Sie sind hier: Home > Lifestyle > Besser leben >

Seeweg zum Schlachthof

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

Seeweg zum Schlachthof

17.02.2008, 15:34 Uhr | Teil 3, Spiegel Online

Jeder Schiffstransport mit einer Sterberate von mehr als zwei Prozent zieht eine Inspektion durch Aqis nach sich. Die Behörde versucht zu klären, welche Missstände zum Tod der Tiere führten. Haben sie sich vor der Abreise mit Krankheiten angesteckt? Gab es Salmonellenbefall, der zu starken Durchfällen führte? Hatten die Tiere ausreichend Wasser und Futter? Wurden die Exkremente regelmäßig beseitigt? Waren zu viele Tiere an Bord? Gab es technische Defekte wie einen Ausfall der Ventilation bei feuchtheißer Witterung? Die nächste Fahrt des fraglichen Schiffes wird von Anfang an genau begutachtet.

Australien als Vorreiter in Sachen Tierschutz

Sogar erklärte Tiertransportgegner zollen dem detaillierten australischen Regelwerk Respekt. "Australien hat international die strengsten Auflagen zum Schiffstransport von Tieren", konstatiert Animals' Angels. Die EU-Bestimmungen beispielsweise seien in wichtigen Punkten - darunter die Beladung des Schiffes mit Tieren, ihre Versorgung mit Futter und Wasser und ihre Überwachung während des Transports - weit weniger konkret. In den meisten Exportstaaten existieren überhaupt keine gesetzlichen Standards zum Transport der Tiere auf Schiffen. Meat & Lifestock Australia evaluierte kürzlich seine Hauptkonkurrenten auf dem Schlachtviehexportmarkt und fand in Brasilien und Argentinien, in Uruguay und Mexiko keinerlei konkrete Hinweise auf ein Regelwerk. Über die afrikanischen Staaten heißt es aus australischer Perspektive nur resignierend, dass Tierschutz dort "keine hohe Priorität genießt" und es von daher kaum Anlass gebe, "Standards zum Transport von Tieren in irgendeiner Form zu entwickeln".

Tausende Rinder ertrunken

Die australische Schlachtviehlobby nutzt die prekäre Situation bei der Konkurrenz geschickt für ihre eigene Kampagne. "Wenn Australien die Kunden in Übersee künftig nicht mehr mit Lebendvieh versorgt", verkündet der Viehexporteurverband Livecorp leise drohend, "dann werden unsere Lieferungen eben von Ländern ohne jegliche Tierschutzbestimmungen übernommen." Für eine Reihe alter Schiffe, überwiegend rostige ehemalige Containerfrachter aus den Sechzigern und Siebzigern, die in australischen Häfen längst auf der Schwarzen Liste stehen und kein Vieh mehr an Bord nehmen dürfen, haben die Reeder diesen Ausweg schon gesucht. In Brasilien beispielsweise ist die Nachfrage nach preiswertem Laderaum, gern auch auf älteren Schiffen, derzeit groß. Zu diesen älteren Schiffen gehörte - mit stattlichen 37 Jahren - auch die "D.M. Spiridon", die Anfang November 2006 mit 1750 Rindern an Bord auf ihrer Fahrt von Brasilien in den Libanon vor Venezuela sank. Das Schiff gehörte Rouba Ghassan El Murr, dem Bruder des libanesischen Schlachtviehgroßimporteurs Bassam Spiridon El Murr.

6000 Schafe erstickt

Den extremen klimatischen Bedingungen in der Golfregion sind allerdings auch moderne Schiffe fast schutzlos ausgesetzt. Wenn bei Temperaturen von 40 Grad Celsius, hoher Luftfeuchtigkeit und Windstille die Ventilation der Ladedecks ausfällt, ist das Massensterben auch mit einem Tierarzt an Bord nicht mehr aufzuhalten. So geschehen im August 2002 auf der MV "Corriedale Express" im Golf von Oman. Durch einen Ausfall des Generators fiel die komplette Ventilation fünf Minuten lang aus, danach arbeitete sie noch eine Stunde mit verringerter Leistung. "Von dem Ausfall der Ventilation und dem damit verbundenen Sauerstoffmangel konnte sich der Viehbestand körperlich nicht mehr erholen", sagt der Aqis-Untersuchungsbericht. Im Klartext: Mehr als 6000 Schafe erstickten qualvoll.

Schiffe mit technischen Mängeln

Die großen Schlachtviehcarrier, allen voran die zur niederländischen Reederei Vroon gehörende Dens Ocean, sind - nach eigenem Bekunden - auch an strengste Bestimmungen bestens angepasst und müssen keine Kontrollen fürchten. Einige Schiffe wurden von der Meyer-Werft in Papenburg von Container- auf Tierfracht umgerüstet. "Tierschutz hat für uns höchste Priorität", erklärt das Management der Flotte, die im vergangenen Jahrzehnt 15 Millionen Schafe aus Australien in den Mittleren Osten transportiert hat, "die Offiziere und Mannschaften an Bord unserer Schiffe stehen dafür persönlich ein." Zweifel sind angebracht. Auch die derzeit 15 Dens-Ocean-Viehfrachter bringen es auf ein Durchschnittsalter von immerhin 19 Jahren. Einige der Schiffe, die Vroon vor knapp vier Jahren von einer Reederei in Singapur gekauft hat, standen bis dato in äußerst zweifelhaftem Ruf und wurden wegen schwerwiegender technischer Mängel wiederholt von den australischen Hafenbehörden festgehalten.

