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Niere: Die Krankheit aus dem Kanalwasser

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Erbrechen und Nierenversagen  

Ein rätselhafter Patient: Die Krankheit aus dem Kanalwasser

24.03.2014, 09:06 Uhr | Heike Le Ker , Spiegel Online

Niere: Die Krankheit aus dem Kanalwasser . Niere: Die Krankheit aus dem Kanalwasser. (Quelle: dpa)

Nach einer Kajakfahrt klagt ein Mann über heftige Kopfschmerzen und Fieber. (Quelle: dpa)

Nie hatte der 44-Jährige damit gerechnet, dass Sport ihn einmal so krank machen könnte. Bis er endlich medizinische Hilfe sucht, glaubt er an eine Grippe. Doch die Ärzte in der Hamburger Uniklinik finden die Ursache für sein Fieber und das Nierenversagen: Wassersport.

Von einem Tag auf den anderen bekommt der Mann heftige Kopfschmerzen und Fieber. Seine Gelenke und Muskeln tun ihm weh, besonders die Beine sind schwach. Typische Symptome einer Grippe, denkt der 44-jährige Sportlehrer, schluckt Paracetamol und legt sich ins Bett. Eine echte Grippeinfektion kann ein paar Tage dauern, deshalb harrt er aus. Das Fieber bleibt, die Schmerzen in den Beinen werden stärker.

Als er nach einer Woche immer noch 40 Grad Fieber hat, lässt er sich in die Notaufnahme des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) bringen. Den Ärzten fällt auf, dass die Haut des Mannes gelb verfärbt ist. Dieser sogenannte Ikterus ist ein Zeichen dafür, dass die Leber betroffen ist oder die Gallenflüssigkeit nicht richtig abfließen kann. Bei der Untersuchung bemerken die Ärzte neben dem Fieber nichts Besonderes, der Nacken des Patienten ist nicht steif, Erbrechen oder Durchfall, Hautausschlag oder Atemnot - Fehlanzeige.

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Verdacht auf eine Infektion

Die Mediziner setzen ihre Suche im Blut des Mannes fort. Sie stoßen schnell auf Werte, die auf bedrohliche Funktionsstörungen hinweisen: Das stark erhöhte Kreatinin spricht für ein akutes Nierenversagen, die um ein Vielfaches erhöhten Leberwerte für eine direkte Schädigung der Leber. Außerdem hat der Mann hohe Entzündungswerte und eine viel zu geringe Anzahl von roten Blutkörperchen und Blutplättchen. Alles spricht für eine Infektion - doch woher kommt sie?

Die Experten der Bernhard-Nocht-Klinik im UKE werden hinzugezogen, sie kennen sich insbesondere mit Tropenmedizin aus. Allerdings hat der Mann in jüngster Zeit keine größere Reise unternommen, er war lediglich fünf Wochen zuvor in Südfrankreich. Dort habe er zwar frische Muscheln gegessen und sei häufig in Süßwasser geschwommen. Aber seine Familie habe das auch getan und sei nicht erkrankt.

Mit der Eskimorolle gescheitert

Die Tropenmediziner fragen weiter, denn sie haben bereits einen Verdacht, wie Stefan Schmiedel, Oberarzt an der medizinischen Klinik im UKE, gemeinsam mit Kollegen im Hamburger Ärzteblatt berichtet. Ob der Mann auch kurz vor Beginn seiner Beschwerden mit Süßwasser in Berührung gekommen sei? Selbstverständlich, antwortet der, schließlich gehe er regelmäßig - auch mit seinen Schülern - zum Kajakfahren auf die Hamburger Alsterkanäle. Dort sei er eine Woche zuvor auf dem Isebekkanal bei dem Versuch gescheitert, eine Eskimorolle zu machen. Eine ordentliche Menge Wasser habe er dabei geschluckt.

"Der Schluck Alsterwasser und die grippeähnlichen Beschwerden zusammen mit der Nieren- und der Leberbeteiligung, das alles spricht ganz klar für eine Infektion mit Leptospiren", sagt Schmiedel. Dabei handelt es sich um Bakterien, die vor allem von Ratten und Mäusen mit dem Urin ausgeschieden werden und Wasser verseuchen. Der Isebekkanal mit seiner schwachen Strömung führe zu einer starken Nährstoffanreicherung und biete daher einen guten Nährboden für Leptospiren, schreiben die Mediziner. "Wir können es nicht beweisen, aber wir gehen davon aus, dass sich der Mann durch eingeatmete Wassertröpfchen aus dem Isebekkanal mit Leptospiren infiziert hat", so Schmiedel gegenüber Spiegel Online.

Mit Nierenversagen auf der Intensivstation

Mitunter verläuft die Infektion harmlos, manchmal wie eine heftige Grippe. Sind Leber und Nieren beteiligt, sprechen Mediziner von einem Morbus Weil. Wie die richtige Therapie dann aussieht, ist unter Wissenschaftlern umstritten. Zwar geben Ärzte in Industrienationen normalerweise Penicillin. Schmiedel gibt jedoch zu bedenken: "Die Sterblichkeit beim Morbus Weil ist in Entwicklungsländern nicht höher, obwohl dort selten Antibiotika zur Verfügung stehen."

Aufgrund des Nierenversagens und der Leberbeteiligung muss der Mann vorübergehend auf der Intensivstation überwacht werden. Die Ärzte behandeln ihn zunächst mit einem Antibiotikum, das zahlreiche verschiedene Erreger abtöten kann. "Es ging dem Mann so schlecht, dass wir trotz der typischen Symptome für einen Morbus Weil nicht das Risiko eingehen wollten, dass sich andere lebensbedrohliche Erreger in seinem Körper ausbreiten", erklärt Schmiedel. Erst als das Labor bestimmte Antikörper gegen Leptospiren nachweist, satteln die Ärzte auf Penicillin um, das ein kleineres Wirkungsspektrum hat.

Morbus Weil ist sehr selten

Heute geht es dem Mann wieder gut, seine Krankheit ist überstanden, Nieren und auch Leber funktionieren wieder einwandfrei. Angst vor einer Leptospireninfektion sollte sich unter Wassersportlern auf deutschen Süßwassergewässern trotz seiner schweren Erkrankung nicht ausbreiten. Schmiedel: "Ein Morbus Weil ist so selten, darüber mussten wir einfach berichten."

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