06.12.2012, 11:14 Uhr | tp
Alkoholsucht reißt Familien auseinander. Betroffene kümmern sich oft nicht mehr um ihre Angehörigen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)
Vor drei Jahren ist Annettes Mutter mit gerade mal 57 Jahren gestorben – an den Folgen ihrer Alkoholsucht. Auch heute hat ihre Tochter immer noch keinen wirklichen Frieden mit ihr und der Vergangenheit gefunden. "Als ich von ihrem Tod erfuhr, habe ich fast ein wenig Erleichterung empfunden", gibt die Dreißigjährige zu. "Mein erster Gedanke war: endlich keine Sorgen mehr machen." Wie es ist, wenn die eigene Mutter alkoholsüchtig ist.
Laut der Suchtkrankenhilfe "Blaues Kreuz" leidet schätzungsweise jedes siebte Kind unter der Sucht eines oder sogar beider Elternteile. Das entspricht etwa 2,6 Millionen Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Die heute dreißigjährige Annette gehörte zu diesen Kindern, ihre Mutter war schwere Alkoholikerin.
Schon sehr früh musste Annette Verantwortung übernehmen. Als sie sieben Jahre alt war, verließ ihr Vater die Mutter. Die ewigen Streitereien um den Alkoholkonsum seiner Frau waren ihm zu viel geworden. Für die Verlassene eine Rechtfertigung mehr, zur Flasche zu greifen. Hatte sie vorher zumindest noch versucht, einen halbwegs geregelten Haushalt zu führen, lag sie nun fast nur noch im abgedunkelten Wohnzimmer auf der Couch, trank, schlief und trank dann wieder.
Betroffene haben oft ein schweres Los, denn selbst nach erfolgreicher Behandlung ist die Krankheit nicht immer besiegt. Aber es gibt Hoffnung. zum Video
"Zu mir hat sie gesagt, sie wäre einfach müde und traurig, weil Papa gegangen sei. Sie müsste sich erholen und ausruhen, dann ginge es wieder. Ich habe die Wohnung aufgeräumt, die Wäsche gewaschen und sogar gekocht. Ich dachte, je mehr ich mache, desto schneller erholt sie sich wieder", erinnert sich Annette.
Anstatt sich zu erholen, trank Annettes Mutter immer mehr. "Ich rutschte in der Schule völlig ab, ich konnte mich einfach nicht konzentrieren. Den ganzen Morgen machte ich mir Sorgen und fragte mich, was mich erwartet wenn ich nach Hause komme", sagt die Dreißigjährige. Nicht nur einmal lag ihre Mutter nahezu besinnungslos im Badezimmer vor der Toilette in ihrem eigenen Erbrochenen. Zwei Mal rief die Tochter sogar einen Notarzt, weil die Betrunkene auf nichts reagierte und nicht wach zu bekommen war.
Freunde mit nach Hause bringen? Auch so etwas war für das Kind nahezu unmöglich. Die Angst, dass Schulkameradinnen ihre Mutter so betrunken sehen könnten, war viel zu groß. Schließlich schämte sie sich schon vor den Nachbarn, wenn diese ihre Mutter in den Supermarkt wanken sahen. "Schlimm war es auch, wenn ich mal bei anderen zum Spielen oder zum Geburtstag eingeladen war. Ich war immer richtig neidisch. Niemand war betrunken, die Mütter kümmerten sich um das Essen. Vor allem lag nicht dieser ständige Alkoholdunst über allem. Es war so ganz anders als bei uns", erinnert sich Annette.
Der Vater von Annette heiratete recht schnell wieder, der Kontakt zur Tochter schlief ein, er überließ das Kind ganz der trinkenden Mutter. "Lange Zeit gab ich mir die Schuld, dass mein Vater gegangen ist und meine Mutter trinkt. Deshalb fühlte ich mich auch so verpflichtet, für meine Mutter da zu sein – obwohl mich ihre Trinkerei natürlich auch oft unglaublich wütend gemacht hat", erzählt die Dreißigjährige, die heute bereits selbst Mutter zweier Kinder ist.
Je älter Annette wurde, desto mehr erkannte sie, dass ihre Mutter krank ist. Die Alkoholikerin selbst wollte dies jedoch nicht wahrhaben. Hilfe bekam Annette lange Zeit von niemandem. "Als ich mit 17 meine Ausbildung anfing, habe ich mich sehr eng mit einer älteren Kollegin angefreundet. Sie erzählte mir irgendwann, dass sie mal mit einem Alkoholiker verheiratet gewesen sei. Mit ihr habe ich dann zum ersten Mal in meinem Leben ganz offen und ehrlich über meine Situation zuhause gesprochen", sagt Annette. Die Kollegin ist es schließlich, die Annette dabei unterstützt, sich eine Wohnung zu suchen und ein eigenes Leben aufzubauen.
Als Annette vor fünf Jahren selbst zum ersten Mal schwanger war, brach sie den Kontakt zu ihrer Mutter ganz ab. Nach ihrer schlimmen Kindheit wollte sie den eigenen Kindern auf gar keinen Fall eine trinkende Oma zumuten. "Ich habe meine Mutter trotz allem geliebt, aber die trinkende Seite an ihr auch gehasst. Und ich bin heute noch wütend über das, was sie mir genommen hat – nämlich eine behütete Kindheit. Trotzdem habe ich ein schlechtes Gewissen und das Gefühl, sie im Stich gelassen zu haben", gibt die Dreißigjährige zu, die mittlerweile eine Therapie macht, um ihre negativen Gefühle und Erfahrungen zu verarbeiten.
Quelle: tp
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