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Alzheimer: Trainingsprogramm für Patienten

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Trotz Alzheimer "wieder Kaffee kochen können"

04.01.2012, 12:07 Uhr | dpa-afxp, dpa-AFX

Alzheimer: Trainingsprogramm für Patienten . Alzheimer: Trainingsprogramm lässt Patienten hoffen. (Quelle: dpa)

Alzheimer: Trainingsprogramm lässt Patienten hoffen. (Quelle: dpa)

Auf dem Wunschzettel eines Alzheimer-Patienten geht es um die kleinen Dinge des Lebens: etwas mehr Autonomie, etwas weniger Abhängigkeit von gestressten Angehörigen. Tatsächlich könnten Betroffene im frühen Stadium ihren Lebensalltag in vielen Aspekten selbst meistern: mit Eselsbrücken oder indem sie frühere Fertigkeiten per Training reaktivieren und sie damit länger erhalten.

"Wieder Kaffee kochen können"

"Der größte Wunsch ist, einige Sachen allein hinzubekommen. Manche wollen einfach nur wieder fotografieren oder Kaffee kochen können", sagt die Dresdner Professorin Vjera Holthoff und nennt das Ziel ihrer Arbeit "Hilfestellung zur eigenen Hilfe". Den Auslöser des Fotoapparates oder den Schalter an der Kaffeemaschine finden - scheinbar kinderleichte Handlungen sind für Menschen mit einer solchen Diagnose eine Herausforderung. In Dresden laufen seit ein paar Jahren Studien, um der häufigsten Form der Demenz auf die Spur zu kommen. Die erste Untersuchung begann vor fünf Jahren und nahm Aktivitäten im Hippocampus - einer kleinen Hirnregion im Schläfenlappen - unter die Lupe. Sie ist fürs Kurzzeitgedächtnis, aber auch für autobiografische Erinnerungen oder das Erkennen von vertrauten Gesichtern und Orten wichtig. In Störungen dieses Areals sehen Forscher die häufigste Ursache für den Gedächtnisverlust - in Deutschland sind schätzungsweise 1,2 Millionen Menschen betroffen.

Täglich werden es mehr Alzheimer-Patienten

Die Zahl der Demenz-Erkrankungen steigt. Medikamente und Therapien wie die in Dresden entwickelten Trainingsprogramme dienen dazu, ein "Leben mit oder trotz Alzheimer" zu ermöglichen.

Therapie als Hilfestellung

Vjera Holthoff dämpft allzu große Hoffnungen. "Wir können die Erkrankung nicht stoppen, sondern nur helfen, sie in den Griff zu bekommen", sagt die stellvertretende Chefin der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Dresdner Uniklinik. Das Ziel bestehe darin, für Betroffene ein Maximum herauszuholen - so lange wie möglich im häuslichen Umfeld zu bleiben oder maximal betreut zu werden. "Wir verwalten kein Elend, sondern möchten Hilfestellung für ein lebenswertes Leben geben." Die Professorin sieht in den Forschungen auch Mehrwert für die Gesunden. "Wir lernen viel darüber, wie das Gehirn im Alter funktioniert."

Alzheimer in der Mitte des Lebens

Margit B. aus Grünewald im Süden Brandenburgs erhielt die Diagnose einen Tag vor ihrem 50. Geburtstag. Eine Untersuchung im Universitätsklinikum Dresden brachte Gewissheit über die heimtückische Erkrankung. "Für die ganze Familie war es ein Schock", sagt Ehemann Wolfgang. Zu Hause hatte er von den Symptomen lange Zeit nichts bemerkt. Wenn seine Frau mal etwas vergaß, führte er das auf Überarbeitung zurück. Das glaubten anfangs auch die Kollegen in der Firma, in der Margit Rechnungen schrieb und andere Büroarbeit erledigte. "Es haben sich bei ihr dann Fehler gehäuft. Da hat sie auch mal ein Skonto addiert, statt die Summe beim Kunden abzuziehen."

Alzheimer trieb die Familie fast in den Ruin

"Eine Weile haben die Kollegen versucht, das auszugleichen. Aber irgendwann ging es nicht mehr", sagt der Ehemann. Auch zu Hause kam es nun immer häufiger zu kleinen Katastrophen. Zum Kochen setzte seine Frau eine Plastikschüssel auf den Herd. Immerhin konnte sie damals noch ihre Schwester anrufen und um Hilfe bitten. Die Krankheit zwang die ganze Familie, ihr Leben neu zu organisieren. Bis dahin hatte der Vater auf Montage gearbeitet. Die Familie geriet in einen Strudel. Wolfgang B. wurde arbeitslos, dann folgte Hartz IV. Dabei hatte man erst Mitte der 1990er-Jahre ein Haus gebaut, das noch abzuzahlen ist. "Das war schon eine schlimme Zeit. Da musste man ganz schön rechnen, jeden Pfennig rumdrehen."

