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Osteopathie: Fragwürdige Heilmethode auf Rezept

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Osteopathie: Fragwürdige Heilmethode auf Rezept

14.12.2012, 10:38 Uhr | Spiegel Online/ Heike Le Ker

Osteopathie: Fragwürdige Heilmethode auf Rezept. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Osteopathie: Fragwürdige Heilmethode auf Rezept. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Sie wollen mit den Händen heilen, verrutschte Schädelknochen nach der Geburt wieder zurechtrücken: Osteopathie in Deutschland boomt - viele Krankenkassen zahlen längst für die Behandlungen. Doch wer nach einem Beweis für die Wirksamkeit sucht, bekommt dürftige Antworten.

Sind Osteopathen besser als Orthopäden?

Diesmal gehe ich zum Osteopathen mit meinem Zipperlein: Bei bestimmten Bewegungen schießt ein Schmerz in meine rechte Gesäßhälfte, der mir Sorgen bereitet. Mit ausgestreckten Beinen auf dem Rücken liegen kann ich nicht gut, von Sit-ups ganz zu schweigen. Habe ich ein Problem an meiner Wirbelsäule? Muss ich um meinen Ischiasnerv fürchten? Knallt meine Bandscheibe bald heraus?

Michael Kaufmann lächelt freundlich und legt seine Hände ineinander. Der Vorsitzende der Osteopathen in Hamburg behandelt normalerweise schlimmere Fälle als mich. "Waren Sie schon beim Orthopäden?" fragt Kaufmann, der auch Physiotherapeut und Heilpraktiker ist. Ja, aber dieser Termin verlief so klischeehaft wie ernüchternd: Der Orthopäde hat mich bei der Auflistung meiner Beschwerden nach Punkt eins unterbrochen, mich ins Röntgen geschickt und danach meine Lendenwirbelsäule ungefragt eingerenkt. Meine Beschwerden blieben.

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Viele Menschen von der Schulmedizin enttäuscht

Ähnlich wie mir ergeht es jährlich Tausenden Menschen in Deutschland. Viele wenden sich enttäuscht von gehetzten Schulmedizinern ab, die mitunter zu vergessen scheinen, dass der Mensch nicht nur aus Einzelteilen besteht, und probieren alternative Methoden aus: Dem Verband der Osteopathen Deutschland (VOD) zufolge suchen Patienten in Deutschland 5,12 Millionen Mal pro Jahr Rat bei einem Osteopathen.

Vor allem Mütter schwören zunehmend auf die sanfte Methode, wenn ihre Kinder viel schreien. Unter den heilenden Händen von Osteopathen sollen die Schädelknochen von Babys wieder zurechtgerückt und Rückenbeschwerden bei Erwachsenen weniger werden, sollen Schmerzen im Bauch oder der Schulter durch sanfte Griffe verschwinden.

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Mehr als 30 Krankenkassen übernehmen die Kosten

Der Einzug der Osteopathie ins deutsche Gesundheitssystem ist unumkehrbar. Über 30 Krankenkassen erstatten ganz oder teilweise die Kosten für eine Behandlung. Viele Ärzte erkennen das Angebot ihrer alternativmedizinischen Kollegen als sinnvolle Zusatzleistung an: Ein Osteopath nimmt sich Zeit, hört zu, widmet dem Patienten Aufmerksamkeit.

Blockaden lösen mit Osteopathie

"Sie sind schief", sagt Kaufmann, nachdem er meine Hüftknochen mit den Händen abgemessen, mir seine Finger an die Ohren gehalten und seine Hand auf meinen Kopf gelegt hat. "Ihre Hüfte steht schräg und das kompensieren Sie rechts mit Halswirbelsäule und Kiefer." Mit drei, vier Griffen präsentiert er mir meine wunden Punkte, die ich bis dahin nicht kannte. "Die Blockaden in Hals und Rücken kann ich lösen", meint Kaufmann, der schon leichten Druck auf meine Halswirbelsäule ausübt und damit "einen regulativen Prozess anstößt", wie er es nennt.

Heilen mit den Händen

Einen regulativen Prozess? Wie genau soll die ganzheitliche Heilmethode funktionieren? Und heilen Osteopathen tatsächlich mit ihren Händen oder ist das Ganze nicht mehr als ein Placebo-Effekt? Noch immer streiten Forscher und Osteopathen darüber, ob es genügend wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit der Methode gibt. Daher wird rund um den Globus geforscht, was das Zeug hält. Zum Teil mit Erfolg, doch viele Studien halten den hohen Ansprüchen wissenschaftlicher Standards nicht stand. Die alternative Heilmethode kann zwar nicht placebo-kontrolliert oder doppelverblindet untersucht werden. Aber es gibt andere Studiendesigns, die durchaus valide Auskunft über einen Behandlungseffekt geben könnten.

Wie wirksam ist Osteopathie?

