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Tumor in der Schulter stellt Ärzte vor ein Rätsel

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Ein rätselhafter Patient  

War die Nackenmassage schuld?

13.07.2015, 07:50 Uhr | Heike Le Ker, Spiegel-Online

Tumor in der Schulter stellt Ärzte vor ein Rätsel. Röntgenaufnahme des oberen Brustkorbs.  (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Röntgenaufnahme des oberen Brustkorbs. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Mit einem tauben Arm und einer Schwellung an der Schulter sucht eine Frau Rat im Krankenhaus. Die Ärzte entdecken eine Wucherung, in der sich Knochenfragmente befinden. Das bringt sie auf eine ungewöhnliche Idee.

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Eine 29-jährige Chinesin leidet seit zehn Tagen unter Schmerzen in der rechten Schulter und einem Taubheitsgefühl im Arm. Schon vor Monaten hat sie eine harte Schwellung an der rechten Schulter ertastet, weiß aber nicht, was es ist. In der Orthopädie der Shanxi Medical University von Taiyuan im Norden Chinas sucht sie Rat.

Bei der Untersuchung sehen die Ärzte zuerst, dass die Haut an der Schulter rot ist und sich vorwölbt. Berührungen schmerzen. Die Geschwulst fühlt sich fest an, lässt sich an der Oberfläche nur wenig verschieben und scheint auf einer Basis festzusitzen. Die Ärzte prüfen die Muskelkraft der Frau und bemerken eine leichte Schwächung des rechten Armes, wie sie im "Journal of medical Case Report" berichten.

Geschwulst zwischen Muskeln, Knochen und Nerven

Auf einer Röntgenaufnahme des Brustkorbs ist ein Tumor oberhalb des rechten Schlüsselbeins deutlich zu erkennen. CT-Bilder und eine Kernspintomografie zeigen, dass insbesondere ein Muskel des Schultergürtels stark verändert ist. Er verläuft von den oberen neun Rippen an der Brust bis zum Rücken und bildet dabei ein Muster wie ein Sägeblatt. Dieser Sägezahnmuskel bewegt und kippt das Schulterblatt und hilft bei Armbewegungen.

Warum sich aber ein Tumor gebildet hat, der in dem Muskel wächst, wissen die Ärzte noch nicht. Mit speziellen Geräten überprüfen sie, welche Anteile des Muskels nicht mehr optimal funktionieren. Auch die Nerven, die den Muskeln versorgen, sind den Tests zufolge leicht beschädigt, wodurch sich die Taubheit und die Schwäche erklären lassen.

Nach diesen Voruntersuchungen entfernen sie den Tumor. Er liegt in einer Lücke hinter dem rechten Schlüsselbein in unmittelbarer Nähe zum Trapezmuskel an der Brust sowie dem Schulterblattheber und einem Nervengeflecht, aus dem verschiedene Nerven für die Versorgung der Muskulatur hervorgehen. Die Chirurgen erkennen deutlich, dass der Tumor den Sägezahnmuskel infiltriert hat. Er ist auch mit verschiedenen Nerven verwachsen, die in Höhe der Halswirbel aus dem Rückenmark kommen und in das Nervengeflecht übergehen.

Um das empfindliche Gewebe während der Operation nicht zu verletzen, arbeiten die Chirurgen unter einem Mikroskop. Sie trennen die Nerven und Nervenhüllen vorsichtig vom Tumorgewebe und testen dabei immer wieder, ob die Nerven und Muskeln noch unbeschädigt sind.

Tumor, so groß wie ein Ei

Am Ende entnehmen die Ärzte eine fast Ei-große Geschwulst. Makroskopisch können sie nicht erkennen, aus was für Gewebe der Tumor besteht. Die Spezialisten der Pathologie aber legen sich fest: Er ist gutartig, es handelt sich um eine sogenannte Myositis ossificans. Darunter versteht man eine Verknöcherung von Weichteilgewebe außerhalb des Skelettsystems. Die Knochen können sich sowohl in Muskeln als auch in Bändern, Sehnen, Nerven und Faszien bilden.

Es gibt unterschiedliche Gründe, aus denen solche Verknöcherungen entstehen. Die sogenannte progressive Form wird vererbt und ist extrem selten. Dabei verknöchert vor allem das Binde- und Stützgewebe unaufhaltsam, was bei der Frau nicht der Fall ist. Eine progressive Form schließen die Mediziner daher aus. Bei einer anderen Form entstehen die Verknöcherungen hauptsächlich im Nervensystem, so die Autoren. Meist sind sie Folge eines Hirntraumas, einer Verletzung des Rückenmarks oder einer Operation im Zentralen Nervensystem. Die Patientin hat aber nichts dergleichen durchgemacht.

Aggressive Massagetechnik

Die dritte Form ist meist Folge von Verletzungen oder Operationen und tritt gehäuft nach dem Einsatz von künstlichen Hüft- oder Kniegelenken auf. Die Theorie besagt, dass durch den Eingriff Knochengewebe abgesprengt und in andere Körperteile verschleppt wird. Eine weitere Annahme geht davon aus, dass etwa durch eine Entzündung verschiedene Signalproteine freigesetzt werden, die bestimmte Stammzellen so stimulieren, dass aus ihnen Knochenzellen werden. Münchner Ärzte etwa haben einen Fall beschrieben, bei dem ei dem der Patient ein weit verzweigtes Knochengebilde im gesamten Bauchraum gebildet und um Bindegewebe und Gefäße angelagert hat.

Die Ärzte fragen ihre Patientin erneut nach Verletzungen oder anderen chirurgischen Eingriffen, sie verneint. Aber sie berichtet von sehr schmerzhaften Massagen im Nackenbereich, die sie zwei Jahre lang regelmäßig bekommen hat.

Für die Mediziner ist das der entscheidende Hinweis: Die wiederholten, kräftigen Manipulationen an den Muskeln, so ihre Theorie, könnten den oberen Teil des Sägezahnmuskels verletzt haben. Möglicherweise habe es in den Muskel eingeblutet, dieser habe sich entzündet, und es sei daraufhin zu Verklebungen und zur Verknöcherung im Gewebe gekommen, schreiben die Ärzte.

Nach der Operation verschwinden die Schmerzen und die Taubheit in Arm und Schulter der Frau komplett. Ein Jahr nach dem Eingriff ist sie beschwerdefrei.

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