin beim Verein Kinder und Jugendhilfe (VKJH) in Frankfurt am Main. Aus ihrer Erfahrung ist die Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Opfer für die Mädchen viel härter als drei Wochen Arrest. Sie müssen einander ihre Straftaten erzählen und über die Konsequenzen sprechen. Die Gruppe, sagt die Sozialarbeiterin, sei das beste Korrektiv.

Alemash zeigt sich rückblickend zumindest ein bisschen geläutert. Früher sei sie schon wegen eines falschen Wortes "total durchgedreht". Mittlerweile halte sich das in Grenzen. "Ich schreie, aber schlagen tu ich mich nicht mehr so."

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