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Atemnot: Wenn plötzlich die Luft wegbleibt

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Ein rätselhafter Patient  

Wenn plötzlich die Luft wegbleibt

02.01.2017, 10:38 Uhr | Heike Le Ker, Spiegel Online

Atemnot: Wenn plötzlich die Luft wegbleibt. Schwimmer beim Triathlon in Hamburg. (Quelle: dpa)

Schwimmer beim Triathlon in Hamburg. (Quelle: dpa)

Ein junger, gesunder Mann bekommt beim Hamburg-Triathlon plötzlich Luftnot und spuckt Blut. Die Ärzte überwachen ihn auf der Intensivstation, aber es geht ihm schnell wieder gut. Am Ende hilft auch das Internet.

Der 29-Jährige ist gut vorbereitet, als er am 17. Juli 2016 in die Hamburger Alster steigt, um beim Triathlon mitzukämpfen. In einer Schwimmhalle hat er mehrmals 5000 Meter zurückgelegt und auch für die 40 Kilometer Fahrradfahren und zehn Kilometer Laufen ist er gut trainiert.

Trotzdem wird seine Luft nach 200 Metern plötzlich knapp. Das Tempo, mit dem er begonnen hat, kann der Mann nicht halten und auch mit der eingeübten Atemtechnik bekommt er Probleme. Zwar hält er die 1,5 Kilometer durch, aber am Ufer ringt er weiter nach Luft.

Die nächste Etappe - 40 Kilometer Fahrradfahren - schafft der Sportler ohne große Probleme. Er steigt vom Sattel und beginnt den 10-Kilometer-Lauf. Nach 500 Metern muss er husten und würgen. Er spuckt hellrotes Blut - und bricht den Wettkampf ab.

Woher kommt der Bluthusten?

Schnell wird ein Notarzt gerufen. Der Patient scheint stabil zu sein, aber seine Sauerstoffsättigung im Blut ist mit 87 Prozent deutlich zu niedrig. Über eine Maske lässt der Arzt den Patienten Sauerstoff atmen und bringt ihn in die Notfallaufnahme des Marienkrankenhauses in der Nähe der Alster.

Beim Eintreffen geht es dem Mann subjektiv gut, Atemnot habe er nicht mehr, berichtet er den Ärzten vor Ort, es tue ihm auch nichts weh und die Übelkeit sei ebenfalls verschwunden. Der anfänglich hohe Herzschlag normalisiert sich, Blutdruck und Temperatur sind unauffällig, und auch beim Abhören entdecken die Mediziner nichts. Als Nebenbefund notieren sie lediglich: Trichterbrust. Dabei handelt es sich um eine anatomische Variante, bei der das Brustbein nach innen eingezogen ist.

Diagnose schleierhaft

In Röntgen- und CT-Bildern entdecken die Ärzte um Murat Karul, Radiologie-Oberarzt am Marienkrankenhaus, Veränderungen in den beiden oberen Lungenlappen, wie sie im "Hamburger Ärzteblatt" berichten. Aber die Befunde sind unspezifisch, es könnten Entzündungsherde, Wasser oder vermehrtes Bindegewebe sein. Zu SPIEGEL ONLINE sagt Karul: "Wir dachten auch an eine Tuberkulose, aber der Tuberkulintest war negativ."

Den Medizinern ist weiterhin vollkommen schleierhaft, warum der Mann Blut gehustet hat. Zudem berichtet er, ähnliches bereits bei einem Triathlon zwei Jahre zuvor erlebt zu haben. Der Mann wird sofort auf die Intensivstation verlegt. Dort spiegeln die Ärzte seine Lunge. Sowohl in den Aufzweigungen der Luftröhre als auch in den Bronchien hat sich Blut abgelagert. Am nächsten Tag - der Patient ist stabil - überprüfen die Ärzte seine Lungenfunktion. Diese ist massiv eingeschränkt, obwohl der Mann subjektiv keine Beschwerden hat.

