Sie sind hier: Home > Leben > Mode & Beauty >

Selbstverteidigung: Der erste Schritt ist die Deeskalation

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

How to: Selbstverteidigung

02.12.2016, 13:10 Uhr | Uwe Kauss

Selbstverteidigung: Der erste Schritt ist die Deeskalation. Was tun, wenn man angegriffen wird? Wir geben Tipps. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Was tun, wenn man angegriffen wird? Wir geben Tipps. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Ein wütendes Brüllen, ein Schlag und schon liegt man mit blutender Nase auf dem Boden. Alles dreht sich, der Kopf und der Nacken schmerzen höllisch. Überall Glasscherben. Schwarze Stiefel, ein Tritt, die Luft bleibt weg, der Magen dreht sich. Wer in so eine Situation gerät, hat zuvor vieles falsch gemacht, findet Oliver Dreber vom Frankfurter Institut für Kampf und Kommunikation. Im Gespräch mit WANTED.DE erklärt er, worauf es bei effektiver Selbstverteidigung wirklich ankommt.

Es muss blitzschnell gehen. In überfüllten Clubs, im Gedränge bei Konzerten, in der Menschenmenge bei Straßenfesten oder auch nachts in der S-Bahn hat das Gehirn meist nur Sekundenbruchteile, um die richtige Entscheidung zu treffen. Umdrehen oder zurückbrüllen? Lächeln oder drohen? Ruhig bleiben oder blitzschnell angreifen? "Laut Statistik sind 70 Prozent aller Opfer von Gewalttaten Männer", sagt Oliver Dreber von "Hara Do", dem "Institut für Kampf und Kommunikation" in Frankfurt (www.wehrdichblog.de). Der erfahrene Karate-Trainer und Diplom-Ökonom vermittelt Männern und Frauen in vielen Kursen, mit solchen, meist völlig überraschend eintretenden Situationen umzugehen. Wenn die Fäuste fliegen, sei "zuvor eine lange Kette von Signalen nicht beachtet worden. Auf Deutsch gesagt: Niemand bekommt unvorbereitet auf die Fresse", betont Dreber.

Nicht zum Opfer werden

"Der beste Kampf ist der, den du gar nicht führen musst", erklärt er, "Gewalt ist immer die Ultima Ratio. Klar, es ist wichtig, sich effektiv wehren zu können. Aber die Eskalationskaskade, die zuvor gerollt ist, lässt sich meist abbremsen oder verhindern." Vor allem unter Männern gebe es sehr unterschiedliche Konflikte, die in der Prügelei enden: Emotionales Gewaltpotential begründe sich oft in Konflikten um Frauen, Familie, Geld und Freundschaft, aber oft seien es – massiv verstärkt von Drogen und Alkohol – "einfach nur Banalitäten, die sich hochschaukeln, weil einer seine Wut ablassen will".

Foto-Serie mit 7 Bildern

Doch solche Schläger suchen niemals Gegner – sie suchen Opfer, erklärt Dreber die Gewaltmechanik. Diese Dynamik ist einfach zu erklären: Er will prügeln, ohne sich der Gefahr auszusetzen, selbst geprügelt zu werden. Daher sei es in solchen Situationen am wichtigsten, sich nicht in die Opferrolle zu begeben. "Die Opferauswahl des aggressiven Schlägers geschieht extrem schnell und intuitiv. Sie ist übrigens völlig unspezifisch vom Geschlecht. Wer in dieser Sekunde von ihm als Opfer identifiziert wird, der wird angegriffen." Gesenkter Blick, unsichere Haltung, kleinste Gesten von Angst: Das genügt laut dem Selbstverteidigungstrainer, um etwa in der Menschenmenge eines Stadtfests den Fokus eines aggressionsgeladenen, betrunkenen Schlägertypen auf sich zu ziehen.

Daher sei es sehr wichtig, im Gedränge, im Club oder nachts an der S-Bahn-Station potentiell gefährliche Menschentypen frühzeitig wahrzunehmen und ihnen aus dem Weg zu gehen. "Wer beim Konzert in eine Clique Besoffener hineindrängelt, muss sich nicht wundern, wenn's eskaliert", warnt Dreber.