Extreme Hitze und schlechte Luft

Der neue Eigentümer hat den Schiffen erst einmal, wohl aus unternehmenshygienischen Gründen, neue Namen verpasst. So hieß die "Jersey Express" früher "Janet 1"; in einem Inspektionsreport von Animals' Angels aus dem Jahr 2003 wurde sie wegen ihres insgesamt bedenklichen Zustands in der Kategorie "indiskutabel" geführt. "Ein ganz schlimmes Schiff", schreiben die Tierschützer. Was die Exporteure aber nicht davon abhält, den Laderaum bis zur letzten Ecke mit Rindern zu füllen. "Die Tiere litten unter Hunger und Durst. Die Boxen waren völlig überfüllt, die schwergewichtigen Bullen lagen in ihren Exkrementen." Ein anderes Schiff, die "Dealco 1", heute als "Hereford Express" für Dens Ocean unterwegs, wurde ebenfalls im Jahr 2003 wegen beengter Platzverhältnisse und ungenügender Ventilation als "komplett ungeeignet für den Transport von Tieren" eingestuft. "Die Rinder auf der vierten und fünften Ladeebene litten unter extremer Hitze und hohem Ammoniakgehalt der Luft", befand Animals' Angels. "Der Kot stand bis zu zehn Zentimeter hoch."

Alte Schiffe mit neuem Namen

Auch ein Schiff namens "Merino Express", mit 28 Jahren das älteste der Flotte, findet sich im Dens-Ocean-Schiffsportfolio. Hier tat die Umbenennung besonders not. Vorher hieß der Viehfrachter nämlich "Cormo Express". Mit dem "Todesschiff" und seiner wochenlangen Odyssee mit 58.000 Schafen an Bord hätten wohl auch hartgesottene Viehexporteure nichts mehr zu tun haben wollen. Mittlerweile verrichtet das Schiff wieder profitable Dienste auf der Route von Australien in den Mittleren Osten.

Katastrophale hygienische Bedingungen

Die strengen gesetzlichen Bestimmungen in Australien werden in der Praxis offenbar nicht immer konsequent gehandhabt. Nach der Häufung von Transporten mit hohen Verlusten in den Jahren 2002 und 2003 inspizierte Aqis 13 Exporteure, auf deren Schiffen auffallend viele Tiere verendet waren. Nur in einem einzigen Fall wurde eine Exportlizenz entzogen. Als im Jahr 2006 auf einem Transport von Australien nach Israel 248 Rinder verendeten, die meisten an Infektionen, brachte die anschließende Inspektion katastrophale hygienische Bedingungen an Bord des Schiffes zutage. Gegen den Exporteur wurde ein Ausfuhrverbot verhängt - für gerade zwei Monate.

Kontrollen lassen zu wünschen übrig

Die tierärztliche Kontrolle vor der Abfahrt der Schiffe lässt in der Praxis offenbar ebenfalls zu wünschen übrig. Die Veterinäre verlassen sich in der Regel auf die Angaben der Exporteure. "Außerdem haben sie meist nicht genug Zeit zu überprüfen, ob beispielsweise die zulässige Ladedichte an Bord eingehalten wird", kritisieren die australischen Tiertransportgegner von Live Export Shame. Dazu müssten sie die Zahl der laut Ladedokumente zum Transport vorgesehenen Rinder oder Schafe mit der tatsächlichen Anzahl verladener Tiere vergleichen - was nur selten geschieht. Live Export Shame befürchtet, dass die Aqis-Veterinäre "im Wesentlichen Häkchen an eine Liste machen". In einem Fall, so kam heraus, hatte der Tierarzt eigene Rinder an Bord des Schiffes, das er kontrollieren sollte.

Entzug der Lizenz bringt wenig

Auch in Europa bewirken Sanktionen offenbar wenig. Im November 2004 kippte ein Lkw-Hänger auf einer Fähre von Barcelona ins italienische Civitavecchia bei stürmischer See um; elf von 13 Pferden verendeten qualvoll. Die Behörden stellten anschließend mehr als ein halbes Dutzend Verstöße gegen EU-Bestimmungen fest. Vor allem die Art der Beladung des Anhängers - die Pferde auf der unteren Ebene, 33 Rinder darüber -, die riskante Überfahrt bei starkem Seegang ohne ausreichende Sicherung des Lastzugs und die lange Transportzeit ohne Pause verstießen massiv gegen EU-Direktiven. Animals' Angels forderte daraufhin, der Transportfirma Montalban die Lizenz zu entziehen, merkte aber resignierend an: "Der Entzug der Lizenz bringt in der Regel wenig. Entweder ändert die Firma schnell ihren Namen oder sie vermietet ihre Fahrzeuge an andere Unternehmen, die in der gleichen Weise arbeiten."

Mehr aus Vebraucher:
Immer mehr Schrott! Gefährliche Geräte aus China
Hersteller verschweigen Herkunft Woher kommt unser Essen?
Nachwiegen lohnt sich Mogeleien bei Obst und Gemüse

Liebe Leserin, lieber Leser, aktuell können zu diesem Thema keine neuen Kommentare abgegeben werden. Ab 6 Uhr können Sie hier wieder wie gewohnt diskutieren. Wir danken für Ihr Verständnis.
Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige
Video des Tages
Taekwondo 
Taekwondo-Kämpfer zerstört Bausteine mit dem Kopf

Ein Taekwondo-Kämpfer aus Bosnien-Herzegowina erweist sich als ganzer harter Typ. Video

Anzeige

Shopping
Shopping
Jetzt EntertainTV Plus bestellen und 1 Jahr sparen!

EntertainTV Plus 1 Jahr statt 14,95 € für 4,95 €* mtl. sichern. www.telekom.de Shopping

Shopping
Jetzt bestellen: 6er-Set Solarleuchten für nur 14,99 €

Solarleuchten Globo mit warm-weißen LEDs sorgen für eine stimmungvolle Beleuchtung. Zu Weltbild.de Shopping


Anzeige
shopping-portal