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Inselträume auf Rodrigues

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Inselträume auf Rodrigues: Wann kommt der Prinz?

03.04.2013, 15:27 Uhr | Jutta Lemcke, srt

Inselträume auf Rodrigues. Inselträume auf Rodrigues.  (Quelle: imago/Chromorange)

Inselträume auf Rodrigues. (Quelle: Chromorange/imago)

Mauritius' kleine Schwester ist eine Insel mit einfachen Gästehäusern, tausend Schildkröten und einem Gefängnis, das am Wochenende schließt. Die kleine Insel Rodrigues mitten im Indischen Ozean, gut 600 Kilometer östlich der luxuriösen Schwesterinsel, schläft wie Dornröschen, das noch auf seinen Prinzen wartet. "Mauritius wie vor 30 Jahren", sagen die Mauritier sehnsuchtsvoll. "Ein Paradies der Ruhe und Gelassenheit", sagen die Zugereisten. "Eine coole Insel", sagt Christopher.

Es regnet. Ein feiner Sprühnebel geht unaufhörlich über dem kleinen Holzboot nieder, das über das grün schimmernde Wasser der Lagune tuckert - weit entfernt lockt die Palmeninsel Ile aux Cocos. Vorne steht breitbeinig Christopher und grinst, als die Passagiere ihre Regenschirme aufspannen, die eigentlich gegen die Sonne schützen sollten. "Wir lieben den Regen", sagt er mit seiner leisen, freundlichen Stimme, "er hält Rodrigues am Leben. Manche beten sogar um einen Zyklon, nur damit der Regen kommt."
Christopher, der 33-jährige Rodriganer, der wie schon sein Vater Besucher zur vorgelagerten Ile aux Cocos fährt, würde für nichts auf der Welt woanders leben wollen als auf dem lange vergessenen Eiland mit seinen tropisch grünen Hügeln im Zentrum, den kargen Küsten und der Lagune, die sich im Norden und Westen kilometerlang bis zum Riff erstreckt, gegen das wütend die Wellen des Indischen Ozeans schlagen. >>

Wie schimmernde Jade umhüllt die Lagune den Flecken Vulkanerde. Wenn sich bei Ebbe der Ozean über die Riffkante zurückzieht, ist es für die Rodriganer Zeit, aufs Meer zu gehen. Die Männer holen die Fische mit Netzen oder Nylonschnüren aus dem Wasser, die Frauen gehen auf Tintenfischjagd.

Schon vor Sonnenaufgang machen sie sich in ihren bunten Kleidern auf den Weg, vorbei an Papaya- und Bananengärten, und waten dann in Gummistiefeln ins Wasser. Mit Metallspeeren stechen sie in die Korallenhöhlen, in der Hoffnung, einen der porzellanfarbenen Oktopusse zu erwischen.

"In der Zeit unserer Väter", erzählt Christopher, "war die Lagune wie ein Topf voller Fisch." Doch diese Jahre sind vorbei - zu viele Fische und Kraken wurden aus der Lagune geholt. Die Regierung hat inzwischen zu speziellen Zeiten und an einigen Plätzen Fangverbot erteilt - geholfen hat es wenig. Für die Menschen hier ist der Fischfang ein Naturrecht. >>

"Aufs offene Meer fahren wir zum Fischen nicht hinaus", sagt Christopher, "denn wir Rodriganer können nicht schwimmen."

Es ist nicht das erste Mal, dass die Menschen auf Rodrigues zu gierig nach den Schätzen der Natur gegriffen haben. "Da sind viele Landschildkröten auf der Insel, manchmal 2000 bis 3000 auf einem Fleck. Man könnte über ihre Panzer gehen, ohne den Boden zu berühren", berichtete François Legat, der 1691 mit sieben Mann auf der Insel landete und zwei Jahre dort wie im Paradies lebte, bis die Männer des Alleinseins überdrüssig wurden und auf der Suche nach Frauen gen Mauritius segelten. Die Schildkröten dienten von da an über die Jahrhunderte als Abendessen, bis auch die letzte auf dem Tisch landete. Immerhin weiß man heute dank der Aufzeichnungen Legats von dem damaligen Naturreichtum und möchte einen Teil davon wieder aufleben lassen. Das François Leguat Giant Tortoise & Cave Naturreservat im Süden von Rodrigues hat die riesigen Panzertiere aus Mauritius geholt und zählt mittlerweile mehr als 1000 Schildkröten. Publikumsmagnete sind die ehrwürdigen Alten. Wenn sich der 240 Kilogramm schwere Matt mit seinen 98 Jahren erhebt, seinen schrumpeligen Kopf aus dem Panzer schiebt und sich zu seiner schon mehr als hundert Jahre alten Gefährtin Foitidia schleppt, dann klicken die Fotoapparate, und die Eltern dürfen die Kleinen auf den Tieren reiten lassen.

Hier ist Hektik und Stress verpönt

Das Naturreservat, so hofft dessen Leiter Aurèle André, könnte künftig ein wichtiger Anziehungspunkt für Touristen werden, die einige Tage dem hektischen Leben auf Mauritius und Réunion entfliehen wollen. Rund 50000 Besucher kommen mittlerweile pro Jahr nach Rodrigues - darunter etwa 350 Deutsche. Wer auf Rodrigues landet, lässt die gestresste und geschäftige Welt hinter sich. Hektik ist bei den Insulanern verpönt. Wer aus dem Haus geht, muss Zeit für ein Schwätzchen oder gar eine spontane Einladung zum Mittagessen einplanen. Fünf Ärzte gibt es auf der Insel, zwei Apotheken, eine Tankstelle - keine Ampel. Im Gefängnis sitzen derzeit elf Insassen ein - die Tür steht offen, und die Wärter spielen mit den Gefangenen Karten, so wird erzählt.

Zeitweise wurde das Gefängnis am Wochenende sogar geschlossen, und die Gefangenen mussten am Freitag nach Hause gehen.

Der Luxus der Freiheit und des Genusses

Luxus-Resorts wie auf Mauritius sucht man auf Rodrigues vergeblich. Preiswerte und sehr angenehme Unterkünfte bieten Gästehäuser wie die herzliche Herberge "Chez Claudine" an der Ostküste. Claudine lacht verlegen, wenn man sie darauf anspricht, aber tatsächlich konnte sie sich 2007 mit einem Michelin-Stern für ihre Küche schmücken. Kein Wunder, dass sich an ihrem Tisch alle einfinden, die nicht nur Herzenswärme, sondern auch eine köstliche Mahlzeit schätzen. Jean-Paul kommt häufig vorbei. Der einzige offizielle Guide des Tourismusbüros hat gerade ein französisches Fernsehteam nach Baie du Nord gefahren. Die Journalisten warten dort auf die Ebbe, und so macht er ein paar Stündchen frei. Auch Jean-Paul ist ein unerschütterlicher Lokalpatriot: "Jedes Jahr verlassen 20 Personen die Insel", entrüstet sich der 38-Jährige. "Sie studieren im Ausland Literatur oder Chemie." Doch er lenkt ein, "einen Doktor der Poesie oder Chemie brauchen wir hier wirklich nicht. Aber eins haben wir hier auf der Insel, was es woanders nicht gibt. Auf Rodrigues leben wir in Freiheit."

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