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Mythos oder Medizin  

Hilft Luftanhalten gegen Schluckauf?

13.10.2014, 16:59 Uhr | Julia Merlot, Spiegel Online

Hilft Luftanhalten gegen Schluckauf?. Kann Luft anhaltend das Schluckauf vertreiben? (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Kann Luft anhaltend das Schluckauf vertreiben? (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Entweder jemand denkt einfach nur an einen, oder jemand denkt an einen und küsst dabei einen anderen. Das sind die wohl verbreitetsten Erklärungen für Schluckauf. Sie dienen vor allem einem Zweck: der Unterhaltung. Fundiertes Wissen zur Hicks-Ursache und dazu, wie man das Hicksen am besten wieder loswird, ist dagegen rar.

"Es gibt mehrere Theorien zur Frage, warum wir überhaupt Schluckauf bekommen", sagt Jens Keßler vom Therapiezentrum Chronischer Singultus der Uniklinik Heidelberg, einer der wenigen Einrichtungen weltweit, in denen Schluckauf systematisch erforscht wird. Die gängigste Idee basiert auf der Beobachtung, dass Schluckauf bei Ungeborenen besonders häufig ist.

Zwerchfell im Krawallmodus

Ausgelöst wird Schluckauf demnach, wenn die Kleinen Fruchtwasser schlucken und sich ihr Magen dadurch schnell ausdehnt. Auch Erwachsene bekommen vor allem dann Schluckauf, wenn sie zu schnell essen oder trinken. "Wahrscheinlich ist das ein Überbleibsel aus der Zeit im Mutterleib", sagt Keßler. Dort könne das Hicksen als Atemtraining dienen und den Organismus somit auf das Leben nach der Geburt vorbereiten.

"Schluckauf ist Atmen sehr ähnlich", erklärt Keßler. Wichtigster Protagonist ist das Zwerchfell. Es liegt wie eine Art Gewölbe zwischen Bauch- und Brusthöhle und ist der größte Atemmuskel in unserem Körper. Beim Einatmen zieht es sich zusammen, flacht ab und macht so Platz für die Lunge - Luft strömt ein, der Brustkorb hebt sich. Anschließend dehnt sich das Zwerchfell wieder, der Platz für die Lunge schwindet und die Luft strömt aus.

Normalerweise sind Atmung und Schlucken aufeinander abgestimmt. Geschluckt wird frühestens nach einmal einatmen und ausatmen. Beim Schluckauf allerdings gerät das Zwerchfell aus dem Takt. Es zieht sich zu den unpassendsten Zeiten schnell und ruckartig zusammen und lässt uns unwillkürlich einatmen. Etwa dreißig Millisekunden danach macht der Muskel auf sein unangepasstes Verhalten aufmerksam: "Hicks." Das Geräusch entsteht, weil sich die Stimmritze reflexartig schließt, während Luft in den Rachen strömt.

Orgasmen zur Entspannung

Gesteuert wird das Zwerchfell, und damit der Schluckauf - wie jeder Muskel - von Nerven. Die meisten gängigen Hausmittel zielen darauf ab, diese Steuerung zu beeinflussen. "Wenn man etwas Kaltes oder Warmes trinkt, reagiert der Vagusnerv im Rachen", sagt Keßler. Dieser ist im Körper weit verästelt und ragt auch Richtung Zwerchfell und Magen. Auch Tipps wie den Gehörgang mit dem Zeigefinger zu bearbeiten oder sich an der Zunge zu ziehen, zielen darauf ab, den Nerv zu reizen. Alternativ kann man am hinteren Halsmuskel zupfen.

2006 bekamen zwei Forschergruppen gar den Ig-Nobelpreis, einen Preis für skurrile Forschung, weil sie zwei Patienten mit Rektalmassagen von Schluckauf befreit hatten. Einer der Forscher empfahl außerdem Sex zur Therapie: Ein Orgasmus stimuliere den Vagusnerv noch weitaus effektiver. "Es ist vorstellbar, dass eine Reizung des Nervs bei einigen Menschen einen Effekt hat", sagt Keßler. In aussagekräftigen Studien nachgewiesen ist es jedoch nicht, wie auch taiwanesische Forscher in einem Übersichtsartikel von 2012 berichten.

Die Zeit heilt wilde Muskeln

Beim Luftanhalten könnten noch zwei andere Theorien erklären, warum die Methode bei einigen Personen zu wirken scheint: Zum einen, weil die Atempause das Zwerchfell entlastet. Der Muskel muss sich dann zum Atmen nicht mehr zusammenziehen und der sogenannte Phrenicusnerv, der das Zwerchfell steuert, sendet weniger Signale an den Muskel. Zum anderen steigt durch das Luftanhalten der Kohlendioxidgehalt im Blut. Das Gas entsteht bei vielen Vorgängen im Körper, normalerweise wird es wieder ausgeatmet.

"Publizierte Fallserien aus den Siebzigern legen nahe, dass der höhere Kohlendioxidgehalt zumindest den Abstand zwischen den Hicksern verringert", sagt Keßler. Wahrscheinlich versucht der Körper durch die geringere Frequenz in der Notsituation - wenig Sauerstoff, viel Kohlendioxid - Energie zu sparen. Demnach müsste in eine Tüte atmen auch gegen das Hicksen wirken, da es ebenfalls den Kohlendioxidgehalt im Blut steigert.

Wissenschaftlich belegt ist die Wirksamkeit dieser Hausmittel aber auch nicht. Die Erfahrung aus dem Alltag lässt vermuten, dass sie bei jedem unterschiedlich gut anschlagen. Eine wichtige Rolle spielt wohl auch der Glaube an die Wirksamkeit und die Ablenkung. "Die Psyche hat großen Einfluss auf den Schluckauf", sagt Keßler.

Auch die Zeit verhilft einigen Hausmitteln zu einer nur scheinbaren Wirkung. Oft würde der Schluckauf wohl ähnlich lange anhalten, wenn man nicht versuchen würde, die Luft anzuhalten, sich an die Mahlzeiten der letzten vierzehn Tage zu erinnern oder sich erschrecken zu lassen. Das Ausprobieren von Tricks macht aber einfach mehr Spaß, als sich dem aufbäumenden Zwerchfell zu ergeben. Und es lässt die Zeit gefühlt schneller vergehen.

Wenn der Schluckauf länger bleibt

In extrem seltenen Fällen leiden Menschen unter chronischem Schluckauf. Im Therapiezentrum Chronischer Singultus der Uniklinik Heidelberg wurden seit 2010 etwa 150 solcher Patienten behandelt. Betroffen sind hauptsächlich Männer, die Ursache für die ungleiche Geschlechterverteilung ist allerdings unklar.

Fazit: Es gibt Hinweise, dass Luftanhalten bei Schluckauf wirken könnte. Gesichert sind diese Erkenntnisse jedoch nicht. Die Erfahrung zeigt: Jedem Menschen hilft etwas anderes. Oft sind es wohl schlicht die Ablenkung und die Zeit, die das Zwerchfell wieder zur Ruhe bringen.

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