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St. Petersburg: Vom Glück der Kälte

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Wintermärchen an der Newa  

St. Petersburg – Vom Glück der Kälte

07.06.2017, 11:52 Uhr | Kirsten Niemann/Raufeld, Raufeld

St. Petersburg: Vom Glück der Kälte. Die Alexandersäule vor dem Winterpalast in St. Petersburg. (Quelle: imago/Imagebrocker/hollweck)

Die Alexandersäule vor dem Winterpalast in St. Petersburg. (Quelle: Imagebrocker/hollweck/imago)

Keine Schlangen vor den Museen, leere Hotels und Kunstaktionen: ein Plädoyer für St. Petersburg im Winter. Morgens um neun ist es noch stockduster. Und ab vier Uhr verschwindet das ohnehin nur diffuse Tageslicht schon wieder. Soweit der erste, etwas unwirtliche Eindruck. Fotos von den Sehenswürdigkeiten St. Petersburgs bekommen Sie in unserer Foto-Show.

Dafür sind Flüge und Hotels jetzt günstig, und die Stadt ist leerer als im Sommer, wenn sich die Besucherscharen durch die Gassen schieben, vor den Sehenswürdigkeiten lange Schlangen bilden und sich an Bord der Ausflugsboote drängeln. Mojka, Fontanka und Gribojedow-Kanal sind längst zugefroren. Die Pelzmützen tief über die Ohren gezogen, hasten die Menschen durch die zugigen Straßen.

U-Bahn ist eine Sensation

Doch es gibt auch wärmende Orte in der Zarenstadt an der Newa. Einer davon ist die Marschrutka, eine Art Sammeltaxi. Für 30 Rubel (71 Cent) bringt sie uns vom Flughafen in die Innenstadt. Schwitzende Menschen, Stapel voller Koffer und Reisetaschen - das Fahrzeug ist bepackt bis unters Dach. An der Metrostation Moskauer Bahnhof spuckt die Marschrutka ihre Reisenden auf die Straße. Endstation.

Die blinkende McDonald’s-Werbung fällt zuerst ins Auge, dann der riesige U-Bahn-Eingang, der nicht nur zur Rushhour Hunderte von Passagieren gleichzeitig verschlingt. In St. Petersburg sind die Ein- und Ausgänge zur U-Bahn getrennt.

Angesichts der Menschenmassen, die hier ein- und ausströmen, ist das sinnvoll. Sonst gäbe es schon in kürzester Zeit Chaos. Die U-Bahn in St. Petersburg ist eine Sensation. Denn die Stadt ist auf Sumpf gebaut, für stabile U-Bahntunnel musste man mindestens 60 Meter tief graben. Eine endlos lange Rolltreppe führt in ein festliches Ambiente mit Kronleuchtern, Marmorwänden und Säulengängen.

Paläste des Volkes

Opulente Fresken im Stil des sozialistischen Realismus preisen das Leben der Arbeiter. Kein Schnipsel liegt auf dem Boden, keine Kippe glimmt. Diese "Paläste des Volkes" geben einen Vorgeschmack auf die oberirdischen Prachtbauten der Zarenzeit.

Doch wer mit staunendem Gesicht auf der linken Treppenspur stehen bleibt, erntet grimmige Blicke, denn in St. Petersburg ist es wie in jeder anderen Millionenmetropole: Man hat es immer eilig. Am knisternden Kamin in der Lobby des W Hotels St. Petersburg wärmt sich neben den Touristen auch die einheimische iPhone-Schickeria, während ein lokaler DJ Musik auflegt. Das erste Designhotel der Stadt ist seit April geöffnet und bereits ein Treffpunkt für hippe junge St. Petersburger.

Newski-Prospekt - Der Prachtboulevard

Geschäftsleute mit dem Handy am Ohr, Kids mit iPod, staunende Touristen, die Kamera im Anschlag, nicht mehr ganz so junge Frauen auf Strass besetzten Stöckelschuhen - auf dem Newski-Prospekt kommt alles zusammen. Wir sitzen im ersten Stock des Café Singer bei Kaffee und Torte und gucken auf das Treiben am Newski, wie die Einheimischen diesen Prachtboulevard nennen. Im frühen 20. Jahrhundert hat der amerikanische Nähmaschinenfabrikant Singer hier seinen Firmensitz errichtet, einen Jugendstilbau mit Glaskuppel und Panoramafenstern. Der Newski kann es - wie wir finden - durchaus mit den Champs-Elysee aufnehmen.

