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Zuckergehalt: Verbraucherschützer enttarnen Kalorienbomben

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Lebensmittel  

Verbraucherschützer enttarnen Kalorienbomben

23.05.2008, 13:08 Uhr | Spiegel Online / Susanne Amann

Kalorienangaben auf dem Etikett - für Verbraucher nicht immer eindeutig (Foto: dpa)Kalorienangaben auf dem Etikett - für Verbraucher nicht immer eindeutig (Foto: dpa) Industrie und Verbraucherschützer streiten erbittert um die Kennzeichnung von Lebensmitteln. Jetzt hat Foodwatch zu einem einfachen Trick gegriffen, die Angaben der Konzerne grafisch umgesetzt - und siehe da: Aus angeblich gesunden Lebensmitteln werden Zuckerbomben.

Verlockende Botschaften

Papier ist geduldig - auch, wenn es um die Verpackungen von Lebensmitteln geht: "Mit weniger Zucker" heißt es da bei Kellogg's Frosties, "aktiviert die Abwehrkräfte" lockt Actimel von Danone und Nestlé bewirbt seine Trio-Frühstücksflocken gar mit einer "Vollkorngarantie". Die Botschaft an den Verbraucher ist klar: Kauf' mich, iss' mich - denn ich bin gesund.

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Angaben sind verwirrend

Was weniger deutlich auf der Packung steht, ist das, was tatsächlich in den Lebensmitteln drin ist: 25 Gramm Zucker pro 100 Gramm sind es bei den Frosties, bei Actimel 11,4 Gramm Zucker und bei Nestlé gar 37 Gramm - das hat die Verbraucherorganisation Foodwatch anhand der Nährwertangaben auf den Packungen ausgerechnet. Zwar geben die Hersteller selbst die Nährwerte an - allerdings mit einem System, das es dem Verbraucher nicht gerade einfach macht, die tatsächlichen Inhaltsstoffe zu erkennen.

Zuckergehalt wird verschleiert

Denn obwohl es sich um das gleiche Produkt handelt, klingen die Angaben der Lebensmittelindustrie ganz anders: So heißt es auf der Frosties-Packung, mit einer Portion von 30 Gramm decke ein Erwachsener acht Prozent seines täglich empfohlenen Zuckerbedarfs, bei Danone entspricht ein Fläschchen Actimel vier Prozent des täglichen Kalorienbedarfs. Und mit den Nestlé-Cerealien sollen über elf Prozent des täglichen Zuckerbedarfs gedeckt werden. "Das ist ein System, das vom Konsumenten nicht verstanden wird und es den Herstellern erlaubt, den tatsächlichen Anteil an Zucker, Fett und Salz bewusst zu verschleiern", sagt Matthias Wolfschmidt von Foodwatch.

Umstrittenes Ampelsystem

Tatsächlich tobt seit langem ein erbitterter Streit zwischen Industrie, Politik und Verbraucherschützer über die Nährwertkennzeichnung: Gesundheitsexperten und Verbraucherorganisationen fordern eine farbliche Kennzeichnung der Inhaltsstoffe nach einem Ampelsystem. Mit den Farben grün (niedrig), gelb (mittel) und rot (hoch) soll dem Verbraucher einfach und schnell signalisiert werden, was er isst. Die Lebensmittelindustrie lehnt dieses System jedoch ab - angeblich, weil es bestimmte Lebensmittel diskriminiere. Sie hat sich stattdessen auf das sogenannte GDA-System (Guideline daily amount) verständigt, das den Nährwert bezogen auf Portionsgrößen angibt.

"Mehrheit der Produkte übersüßt"

Dass beide Systeme zu extrem unterschiedlichen Ergebnissen kommen, zeigen aktuelle Untersuchungen von Foodwatch: "Wir haben 32 Produkte beispielhaft mit der Ampelkennzeichnung versehen und dabei festgestellt, dass die überwältigende Mehrheit der Produkte übersüßt ist", sagt Wolfschmidt. Nur zwei der untersuchten Waren bekommen in punkto Zuckergehalt eine grüne Ampel, 26 dagegen sogar die rote Ampel. Weil die GDA-Kennzeichnungen das aber nicht so explizit zeigen, zieht der Nahrungsmittelexperte darauf nur einen Schluss: "Mit ihrer Kennzeichnung will die Nahrungsmittelindustrie ihre stark zuckerhaltigen Produkte als wertvollen Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung erscheinen lassen."

