Neurologie
Ein rätselhafter Patient: In Ekstase mit James Bond05.08.2013, 09:13 Uhr | Heike Le Ker, Spiegel Online
Mann (45) leidet unter Synästhesie - dabei handelt es sich um ein seltenes neurologisches Phänomen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)
Auf den Schallwellen der James-Bond-Melodie reiten? Ein 45-Jähriger kann das plötzlich. Und das ist längst nicht alles: Himbeeren schmecken für ihn auf einmal blau, Schriftzüge lösen Ekel aus. Woher die rätselhaften Gefühle kommen, entdecken Ärzte bei Kernspinuntersuchungen.
"Es ist ein Stück, das ich immer gemocht habe", sagt der 45-Jährige über die Titelmelodie der James-Bond-Filme. Das hohe Ensemble der Blechbläser, später die E-Gitarre und das leise Schlagzeug. "Aber eines Tages bin ich damit auf eine kosmische Reise gegangen", erzählt der Mann seinen Ärzten vom St. Michael's Hospital im kanadischen Toronto. Auf richtig guter Musik könne er reiten. "Ich weiß, das klingt ungewöhnlich", so der Patient, "aber es ist, als ob ich auf den Wellen der Musik tanzen kann."
Warum der Mann bei der James-Bond-Melodie in Ekstase gerät, wissen seine behandelnden Mediziner mittlerweile genau. Für den Patienten selbst aber ist die Erfahrung zunächst mitunter so wundervoll wie in anderen Situationen beängstigend. Er begegne in seinem Alltag immer wieder Dingen, die seltsame, neue Empfindungen auslösten. "Eigentlich mochte ich Himbeeren nie sonderlich, aber plötzlich kann ich gar nicht genug davon kriegen", berichtet er. "Der Grund? Sie schmecken nach Blau. Und wenn ich Blau sehe, habe ich den Geschmack von Himbeeren im Mund." Manchmal hingegen könne schon die Farbe einer Schrift auf Lebensmitteln Ekel und Übelkeit in ihm auslösen.
Als die verschiedenen Sinneseindrücke ihn immer mehr verwirren, vertraut sich der Mann einer Krankenschwester an. Er kennt sie, weil er seit einem Schlaganfall neun Monate zuvor in der Neurologie des St.-Michael's-Krankenhauses in Behandlung ist. Aus einem kleinen Gefäß hatte es in ein eng begrenztes Gebiet seiner linken Gehirnhälfte geblutet. Welche Probleme der Patient direkt danach hatte, lassen die Ärzte offen, die im Fachblatt "Neurology" vor allem auf die absonderlichen Sinneseindrücke ihres Patienten eingehen.
Für die Ärzte steht bald fest: Der Mann leidet unter Synästhesie. Dabei handelt es sich um ein seltenes neurologisches Phänomen, bei dem Wahrnehmungen eines Sinnes noch einen anderen der fünf Sinne aktivieren: Blau "schmeckt" dann zum Beispiel süß, hohe Töne "riechen" faulig, das Streicheln eines weichen Kaninchens "sieht gelb aus". Besonders häufig sehen Synästhetiker bestimmte Wörter in immer derselben Farbe. Das Wort "Haus" etwa ist dann grün, das Wort "Vogel" rot. Deutlich seltener berichten die Betroffenen, dass bestimmte Sinneseindrücke Gefühle hervorrufen wie Wut, Ekel, Freude oder eben die Vorstellung, auf Schallwellen zu reiten.
In den meisten Fällen werden Menschen als Synästhetiker geboren, das Phänomen tritt familiär gehäuft auf. Dass ein Schlaganfall eine Synästhesie auslöst, ist hingegen sehr selten. 18 Monate nach der Hirnblutung machen die Ärzte mit dem Patienten eine Reihe von Tests mit der funktionellen Kernspintomografie. Dabei kann etwa die Aktivität bestimmter Hirnareale im Zeitverlauf beobachtet werden. Die Ergebnisse vergleichen sie mit Bildern von sechs neurologisch gesunden Probanden gleichen Alters.
Während der Mann in der Kernspinröhre liegt, spielen die Neurologen die Bond-Melodie ab. Dabei beobachten sie, welche Areale in seinem Gehirn aktiv werden. Tatsächlich spiegeln die arbeitenden Bereiche wider, was der Mann fühlt: Neben den Bereichen, die akustische Informationen weiterleiten und bewerten, sind noch zahlreiche andere Teile in seinem Gehirn aktiv. Die Hirnzellen arbeiten auch dort mit, wo Gefühle eingeordnet, Bewegungen koordiniert, Gesehenes verarbeitet und Ertastetes erkannt wird.
Gleichzeitig ist ein anderes Hirnareal kaum in Aktion: das Belohnungssystem. Das erklärt, warum der Mann die Musik nicht wie üblich einfach als angenehm empfindet, sondern das Hören mit einer starken Erregung verbunden ist. Bei keinem von sechs Kontrollpersonen finden die Ärzte diese speziellen Antworten auf die Wahrnehmung der Musik.
Auch bei der Präsentation von Farben entdecken die Ärzte Auffälligkeiten: Ein schwarzes Wort löst bei dem Patienten kein Gefühl aus, Gelb hingegen eine leichte Abneigung und Blau starken Ekel. Passend dazu sind die Nervenzellen bei der Farbe Blau in ungewöhnlich vielen Hirnarealen aktiv, bei Gelb deutlich weniger und bei Schwarz kaum noch. Bei keinem der anderen Probanden war dieses Phänomen zu erkennen.
Die Ärzte erhoffen sich von ihren Untersuchungen, besser zu verstehen, wie Synästhesie funktioniert. Die meisten Betroffenen, die schon von Geburt an diese Wahrnehmungen haben, wundern sich nur selten darüber. Der kanadische Patient hingegen hat eine längere Zeit gebraucht, um sich an seine Reisen mit der Musik zu gewöhnen.
05.08.2013, 09:13 Uhr | Heike Le Ker, Spiegel Online
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