Früher wohnten viele Deutsche in diesem Quartier. Die lutherische Petrikirche ist ein großer, aber dennoch bescheidener Bau der Neorenaissance und ein Zeugnis aus jener Zeit. Eine kleine Foto-Ausstellung informiert über ihre Geschichte: 1937 wurde sie unter Stalin geschlossen und zweckentfremdet, 1962 hat Chruschtschow ein Hallenbad aus ihr gemacht. Seit 1992 gehört sie wieder der deutschen Gemeinde, die heute gerade einmal 350 Mitglieder zählt. Ein schwarzes Brett kündigt Deutschkurse an.

Im Schwimmbecken stehen die Bankreihen. Ein Abbruch hätte das Gebäude instabil gemacht, also wurde das Becken einfach mit einem neuen Fußboden abgedeckt, daher fehlen dem Kirchsaal heute zehn Meter Höhe. Eine Gruppe russischer Seniorinnen schaut sich das alles an. Die Führerin blickt auf die Uhr, klemmt zwei Finger zwischen die Zähne und pfeift, dass es in dem Kirchenschiff nur so hallt. Zeit fürs Mittagessen. >>

Wir laufen den Newski-Prospekt hinab, vom Admiralspalast bis zum Alexander-Newski-Kloster. Hinter jeder Ecke lugt eine Kuppel oder ein Türmchen hervor. Alles ist schön auf dieser viereinhalb Kilometer langen Prachtstraße, auf der selbst die Shoppingmalls aussehen wie Schlösser. Allen voran das Gostiny Dwor aus dem Jahr 1757, vermutlich das älteste Kaufhaus Europas. Der Name heißt soviel wie "Gästehof" - und mag Programm sein. Hinter der frühklassizistischen Fassade bewachen freudlos dreinblickende Verkäuferinnen vor allem Markenprodukte aus dem Westen. Die können sich nur Besucher leisten.

Der Newski ist teuer, auch die Restaurants und Bars. Wer hungrig ist, biegt besser in die Seitenstraßen und steigt hinab in eines der vielen und ständig überheizten Souterrains. Die Kneipen sind beliebt, hier trifft sich vor allem junges Volk zu Bier und Pelmeni, dampfende mit Schweinefleisch gefüllte Teigtaschen mit Schmand und guter Butter. Nach neun Uhr ist es oft so voll, dass man keinen Platz mehr bekommt.

Doch hat Kultur in St. Petersburg noch andere Seiten. "Pu 10", das steht für Puschkinskaja 10, Russlands erster Adresse für unangepasste Kunst. Gegründet wurde das Kunstzentrum vor mehr als 20 Jahren. Alles war damals im Umbruch und das Gebäude stand leer. Für Sanierungen hatte die Stadt kein Budget, also besetzten Künstler das Haus für ihre Aktionen - und viele der alten Veteranen wirken auch heute noch hier. Der Eingang ist nicht leicht zu finden. Er liegt nicht auf der namengebenden Puschkinstraße, sondern auf dem parallel verlaufenden Ligowski-Prospekt. Im zweiten Hinterhof finden sich die Aufgänge zu den Galerien und Werkstätten. Vorbei an angestaubten Objekten, von denen man auf den ersten Blick nicht sagen kann, ob es sich um Sperrmüll oder Kunst handelt. Im dritten Stock liegt das Museum für Nonkonformistische Kunst. Heute findet hier eine Modenschau statt mit Kostümen von Kunststudenten der Stadt. Die Models tragen Kleider aus Papptellern und Gartenschläuchen, Hüte aus Aluminiumfolie und Ohrringe aus Kronkorken. Wären wir, wie die meisten anderen Besucher, im Sommer nach St. Petersburg gekommen, hätten wir sicher nicht in diesem Hinterhof Schutz gesucht. Wer den russischen Winter nicht scheut, findet unverhoffte Schätze.

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