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Gefühlsblindheit  

Jeder Zehnte ist gefühlsblind

15.10.2010, 11:24 Uhr | dapd

. Gefühlsblindheit: Jeder Zehnte hat Probleme, seine Gefühle zu deuten. (Foto: imago)

Gefühlsblindheit: Jeder Zehnte hat Probleme, seine Gefühle zu deuten. (Foto: imago) (Quelle: imago)

Das eigene Gefühlsleben bleibt ihnen fremd: Zehn Prozent der Bundesbürger sind laut Studien gefühlsblind, Männer häufiger als Frauen. "Diesen Menschen fällt es schwer, ihre Gefühle wahrzunehmen, zu beschreiben und zu interpretieren", erläutert Henrik Kessler von der Universitätsklinik Bonn. Zwar ist die sogenannte Alexithymie keine Krankheit, wie der Facharzt für Psychotherapie betont. Aber auffällig oft entwickeln diese Menschen körperliche Beschwerden ohne organische Ursache.

Leben außerhalb der sozialen Sphäre

Die Betroffenen können mitunter komplexe mathematische Probleme lösen oder mit verbundenen Augen Motoren zerlegen, aber zu sich selbst fehlt ihnen der Zugang. Und weil sie auch die Gefühle anderer Personen nicht spüren, bleiben sie oft sozial ausgegrenzt. Manchmal schließt sich das Tor zur Innenwelt im Erwachsenenalter nach einem Trauma - etwa wenn das Opfer eines Verkehrsunfalls jede Empfindung scheut, die an das Ereignis erinnern könnte. Aber Experten zufolge reichen die Wurzeln der Gefühlsblindheit meist bis weit in die Kindheit zurück. Denn Informationen über die eigene Befindlichkeit nimmt das Baby bereits quasi mit der Muttermilch auf. "Schon beim Stillen spiegelt die Mutter in ihrer Mimik das Innenleben des Säuglings", erklärt der Mediziner Matthias Franz von der Universitätsklinik Düsseldorf. Und in der frühen Kindheit lernen Menschen allmählich, die anfangs diffusen körperlichen Gefühlsregungen - schneller Puls, Bauchgrummeln oder Schwitzen - mit konkreten Emotionen und Worten wie etwa Angst, Freude oder Wut zu verknüpfen.

Anfällig für Depressionen und Ängste

Franz spricht von einem "Tanz der Gefühle zwischen Mutter und Kind". Werden solche Empfindungen allerdings in der Familie tabuisiert oder ignoriert, bleibt der Lernprozess aus und die eigene Innenwelt ist dem Betroffenen auch später noch fremd - häufig mit beträchtlichen Konsequenzen. "Gravierende Probleme verursacht die Alexithymie oft erst im mittleren Lebensalter", sagt Franz, "wenn es darum geht, vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen und eine Familie zu gründen". Während es im Beruf mitunter gut läuft, scheitern die Betroffenen meist in der Partnerschaft und leben auffällig oft allein. Diese Entwicklung kann die Gesundheit gefährden. "Emotionale Kommunikation ist ein Schlüsselfaktor zur Regulation von Stress und zwischenmenschlichen Konflikten", erläutert Franz. Ohne dieses Ventil sind Menschen deutlich anfälliger für Depression oder Angststörungen.

Gefühle werden als Krankheit wahrgenommen

Und weil Alexithymiker ihre körperlichen Reaktionen auf Gefühle zwar durchaus spüren, aber nicht zuordnen können, deuten sie diese oft als Zeichen von Krankheit. Pulsrasen interpretieren sie nicht als Aufregung, sondern als Symptom einer Herzerkrankung, Magengrummeln nicht als Hinweis auf Nervosität sondern als Bauchweh. Reizdarm, Herzneurosen oder chronische Schmerzbeschwerden sind unter Gefühlsblinden weit verbreitet.

Psychosomatische Beschwerden steigern sich oft

"Diese Menschen sind körperlich nicht unbedingt kränker als andere Personen, aber sie gehen öfter zum Arzt", sagt Kessler. Wird der Mediziner dann bei der Untersuchung nicht fündig, fühlen sich die Patienten nicht ernst genommen. "Somatoforme Störungen können sich mit der Zeit verschlimmern", sagt Franz. "Wenn Ärzte die Probleme nicht verstehen, sind die Patienten zur Eskalation gezwungen", erklärt der Mediziner und erinnert an ein quengelndes Kind, das immer lauter schreit, wenn die Mutter nicht reagiert.

Hoher Leidensdruck im mittleren Lebensalter

Viele gehen erst zum Psychotherapeuten, wenn der Leidensdruck wächst - wenn die Ehe gescheitert ist, eine Depression sich nicht bessert oder die vermeintlich körperliche Erkrankung austherapiert ist. Weil klassische Ansätze wie Gesprächstherapien oft erfolglos bleiben, galt die Alexithymie lange Zeit als kaum behandelbar.

Therapieziel: Gefühle spüren und benennen

Burkhard Brosig von der Universitätsklinik Gießen rät gefühlsblinden Menschen anfangs zu einer stationären Behandlung, um aus dem Alltagstrott auszubrechen. Sinnvoll seien zunächst Mal- oder Musiktherapie. "Man muss den Patienten da abholen, wo er steht", sagt der Arzt für Psychosomatik. "Die Menschen sollen lernen, ihre Gefühle zunächst zu spüren und dann zu benennen." Gruppentherapien können die Betroffenen schulen, ihr Innenleben auszudrücken und gleichzeitig die Gefühlswelt ihrer Mitmenschen zu entdecken. Wenn jemand Zugang zu der verschütteten Emotionalität bekommen hat, sei eine ambulante Fortsetzung der Behandlung sinnvoll, meint Brosig. Aber die Experten warnen vor der Hoffnung auf einen schnellen Erfolg. Zwar profitieren viele Patienten von einer Therapie. Aber das Alphabet der Gefühle lerne man nicht in wenigen Wochen. "Der Prozess ist sehr langwierig", sagt Franz. "Das kann manchmal Jahre dauern."

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