Schönfärberei mit Mini-Portionen

Eine Meinung, mit der Foodwatch nicht alleine steht: "Das ist nichts anderes als eine Schönrechnerei der Industrie, die damit Produktgruppen ein 'gesundes Mäntelchen' umhängen will, die es eigentlich nicht verdienen", sagt auch Angelika Michel-Drees, Ernährungsexpertin bei der Verbraucherzentrale des Bundesverbands. Sie ärgert besonders, dass sich die Großen der Nahrungsmittelindustrie dabei auf Portionsgrößen geeinigt haben, die fern von jedem normalen Verbraucherverhalten sind.

Halbe Tiefkühlpizza, 25 Gramm Chips

Denn um die Nährwertangaben möglichst gering zu halten, wird dem Verbraucher empfohlen, bei Erdnüssen und Chips nur eine winzige Handvoll von 25 Gramm zu essen, von der Tiefkühlpizza soll die Hälfte liegen gelassen und auch von der Halbliterflasche Cola darf nur die Hälfte getrunken werden. "Das sind willkürlich gewählte Portionen, die darüber hinaus jede Vergleichbarkeit schwer machen", sagt Michel-Drees.

Industrie fühlt sich ungerecht behandelt

Eine Einschätzung, die von vielen Ernährungsexperten, etwa von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, geteilt wird. Die Lebensmittelindustrie sieht sich allerdings ungerecht behandelt: "Die Kritik entbehrt jeder Grundlage, dem Verbraucher ist beim Kauf einer Großpackung sehr wohl bewusst, dass diese nicht auf einmal verzehrt werden sollte", heißt es bei der Initiative "Ausgezeichnet informiert", zu der sich unter anderem die Lebensmittelriesen Danone, Kellogg's, Kraft Foods, Nestlé und PepsiCo zusammengeschlossen haben. "Die Portionsgröße soll eine Verzehrempfehlung sein, was der Verbraucher dann tatsächlich ist, muss er selbst entscheiden", sagte auch deren Sprecher Markus Altvater.

Furcht vor hohen Kosten

Noch deutlichere Worte findet der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL): Der Lobby-Verband der Lebensmittelindustrie spricht von "unverhältnismäßigen Forderungen" und einem "Nährwertkennzeichnungsregime". Die Ampelkennzeichnung sei nicht praktikabel, habe keinen belegbaren Nutzen und sei kostspielig, wetterte der Chef des Spitzenverbandes, Theo Spettmann, auf der Jahrestagung des Verbandes Mitte April.

Neue Rezepturen sind teuer

Tatsächlich geht es vor allem ums Geld: Zucker als Rohstoff ist billig - vor allem, wenn man mit ihm andere, teurere Rohstoffe ersetzen kann. "Außerdem ist es mit erheblichen Risiken und Kosten verbunden, ein bewährtes Rezept zu ändern", weiß auch Wolfschmidt von Foodwatch. "Die Industrie wehrt sich gegen die Ampel, weil sie dadurch genötigt wird, neue Produkte zu entwickeln. Und das kann handfeste ökonomische Auswirkungen haben."

Verbraucher wollen Ampel

Noch ist nicht klar, wer im Ringen um die richtige Kennzeichnung den Kürzeren ziehen wird. Zwar gilt Verbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU) bislang als überzeugter Verfechter der freiwilligen GDA-Lösung. Doch der Druck steigt: Zum einen hat Foodwatch in einer Kampagne mehr als zehntausend Protestbriefe an Seehofers Ministerium schicken lassen. Zum anderen hat eine vom Minister höchst selbst in Auftrag gegebene Studie belegt, dass sich die Mehrzahl der Verbraucher eine farbige Kennzeichnung wünscht.

Mindestgröße: Drei Millimeter

Außerdem hat sich auch die EU in die Debatte eingeschaltet - und einen Vorschlag vorgelegt, der weit über das bisher freiwillige GDA-System hinausgeht. Geht es nach EU-Gesundheitsministerin Androula Vassiliou, soll jede Packung künftig schon auf der Vorderseite Kalorienzahl, Fettgehalt, Kohlenhydrate, Zucker, Salz und gesättigte Fettsäuren verraten. Auf der Rückseite soll der Verbraucher dann erfahren können, wie viel er von den einzelnen Bestandteilen zu sich nehmen sollte. Die Angaben sind verbindlich - und vorgeschrieben ist selbst die Schriftgröße: Die Wörter müssen mindestens drei Millimeter groß sein.

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