Richtig deeskalieren

Doch dazu müsse es nicht kommen: "Wir müssen wieder lernen, auf unseren Bauch, auf unser Inneres zu hören. Es signalisiert uns in solchen Situationen frühzeitig die Bedrohung. Wir haben allerdings verlernt, hinzuhören. Statt dessen haben wir Kopfhörer in den Ohren, gucken aufs Smartphone und kriegen nichts mehr von unserer Umgebung mit." Wer ein Unwohlsein, eine Bedrohung spürt, entfernt sich einfach aus der Umgebung, rät Dreber. Wer das nicht kann, der signalisiert ohne Aggression: Ich tauge nicht als Opfer. "Wer angeschrien wird, steigt verbal niemals drauf ein. Wer geduzt wird, bleibt beim Sie. Distanz wahren und mit Gesten beschwichtigen, ohne sich unterzuordnen – das ist eminent wichtig, um die Eskalation nicht zu verstärken."

Dazu gehöre "eine gerade, klare Körper- und Kopfhaltung und ein gerichteter Blick, der Ruhe und Kraft ausstrahlt." Das signalisiere dem aggressiven Gegenüber: "Ich gehe meinen Weg, und du gehst deinen." Dafür sei ein trainierter Körper hilfreich – doch eine spezielle Sportart, die sich am besten zur Selbstverteidigung eignet, gebe es nicht. "Ob Boxen, Kraftsport, Taekwon-do, Wing-Tsun, Karate oder Krav Maga – in einer so blitzschnell hervor kommenden Reaktion ist das Körperbewusstsein für die Abwehr entscheidend."

Kurse nur bedingt hilfreich

Sinnvoll konzipierte Kurse könnten einen guten Eindruck möglicher Bedrohungssituationen samt Abwehrstrategien vermitteln – doch mehr als ein Bewusstsein für bedrohliche Situationen, den Reaktionen seinen Körpers zu wecken und erste Schritte für eine effektive Verteidigung zu vermitteln, sei nicht möglich. "Ich vermittle das dreistufige Eva-Prinzip", erklärt er: "Erkennen, Vermeiden, Abwehren." Personenschützer, professionelle Sicherheitskräfte oder Polizeibeamte könnten einen Angreifer in kürzester Zeit kampfunfähig machen – aber nur, weil sie die nötigen Techniken über Jahre täglich trainiert haben. Sie funktionieren bei ihnen ohne Nachdenken. "Wer aber nur einmal pro Woche trainiert, wird in einer unvermittelt bedrohlichen Situation feststellen müssen: Die Realität ist anders", relativiert Dreber die Wirkung vieler Kurse und Anleitungen.

Nicht zögern: Gegenschock und weg

"Am wichtigsten ist es, in einer Angriffssituation einen wirkungsvollen Mechanismus zur Verteidigung intuitiv abrufen zu können", erläutert Dreber seinen Ansatz. "Ein einziges, simples Element aus einer geeigneten Disziplin muss so gut funktionieren, dass es seine volle Wirkung entfaltet." Am wichtigsten sei beim Körperkontakt, sich niemals in einen Kampf hinein ziehen zu lassen, obwohl das ein typisch männliches Verhalten sei: "Da darf man nicht gewinnen wollen, man muss raus aus der Situation." Das funktioniere am besten mit einem sehr einfachen Modus: "Den Gegenschock einleiten, indem man beim Gegner einen Schmerzpunkt findet. Sich aus dem Griff oder der Klammer befreien und weg." Es gehe nun nicht ums Besiegen, sondern nur darum, eine möglichst große Distanz zum Gegner herzustellen.

Dazu genüge oft einfach eine kräftige Ohrfeige. Doch solche Angriffe müssten kompromisslos und eindeutig ausgeführt werden – wer zögert, verliert. Wichtig sei zudem, mit gleicher Härte wie der Gegner zuzuschlagen: "Wenn du einen Angriff auf dein Leben abwehren musst, antwortest du mit gleicher Waffe – aber nur, um dich daraus zu befreien."

Liebe Leserin, lieber Leser, aktuell können zu diesem Thema keine neuen Kommentare abgegeben werden. Wir bitten um Ihr Verständnis.
Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.

Kommentare

(0)
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige
Video des Tages
Anzeige
Ähnliche Themen im Web

Shopping
Shopping
Trendige Sofas und Couches für jeden Geschmack
reduzierte Angebote entdecken bei ROLLER.de
Shopping
Vom Fleck weg gekauft: Hoover Haushaltsgeräte
OTTO.de
Meistgesuchte Themen
Mehr zum Thema
Sie sind hier: Home > Leben > Mode & Beauty

Anzeige
shopping-portal
© Ströer Digital Publishing GmbH 2017