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Krankheiten: Der geheimnisvolle Patient

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Mysteriöse Medizinfälle  

3,5 Promille ohne ein Glas Alkohol

12.06.2014, 10:32 Uhr | RS

Krankheiten: Der geheimnisvolle Patient. Ein Texaner ist immer wieder betrunken ohne Alkohol getrunken zu haben. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images/riva-Verlag)

Ein Texaner ist immer wieder betrunken ohne Alkohol getrunken zu haben. (Quelle: riva-Verlag/Thinkstock by Getty-Images)

Ein Patient, der regelmäßig sturzbetrunken ist, obwohl er keinen Tropfen Alkohol getrunken hat. Ein Stift, der sich 15 Jahre im Kopf befand und ein Wurm, der sich im Auge einnistete. Über diese und andere spannende Krankheitsfälle berichtet Dr. Frank Schwebke in seinem Buch " Der geheimnisvolle Patient - Rätselhafte Krankheitsfälle und wie sie aufgeklärt wurden".

Der Fall des Texaners scheint auf den ersten Blick klar: Der Patient ist sturzbetrunken und wahrscheinlich Alkoholiker. Auch als er vehement beteuert, er habe keinen Tropfen Alkohol getrunken, sind die Ärzte noch von ihrer anfänglichen Diagnose überzeugt. Sie glauben, er habe heimlich getrunken. Die Blutalkoholkonzentration wird gemessen und offenbart stolze 3,5 Promille. Der Mann wird aktiv entgiftet und bleibt über Nacht zur Ausnüchterung im Krankenhaus. Dann offenbart er den Ärzten eine Geschichte, die sie stutzen lässt.

Betrunken ohne Alkohol getrunken zu haben

Zum ersten Mal trat die unerklärliche Betrunkenheit des Mannes 2004 auf. Er hatte vor kurzen Antibiotika genommen, da er am Fuß operiert worden war und die Wunde sich nicht infizieren sollte. An diesem Tag war der Texaner stark betrunken, torkelte und lallte. Er hatte jedoch keinen Schluck Alkohol getrunken. Seitdem kam es immer wieder zu den mysteriösen Phasen der Trunkenheit. Selbst seine Frau glaubte ihm zunächst nicht und dachte, ihr Mann wäre Alkoholiker. Mit der Einwilligung ihres Mannes kaufte sie ein Gerät zur Messung des Atemalkohols, wie es auch die Polizei verwendet. Und obwohl sie und ihr Mann den ganzen Tag gemeinsam verbrachten und sie sicher war, dass er keinen Alkohol getrunken hatte, wies der Alkoholgehalt während diesen Episoden oft mehr als drei Promille auf.

Daraufhin beginnt die Suche der Mediziner nach dem Ursprung der immer wiederkehrenden Trunkenheit. Man sieht die Ursache im Magen-Darm-Trakt angesiedelt und führt eine Magenspiegelung durch. Hierbei wird das Innere des Magen-Darm-Traktes mit einem biegsamen Schlauch und einer Kamera begutachtet. Und tatsächlich findet sich etwas, was nicht sein sollte: Der Übergang von Magen und Dünndarm weist eine enorme Menge von Hefepilzen auf, die bei einer ausgeglichenen Darmflora nicht vorhanden sein dürften. Bei genauerer Differenzierung stellt sich, zur Verblüffung der Ärzte, heraus, dass es sich um Hefen der Gattung Saccharomyces cerevisiae handelt. Diese werden zur Gärung von Zucker verwendet und dienen somit der Herstellung von Alkohol.

Alkohol entstand im Darm

So entsteht eine These, die die Mediziner selbst für gewagt halten: Könnte es sein, dass die Hefepilze im Darm des Patienten den Alkohol herstellen und diesen ins Blut des Mannes abgeben? Um zu belegen, dass der Texaner wirklich am sogenannten Auto-Brewery Syndrome ("Selbst-Brauer-Syndrom") leidet, führen die Ärzte einen Test durch. Der Mann wird ins Krankenhaus aufgenommen und bekommt vermehrt zuckerreiche Lebensmittel zu essen. Er darf keinen Alkohol trinken und auch keinen Besuch empfangen, um sicherzugehen, dass er abstinent bleibt. Anschließend wird über mehrere Tage der Alkoholgehalt im Blut des Amerikaners bestimmt. Trotz kontrollierter Abstinenz wird ein erhöhter Alkoholgehalt festgestellt. Gleichzeitig sinkt der Blutzuckerwert des Mannes stark. Dies beweist, dass die Hefen im Darm die zuckerreichen Lebensmittel zu Alkohol fermentieren und die bis dahin ungeklärte Ursache für die Trunkenheit ist gefunden.