Unterstützung von Familie und Freunden

Inzwischen hat sich die Familie an das Leben mit Alzheimer gewöhnt. Der Sohn wohnt mit im Haus und kann helfen. Ein paar Freunde sind abhanden gekommen, neue kamen hinzu. Die Nachbarn sind im Bilde. Nachdem Margit mal mit Zahnbürste in der Hand und dem Bettvorleger unterm Arm ausbüxte, bat ihr Mann die Anwohner um Hilfe. "Wenn ihr sie seht, müsst ihr sie sofort einfangen", lautete danach die Order. "Wenn sie ins Maisfeld läuft, würde ich sie nicht mehr wiederfinden", sagt Wolfgang. Heute sitzt die 61 Jahre alte Margit meist im Rollstuhl, wenn es an die frische Luft geht. Sie sieht schlecht und droht zu stürzen. Ohne helfende Hand kann sie im Grunde nichts mehr machen.

Schöne Momente trotz Alzheimer

Dennoch erlebt der 62 Jahre alte Ehemann auch schöne Momente im neuen Leben mit seiner Frau. "Manchmal klammert sie sich ganz fest an mich, oder streichelt mich einfach - so wie ich es ja auch mache." Wolfgang ist überzeugt, dass Margit einen Draht in ihre Vergangenheit behalten hat. "Manchmal denke ich, sie erinnert sich heute noch an ihre Kindheit." Wenn im Fernsehen die alten Märchen laufen oder die Buch- und Filmfigur Heidi auftaucht, reagiert seine Frau bisweilen. Auch bei Musik. "Dann steht sie am Fernseher wie ein Dirigent." Unlängst, beim Besuch auf dem Weihnachtsmarkt, haben ihre Füße bei der Musik mitgewippt. Nur reden kann Wolfgang B. mit seiner Frau nicht mehr. Ihre Sprache ist nicht mehr verständlich.

Frauen sind häufiger betroffen als Männer

Noch ist das Wissen über Alzheimer begrenzt. Sicher sind sich die Forscher, dass krankhafte Eiweißablagerungen Hirnzellen lahmlegen. Botenstoffe stehen nicht mehr zur Verfügung, Nervenzellen sterben ab. Der Prozess beginnt schleichend, anfangs sind nur einzelne Areale betroffen. Es ist gerade so, als würde eine Festplatte Schritt für Schritt gelöscht. Der Patient befindet sich im Standby-Modus und muss sich auf seinen Speicher verlassen. Doch der verweigert immer öfter den Zugriff. Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer. In der Altersgruppe der 55- bis 65-Jährigen gehört ein Prozent der Bevölkerung dazu, bei den über 90-Jährigen sind es schon 30 Prozent, sagt Holthoff.

Erbanlagen und andere Risiken begünstigen die Krankheit

Auch die Gene spielen mit. Markus Donix vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) führt Zwillingsstudien an, nach denen die häufigste Form von Alzheimer zu etwa 60 Prozent durch Erbanlagen bedingt ist. "Es gibt eine Vielzahl genetischer Faktoren, einige sind bekannt, andere nicht". Da sich Alzheimer nicht wie die Huntington-Krankheit auf ein einzelnes Gen zurückführen lasse, gebe es auch keine einfache Antwort. Holthoff verweist auf andere Risiken: Übergewicht, Fettstoffwechsel, Diabetes - ein ganzes Potpourri von Faktoren. Selbst die geistige Flexibilität kommt zum Tragen. "Offen sein für Neues" gilt deshalb als gute "Präventionsarbeit".

Trainingsprogramm hält Patienten fit

Experten sehen vor allem Menschen gefährdet, die allein leben oder mangels Mobilität vom Austausch mit anderen abgekoppelt sind. Jede Zeitung, jedes Hörbuch, Kreuzworträtsel oder Sudoku - alles hilft, was die grauen Zellen anregt. "Es geht nicht darum, etwas Neues zu lernen - das kann ein Alzheimer-Patient in der Regel nicht mehr. Aber er vermag bei einer Kombination von Medikamenten und Training ein Level zu halten", erklärt Holthoff. Eine zweite Studie der Dresdner mündete deshalb in Trainingsprogrammen. 160 Probanden nahmen teil - die meisten sind heute im Alltag wieder etwas selbstständiger - auch wenn es "nur" um den Weg bis zur nächsten Bushaltestelle geht.

Viele lassen sich zu spät helfen

"Wir suchen eine Lösung für Millionen von Menschen", macht Holthoff die Dimension der Aufgabe klar. An der Dresdner Uniklinik gibt es seit mehr als zehn Jahren eine "Gedächtnisambulanz". "Leider kommen die Leute immer noch zu spät zu uns, obwohl es unterdessen eine größere Öffentlichkeit für dieses Thema gibt." Was Dresden von Forschungen anderswo unterscheidet, ist die Spannbreite von der Grundlagenforschung bis hin zur praktischen Hilfe. "Wir möchten nicht im Elfenbeinturm forschen, sondern suchen in der Tierforschung nach Ideen für die Behandlung unserer Patienten, die in ihrem Alltag praktikabel sind", sagt die Professorin. Techniken wie die Magnetresonanztomographie, die im lebenden Menschen Details und Kommunikationsnetzwerke zwischen Nervenzellen bei unterschiedlichen Aktivierungen des Gehirns sichtbar machen, haben neue Dimensionen eröffnet. Mit solcher Technik treten die Forscher nun die Reise ins Innere des Gehirns an. Irgendwann hilft auch das dabei, das Geheimnis von Alzheimer zu lüften.

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