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"Superkeime" töten jährlich 6000 Menschen: Antibiotika helfen nicht

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Gesundheit: Antibiotika  

6000 Tote pro Jahr: Superkeime beschäftigen Wissenschaftler und die Politik

08.10.2015, 14:03 Uhr | dpa

Multiresistente Keime beschäftigen seit Jahren die Wissenschaftler. Bis zu 6000 Menschen sterben nach vorsichtigen Schätzungen jedes Jahr in Deutschland an Infektionen durch sogenannte "Superkeime". Antibiotika helfen oftmals nur noch schlecht oder gar nicht mehr, die Erreger sind resistent geworden. Die Politik habe das Problem inzwischen erkannt, sagt Gerd Glaeske, der seit Jahren an der Uni Bremen zur Arzneimittelversorgung forscht. Viel gebessert habe sich aber nicht.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) stellte im Frühjahr einen Zehn-Punkte-Plan vor, durch den unter anderem die Meldepflicht für Kliniken bei besonders gefährlichen Keimen verschärft wird. Auch beim G7-Gipfel auf Schloss Elmau im Sommer war der Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen Thema, genau wie jetzt beim Treffen der Gesundheitsminister der sieben führenden Industriestaaten (G7) am 8. und 9. Oktober in Berlin.

Weltweit nehmen Resistenzen zu. Hauptgrund ist, dass Antibiotika zu häufig und unsachgemäß eingesetzt werden - in der Humanmedizin, in der Landwirtschaft und der Tierzucht. Insbesondere Allgemeinärzte gingen zu großzügig bei der Verordnung um, sagt Glaeske. "In einem Drittel der Fälle besteht kein wichtiger und nachvollziehbarer Grund, warum diese Antibiotika verordnet werden."

Bei jeder Erkältung werden Anitibiotika verschrieben

Die Nürnberger Ärztin Marie-Luise Adam berichtet, Patienten seien daran gewöhnt, bei jeder Erkältung ein Antibiotikum verschrieben zu bekommen. Dabei werden diese Infekte meist durch Viren verursacht. Ein Antibiotikum hilft hier gar nicht, doch das wissen noch immer viele Menschen nicht. "Ich habe vielfach erlebt, dass Patienten zu einem anderen Arzt gehen, wenn man versucht, ihnen zu erklären, dass das unnötig ist oder sogar schädlich", sagt Adam.

Oft werden zudem Mittel gegeben, die nur bei ganz bestimmten und schweren Infektionen eingesetzt werden sollten. Das Problem dabei: Je häufiger ein bestimmtes (Reserve-)Antibiotikum eingesetzt wird, desto größer ist das Risiko, dass sich Resistenzen bilden.

Antibiotika-Gabe braucht verbindliche Leitlinien

Glaeske fordert daher verbindliche Leitlinien zur Antibiotika-Gabe in der ambulanten Versorgung. Zudem müsse das Thema in der Ausbildung der Mediziner eine viel größere Rolle spielen. Für die Patienten seien Informationen in verständlicher Sprache nötig - etwa ein kurzes Blatt, das der Arzt ihnen in die Hand drücken kann.

Ein weiterer Knackpunkt ist der Einsatz von Antibiotika als Wachstumsförderer in der Tiermast. "Das ist ein sehr dunkles Kapitel, dem man sich aus politischer Sicht viel mehr zuwenden müsste", sagt Glaeske. Er fordert Sanktionen. Nur dann werde sich etwas ändern. Bislang weigere sich das Bundeslandwirtschaftsministerium aber sogar, die Daten zur Nutzung von Antibiotika zu veröffentlichen: "Das halte ich für eine völlige Verkennung der Sachlage. Man muss diese Daten nutzen, um Gegenmaßnahmen zu ergreifen."

Kliniken setzen auf risikobasiertes Screening

Ebenfalls eine essenzielle Rolle spielt eine gute Hygiene in Krankenhäusern - etwa das häufige Desinfizieren der Hände. Entscheidend sei hier, wie ernst die Klinik-Leitung das Thema nehme, sagt Christian Bogdan, Leiter des Mikrobiologischen Instituts der Uniklinik Erlangen. Er gibt jedoch zu, dass in manchen Häusern noch viel Unwissen bei dem Thema herrscht.

Viele meist große Häuser wie die Erlanger Klinik setzen inzwischen auf ein sogenanntes risikobasiertes Screening. Gefährdete Patienten wie etwa Menschen mit wiederholten Krankenhausaufenthalten, nicht heilenden offenen Wunden oder aus Ländern mit hohen Resistenzraten werden bei ihrer Aufnahme auf bestimmte multiresistente Erreger überprüft. Ein Screening bei allen rund 60 000 stationären Aufnahmen im Jahr sei angesichts der hohen Kosten und des Aufwands nicht machbar, sagt Bogdan - und auch nicht nötig: "90 Prozent der Fälle entdeckt man durch das risikobasierte Screening."

Die Niederlande gelten als Vorreiter beim Thema Resistenzen. Dort beschäftigt zum Beispiel jedes Krankenhaus hauptamtliche Hygieniker. In Deutschland ist das nicht so.

Woher kommen die Errger in deutschen Kliniken?

Doch wie kommt solch ein Erreger überhaupt in eine Klinik? In deutschen Krankenhäusern werden inzwischen viele internationale Patienten behandelt, die Keime aus anderen Ländern mitbringen. Auch Reisende schleppen Keime ein. Und viele Menschen tragen resistente Erreger ohnehin in sich oder auf der Haut, ohne jemals krank davon zu werden. Etwa sechs Prozent der Normalbevölkerung tragen sogenannte ESBL-bildende Enterobakterien im Darm. Diese bilden Enzyme, die viele Antibiotika wirkungslos machen. Und etwa ein Prozent der Bevölkerung trägt den bekannten Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (MRSA) auf Haut oder Schleimhäuten.

Pharmaindustrie zieht sich aus Antibiotika-Entwicklung zurück

Auch der Mangel an neuen Antibiotika ist ein gravierendes Problem. Die Pharmaindustrie hat sich aus der Entwicklung weitgehend zurückgezogen, weil andere Medikamente viel höhere Gewinnmargen versprechen. "Wir brauchen aber wirklich neue Antibiotika, weil die, die wir haben, werden wahrscheinlich auf Dauer nicht mehr wirken", sagt Glaeske. Der Resistenz-Experte Michael Kresken von der Campus Hochschule Bonn-Rhein-Sieg schlägt daher vor, Antibiotika künstlich teuer zu halten wie etwa bei der Buchpreisbindung.

Antibiotika-Resistenzen müssen also aus vielen Richtungen gleichzeitig bekämpft werden - und zwar dringend. Kresken sagt: "Da ist mir schon etwas bange, wenn ich in die Zukunft blicke - angesichts der Migrationsbewegungen und der Überalterung der Gesellschaften." Die Hoffnung, dass sich schnell etwas ändert, hat er aber schon fast aufgegeben: "Bei dem Thema ist es wie bei der Umweltverschmutzung. Es ist ein schleichender, chronischer Prozess, an den man sich gewöhnt hat."

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