Karul sucht die Begriffe Triathlon und Hämoptysen - das ist der Fachbegriff für blutiges Erbrechen - in einer Online-Literaturrecherche. Der erste Treffer: das sogenannte Sipe-Syndrom. Aber keiner der zu Rate gezogenen Ärzte kennt das Krankheitsbild.

Wasser in der Lunge

Doch die Fachliteratur bringt die Mediziner schnell weiter. Die Abkürzung Sipe steht für "swimming-induced pulmonary edema", was so viel bedeutet wie "ein vom Schwimmen ausgelöstes Ödem". Dem seltenen Leiden liegt ein physiologischer Mechanismus zugrunde, der bei Betroffenen fatale Folgen haben und bei Gesunden nahezu unbemerkt bleiben kann: Taucht der Körper in kaltes Wasser, ziehen sich die Arterien und Venen der Arme und Beine zusammen, um die Versorgung der lebenswichtigen Organe zu gewährleisten. Auch die Durchblutung des Bauchraumes werde durch die niedrige Temperatur reduziert, schreiben Karul und seine Kollegen in ihrem Fallbericht.

Beides erhöht das Blutvolumen, das durch Herz und Lunge transportiert wird, massiv. Der Druck steigt so lange, bis Gefäßwände ihm nicht mehr standhalten können. Wasser tritt in das Gewebe aus, ein Lungenödem entsteht. Das Gefährliche daran ist, dass das Wasser den Sauerstoff aus der Atemluft daran hindert, ins Blutsystem zu gelangen. Die möglichen Folgen: Husten, rasselnde Atmung, Luftnot, Schaum vorm Mund, Bluthusten. Sehr selten endet das Lungenödem sogar tödlich.

Die Symptome des Mannes und die dazugehörigen Befunde der Röntgen- und CT-Aufnahmen passen zu der Diagnose, denn auch Wasser stellt sich in der Lunge weißlich dar. Die Trichterbrust des Patienten habe das Problem noch verstärkt, schreiben die Ärzte, weil dadurch das Lungenvolumen schon anlagebedingt reduziert sei.

Lebensgefährliches Syndrom ohne Ankündigung

Warum einige Menschen ein Sipe-Syndrom entwickeln und andere nicht, ist Forschern noch unklar. Warnzeichen, die es etwa vor einem Triathlon-Wettkampf ankündigen, wurden bislang nicht beschrieben. Denn das Problem ist, dass der physiologische Effekt der Blutumverteilung bei wärmeren Schwimmbadtemperaturen zwar auch vorhanden, aber deutlich kleiner ist. Gut also, das bei Wettkämpfen im Freiwasser Regeln für das Tragen eines wärmenden Neoprenanzugs bestehen. Nach den Vorgaben, die bei dem Triathlon in Hamburger gelten, muss ab 15,9 Grad Celsius Wassertemperatur ein Kälteschutzanzug getragen werden. Doch dieses Jahr war es deutlich über 21 Grad warm, in diesem Bereich ist das Tragen eines Anzugs gerade noch freiwillig - deshalb schwimmen die meisten Athleten auch mit.

Eine israelische Forschergruppe hat einige dieser Symptome bei insgesamt 70 Schwimmern mit Sipe-Syndrom ebenfalls beobachtet. Zu der Erkrankung gibt es bislang erst wenig Studien. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass Sipe unter Schwimmern häufiger als gedacht und vor allem wiederholt auftritt - so wie bei dem 29-jährigen Patienten aus Hamburg. Karul schreibt, es trete bei ein bis zwei Prozent aller Triathleten auf.

Der Hamburger Patient erholt sich vollständig. "Es ist wirklich bemerkenswert, dass er mit dem ausgeprägten Lungenödem noch 40 Kilometer Fahrradfahren konnte und sich dann so schnell wieder erholt hat", sagt Karul. "Topfit" verlässt der Patient vier Tage nach seiner Einlieferung das Krankenhaus.

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