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Rätselhafter Patient  

Frau vergisst Geburt ihres Kindes

15.03.2015, 12:19 Uhr | Dennis Ballwieser, Spiegel Online

Frau vergisst Geburt ihres Kindes. Eine 19-jährige Frau verdrängt ihre Schwangerschaft und die Geburt. (Quelle: Symbolbild Thinkstock by Getty-Images)

Eine 19-jährige Frau verdrängt ihre Schwangerschaft und die Geburt. (Quelle: Symbolbild Thinkstock by Getty-Images)

Mit Sehstörungen und Krampfanfällen landet eine 19-Jährige in der Notaufnahme. Bald haben die Ärzte einen Verdacht - die Patientin will ihn aber nicht bestätigen. Mit einer Skizze können sie ihr schließlich doch ihr trauriges Geheimnis entlocken.

Weil sie unter schwerer Übelkeit und Erbrechen leidet, wird eine 19-Jährige in das Universitätskrankenhaus in Lausanne eingeliefert. Als sie dort ankommt, hat sie Sehstörungen und wird für wenige Minuten bewusstlos. Ihre Eltern berichten den Ärzten von mehreren Krampfanfällen ihrer Tochter. Diese hätten aber von selbst wieder aufgehört. Ansonsten ist die Patientin gesund, einen Drogenmissbrauch streitet sie ab.

Zunächst keine Hinweise auf Ursache

Auffällig ist, dass die junge Frau Blutungen außerhalb ihres normalen Zyklus hat. Die letzte Periode liegt drei Wochen zurück. Die 19-Jährige gibt an, sexuell nicht aktiv zu sein. Bei der Untersuchung messen die Ärzte eine erhöhte Temperatur. Auch ihr Blutdruck ist grenzwertig hoch und ihr Puls etwas zu schnell. Beide Beine sind dick, ebenso wirkt ihr Bauch geschwollen, ohne dass die Ärzte etwas besonderes tasten oder dabei einen Schmerz auslösen können. Sowohl die neurologische Untersuchung als auch eine Kontrolle des Augenhintergrunds bringen keine Hinweise auf die Ursache der Beschwerden. Noch zweimal erleidet die Heranwachsende Krampfanfälle.

Zyste im Gehirn

Auf der Computertomografie (CT) des Kopfes entdecken die Ärzte eine Zyste in einem der mit Liquor gefüllten Räume im Gehirn, der zudem vergrößert ist. Nach einem der Krampfanfälle führen die Mediziner eine Elektroenzephalografie (EEG) durch, bei der die elektrische Aktivität im Gehirn aufgezeichnet wird. Dabei entdecken sie keine Auffälligkeiten. Eine Magnetresonanztomografie (MRT) bestätigt den Zysten-Befund aus dem CT. Zudem sehen die Ärzte aber ein sogenanntes Hamartom am Hypothalamus im Zwischenhirn. Es ist bekannt, dass diese meist gutartigen Tumoren an dieser Stelle im Gehirn epileptische Anfälle auslösen können.

Tumor-Marker erhöht

Gegen die Krampfanfälle bekommt die Patientin das Medikament Levetiracetam, ein Antiepileptikum. Bei der Blutanalyse fällt ein erhöhter Spiegel eines Hormons auf: das humane Choriongonadotropin (beta-hCG), ein Schwangerschaftshormon. Zudem sind zwei sogenannte Tumormarker erhöht: Einer der beiden kann auf Leberkrebs hinweisen, der zweite zum Beispiel auf Eierstockkrebs. Aber auch in der Schwangerschaft können die Blutspiegel beider Tumormarker erhöht sein.

Vergrößerte Gebärmutter

Gegen eine gynäkologische Untersuchung wehrt sich die Patientin, wie Julien Francisco Zaldivar-Jolissaint und seine Kollegen von der Université de Lausanne im Medizinjournal "The Lancet" schreiben. In einer Ultraschallaufnahme des Bauchs erscheint die Gebärmutter leicht vergrößert. Allerdings können die Ärzte darauf nicht die Eierstöcke der Patientin sehen, weshalb sie eine MRT des Bauches planen.

Nach 24 Stunden überprüfen die Mediziner erneut den Beta-hCG-Spiegel im Blut. Der Wert ist deutlich gesunken, wofür es zunächst keine Erklärung gibt. Wegen der Ergebnisse im MRT sowie den Befunden des Labors haben die Ärzte den starken Verdacht, dass die junge Frau vor Kurzem schwanger gewesen sein und sogar ein Kind zur Welt gebracht haben könnte.

Zeichnung führt Ärzte auf die Spur

Doch die Patientin behauptet weiter, sie habe keinen Geschlechtsverkehr gehabt. Schließlich fürchten die Ärzte, die 19-Jährige könnte irgendwo ein lebendes Neugeborenes zurückgelassen haben. Ein Gynäkologe spricht noch einmal ausführlich und einfühlsam mit der Patientin. Mithilfe einer einfachen schematischen Zeichnung gelingt es ihm schließlich von ihr zu erfahren, was geschehen war: Mit dem Finger tippt die Patientin auf das Bild und zeigt dem Arzt so, dass sie offenbar ein totes Kind zur Welt gebracht hat. Die Schwangerschaft hatte die junge Frau verdrängt.

Kopfschmerzen, Verwirrung und Sehstörungen

Wie sich später herausstellt, litt die 19-Jährige während der Geburt an einer Eklampsie - einer plötzlich auftretenden schweren Erkrankung mit Krampfanfällen, hohem Blutdruck und Schwellungen in den Beinen. Die Beschwerden der Patientin passen außerdem zum sogenannten PRES ("Posterior reversible encephalopathy syndrome"), bei dem die Betroffenen unter Kopfschmerzen, Verwirrung, Krampfanfällen und Sehstörungen leiden.

Einen Tag lang ist die junge Frau nur dazu in der Lage, per Zeichnungen mit ihren Ärzten zu kommunizieren, bevor sie das traumatische Erlebnis der Totgeburt mit Worten beschreiben kann. Eine Woche lang überwachen Gynäkologen in der Klinik die Patientin, um bei erneuten Krampfanfällen eingreifen zu können.

Eltern bewerten Sexualität negativ

In dieser Zeit wird die 19-Jährige auch von Psychiatern untersucht, die zu dem Schluss kommen, dass sie nicht altersentsprechend entwickelt ist, wenig Selbstbewusstsein hat, körperliche Veränderungen kaum deuten kann und über wenig Wissen zur eigenen Sexualität verfügt. Sie hat ein sehr enges Verhältnis zu ihren Eltern und kann kaum über sich selbst bestimmen - so überprüft etwa ihre Mutter monatlich ihre Periode.

Ihre Eltern bewerten Sexualität negativ, ihre eigene Schwangerschaft nahm die 19-Jährige deshalb als falsch wahr. In verschiedenen Gesprächen erzählt sie den Medizinern aber, dass der Geschlechtsverkehr, der zur Schwangerschaft geführt hatte, einvernehmlich gewesen sei. Den Vater des Kindes gibt sie aber nicht preis. Das Kind wird im Haus der Patientin gefunden. Eine Obduktion ergibt, dass es tatsächlich als Totgeburt zur Welt kam.

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