Auch der Grund, warum sich die Hefepilze überhaupt so zahlreich im Darm angesiedelt hatten, können die Mediziner erklären. Grund hierfür, war die Antibiotikagabe nach der Fußoperation. Sie hatte die natürliche Darmflora zerstört und den Hefen die Ansiedlung ermöglicht. Der Patient wird mit pilzbekämpfenden Medikamenten behandelt und bekommt zusätzlich noch Bifidobakterien. Diese helfen, die natürliche Darmflora wieder aufzubauen. Seitdem tritt keine Alkohol-Episode mehr auf und der Texaner lebt beschwerdefrei.

7-Zentimeter-Stift im Kopf

Eine andere Geschichte berichtet von einem 24-jährigen Mann, der seit einem Jahr von pochenden Kopfschmerzen geplagt wird. Auch seine Sehwahrnehmung ist gestört. Auf dem rechten Auge sieht er nur noch verschwommen. Als seine Nase beginnt dauerhaft zu laufen, sucht er einen Arzt auf. Dieser überweist ihn an die Universitätsklink Aachen. Dort wird bis auf eine verkrümmte rechte Nasenscheidewand und eine ungewöhnlich große rechte Nasenmuschel nichts Auffälliges festgestellt.

Erst das CT des jungen Mannes versetzt die Mediziner in Erstaunen: Man sieht das Bild eines Stiftes, der sich in den Kopf gebohrt hat. Die Ärzte operieren den Fremdkörper heraus. Dabei zeigt sich, dass der Stift von Gewebe umkapselt wurde und so 15 Jahre im Kopf des Mannes überdauern konnte. Denn bei der Nachfrage der Mediziner, wie der Stift in seinen Kopf gelangt sei, erinnert sich der Mann an einen Sturz, als er neun Jahre alt war. Danach hatte seine Nase heftig geblutet. Anschließend verschwand der Bleistift offenbar im Hohlraum zwischen Nase und Kieferhöhle und durchbohrte diese dann mit der Zeit.

Kurze Zeit nach der Operation verschwinden die Kopfschmerzen und auch die Nase des Mannes läuft nicht mehr. Doch die Sehschwäche bleibt.

Wurmparasit im Auge

Interessant ist auch ein anderer Krankheitsfall. Das linke Auge einer Frau ist stark gerötet, juckt und schmerzt. Da sie früher schon ähnliche Symptome hatte, geht sie von einer Bindehautentzündung aus und behandelt das Auge mit entzündungshemmenden Tropfen. Doch dadurch tritt keine Verbesserung auf.

Ihr Augenarzt stellt eine Entzündung im Auge fest, kann den Auslöser jedoch nicht sicher benennen. Er untersucht das Auge mit einer Lampe und spiegelt den Augenhintergrund. Er meint, kurz etwas Längliches durch das Auge huschen zu sehen. Er vermutet, dass es sich um einen tropischen Parasiten handelt. Die Patientin berichtet, dass sie vor kurzen auf Sri Lanka war. Sie wird zu Spezialisten überwiesen. Dort wird bei weiteren Untersuchungen festgestellt, dass unter der seitlichen Bindehaut ein fadenförmiger Wurm sitzt.

Durch einem kleinen Schnitt im Auge ziehen sie den Wurm heraus. Er misst stolze zehn Zentimeter. Es handelt sich um einen Fadenwurm der Gattung Dirofilaria repens, die sich im menschlichen Körper nicht vermehrt. Das ist ein Glück für die Patientin, denn so ist mit dem kleinen Eingriff die Behandlung des Wurms vollständig beendet.

Ein Buch voller Kuriositäten

Im Buch finden sich insgesamt 51 Fälle und kuriose Befunde. Die Verschiedenheit der Krankheiten und die spannende Suche nach der Nadel im Heuhaufen der Medizin, machen es zu einer abwechslungsreichen Lektüre, die nicht nur Medizin-Freunde begeistern dürfte.

Dr. Frank Schwebke: Der geheimnisvolle Patient - Rätselhafte Krankheitsfälle und wie sie aufgeklärt wurden, 222 Seiten, ist im riva-Verlag erschienen und für 16,99 Euro im Handel erhältlich.

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