2009 ließ die Bundesärztekammer osteopathische Verfahren von einem Arbeitskreis aus Neurologen, Orthopäden, Rehabilitationsmedizinern und Juristen bewerten. Die Autoren bemängeln, dass viele Studien gar nicht in medizinischen Datenbanken zu finden seien. Von 62 ausgewählten Studien, die sich mit der Wirksamkeit osteopathischer Verfahren beschäftigten, konnten immerhin 16 einer hohen Evidenzklasse zugeordnet werden. Das unscharfe Resümee des Arbeitskreises: Osteopathische Behandlungen "können bei einer Reihe unterschiedlicher Gesundheitsstörungen wirksam sein".

Vor allem gegen Rückenschmerzen halten nicht nur Osteopathen, sondern auch Ärzte und Wissenschaftler die Wirksamkeit von Osteopathie mittlerweile für erwiesen. "Bei Kreuzschmerzen können osteopathische Wirbelsäulenmanipulation und Mobilisierung wirksam sein", schreibt Edzard Ernst, emeritierter Professor für Alternativmedizin von der Universität Exeter, in seinem Buch "Praxis Naturheilverfahren: Evidenzbasierte Komplementärmedizin". "Für alle anderen Indikationen ist die Datenlage nicht ausreichend, um stichhaltige Empfehlungen abgeben zu können."

Experten sind geteilter Meinung

Karl-Ludwig Resch, Leiter des Deutschen Instituts für Gesundheitsforschung in Bad Elster, hingegen sieht die Wirksamkeit auch in anderen Bereichen als so gut wie bewiesen an: "Die Studien haben eine frappierende Anhäufung von positiven Ergebnissen geliefert", sagt der Arzt Spiegel Online. Es wäre seltsam, wenn bei einer Übersichtsanalyse der Studienlage herauskäme, dass Osteopathie am Ende doch nicht wirken würde, so Resch. Eine Haltung, die Ernst nicht teilt: "Die Datenlage beeindruckt mich überhaupt nicht", sagt er. Bei vielen Untersuchungen handele es sich um Einzelstudien, die nicht unabhängig überprüft wurden. Zudem seien die Fallzahlen zu gering, es bestünden mitunter Interessenskonflikte und man wisse nicht, wie viele Studien mit negativem Ergebnis gar nicht erst publiziert wurden.

Im Crashkurs zum Osteopathen?

Doch was nach Wissenschaftsstreit klingt, ist spätestens seit der Kostenübernahme durch die Krankenkassen eher ein Kampf ums Geld: "Ich fürchte, dass die Krankenkassen die Evidenz an zweiter Stelle sehen", meint Ernst. "In erster Linie müssen sie wettbewerbsfähig bleiben." Auf Anfrage von Spiegel Online schreibt etwa die Techniker Krankenkasse: "Bei der Auswahl der neuen Leistungen haben wir uns an den Wünschen unserer Kunden orientiert. Wir wissen von unseren Versicherten, dass sie eine gewisse Affinität für die sogenannte sanfte Medizin haben. Dazu gehört auch die Osteopathie."

In Deutschland fehlt die Qualitätssicherung

Die meisten Kassen knüpfen die Erstattung an unterschiedliche Bedingungen: Mal muss ein Arzt die Behandlung verordnen, mal der Osteopath selbst Arzt oder Heilpraktiker sein oder ein Physiotherapeut ohne andere Ausbildung osteopathische Leistungen erbringen, was gegen das Heilpraktikergesetz verstößt. "Was uns in Deutschland fehlt, ist nachvollziehbare Qualitätssicherung auf allen Ebenen", beschwert sich Marina Fuhrmann, Vorsitzende des Verbands der Osteopathen Deutschland.

Berufsbezeichnung ist nicht geschützt

Das Problem ist: Die Berufsbezeichnung Osteopath ist nicht geschützt. Ob der Therapeut ein paar Crashkurse oder eine fünfjährige Ausbildung absolviert hat, ist auf seinem Praxisschild nicht zu erkennen. "Das muss sich ändern", fordert Fuhrmann. "Patientensicherheit und einheitliche Ausbildungsstandards müssen oberste Priorität haben." Im Vordergrund steht dabei die Frage, wie sicher Osteopathen erkennen, wo ihr Tätigkeitsfeld endet und das des Arztes beginnt.

Verletzungsgefahr eher gering

Die Gefahr hingegen, dass ein Osteopath seinen Patienten verletzt, ist bei der sanften Methode eher gering. Auch bei Michael Kaufmann bleibt mir der grauenhafte Ruck wie beim Orthopäden erspart. Die Schmerzen im Rücken sind nach der Behandlung weg - zumindest für ein paar Tage. Als ich zwei Wochen später die Rechnung über 90 Euro bekomme, ist aber alles wieder beim Alten: Die Halswirbelsäule ist blockiert, der untere Rücken auch. Dabei hatte mich die Behandlung wie viele subjektiv überzeugt. Auch ohne Evidenznachweis.

Quelle: Spiegel Online/ Heike Le Ker

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