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Boston-Täter: "Keine Terrororganisation im Rücken"

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Boston-Täter: "Keine Terrororganisation im Rücken"

23.04.2013, 20:45 Uhr | AFP, dpa

Boston-Täter: "Keine Terrororganisation im Rücken". Die beiden Boston-Attentäter Tamerlan und Dschochar Zarnajew

Laut Aussage des überlebenden Zarnajew-Bruders handelten die beiden Boston-Attentäter alleine und ohne Unterstützung durch eine Terrororganisation

Der jüngere der beiden mutmaßlichen Boston-Attentäter hat laut US-Medien eine Beteiligung internationaler Terrorgruppen am tödlichen Anschlag auf den Marathon bestritten. Wie Dschochar Zarnajew (19) im Krankenhaus aussagte, sei sein Bruder Tamerlan (26) treibende Kraft hinter dem Anschlag gewesen.

Tamerlan habe sich vom Heiligen Krieg motivieren lassen. Dabei habe das Internet eine große Rolle gespielt, meldete der TV-Sender CNN unter Berufung auf einen Regierungsmitarbeiter. Der schwer verletzte 19-jährige Dschochar Zarnajew war tags zuvor wegen des Gebrauchs von Massenvernichtungswaffen angeklagt worden. Ihm droht die Todesstrafe.

Jüngerer Bruder kooperativ

Dschochar Zarnajew, der nach wie vor einen Beatmungsschlauch in seinem Rachen hat, zeige sich in den Vernehmungen kooperativ, so die Ermittler. Er kommuniziere mit ihnen schriftlich oder durch Kopfbewegungen.

Foto-Serie: Jagd auf die Attentäter von Boston

Sein getöteter, älterer Bruder Tamerlan sei besessen von der Idee gewesen, dass der Islam attackiert werde und die selbsternannten Gotteskrieger zurückschlagen müssten, erklärte Zarnajew nach CNN-Informationen. Sein Bruder und mutmaßlicher Komplize Tamerlan Zarnajew war bei einer Verfolgungsjagd mit der Polizei am Freitag ums Leben gekommen.

Laut "Washington Post" habe Dschochar Zarnajew konkret die US-Militäreinsätze in Afghanistan und im Irak als Motivation für den Anschlag genannt. Bei der Vernehmung habe er eingeräumt, die Bomben mit gelegt zu haben.

Die Islamische Gesellschaft von Boston distanzierte sich derweil von den beiden Attentätern. Die Brüder hätten das muslimische Gotteshaus allenfalls sporadisch besucht. Der 19-jährige Dschochar sei "selten" bei Freitagsgebeten gesehen worden, der 26-jährige Tamerlan hätte die Moschee "unregelmäßig" aufgesucht. 

Tamerlan Zarnajew fiel dabei den Angaben zufolge durch störendes Verhalten auf. Die Moschee berichtete von zwei Vorfällen aus den vergangenen Monaten, bei denen er Predigten, mit denen er nicht einverstanden gewesen sei, lautstark unterbrochen habe.

Attentat von Boston 
Letzte Minuten des Boston-Attentäters in Freiheit

Wärmebildaufnahmen der Polizei filmen das Feuergefecht. zum Video

Am 16. November protestierte er gegen die Aussage, dass Muslime auch traditionelle US-Feiertage wie das Erntedankfest Thanksgiving und den Unabhängigkeitstag am 4. Juli begehen dürften. Am 18. Januar habe er wütend auf eine Predigt reagiert, die den afroamerikanischen Bürgerrechtler Martin Luther King lobte. Andere Gemeindemitglieder hätten ihn daraufhin zum Verlassen der Moschee gedrängt.

Unbemerkte Rückkehr von Russland-Reise

Möglicherweise schützte den älteren Zarnajew ein Tippfehler in Einreisedokumenten vor Verfolgung durch US-Ermittler. Nach Berichten von US-Medien sei Tamerlan Zarnajew 2012 unerkannt von einem Besuch im Kaukasus in die USA heimgekehrt. Es sei aber unklar, ob der Schreibfehler von der russischen Fluggesellschaft Aeroflot oder von Zarnajew selbst gemacht wurde.

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Bereits 2009 hatte der russische Geheimdienst Alarm geschlagen. Das FBI kam der Bitte nach, Tamerlan auf radikale Tendenzen zu überprüfen. Man befürchtete, er könnte sich einer radikalen Untergrundorganisation anschließen. Das FBI prüfte - ergebnislos. Die US-Bundespolizei bemerkte nicht, als der junge Mann im vergangenen Sommer von einer sechsmonatigen Russlandreise zurückkehrte.

Die Ermittler müssten nun Tamerlans Internetaktivitäten auswerten. Außerdem gewannen sie weitere Erkenntnisse aus Videoaufnahmen am Tatort des 15. April. Auf den Bildern, die den jüngeren der beiden Brüder zeigen, habe dieser völlig ruhig und gelassen gewirkt, als er den schwarzen Rucksack mit der mutmaßlichen selbstgebauten Bombe in der Zuschauermenge vor der Ziellinie des Boston-Marathons platzierte. 

Der 19-Jährige muss sich vor einem Zivilgericht wegen des Gebrauchs von Massenvernichtungswaffen verantworten. Eine Richterin verlas dem durch mehrere Schusswunden Verletzten am Montag die Anklageschrift am Krankenbett in einer Bostoner Klinik. Zarnajew soll der Anklagebehörde zufolge für den Tod von drei Menschen und die Verletzungen von mehr als 200 weiteren zur Verantwortung gezogen werden. Nach neuesten Angaben kamen insgesamt 264 Menschen nach dem Anschlag ins Krankenhaus.

"Das Ausmaß dieser Verbrechen ist groß und betrifft eine weltweite Gemeinschaft, die Frieden und Gerechtigkeit will", sagte die Staatsanwältin von Massachusetts, Carmen Ortiz. "Wir hoffen, dass diese Anklage der gesamten Öffentlichkeit sowie den Opfern und ihren Angehörigen Mut macht." 

"Aufnahmefähig und bei klarem Verstand"

Während der Anklageverlesung sei Zarnajew "wach, mental aufnahmefähig und bei klarem Verstand" gewesen, gab Richterin Marianne B. Bowler zu Protokoll. Auf die Frage, ob er in der Lage sei, einige Fragen zu beantworten, habe der Angeklagte deutlich genickt. Infolge seiner Verletzungen kann er nicht sprechen. Ein einziges Wort habe Zarnajew gesagt: ein "Nein" auf die Frage, ob er sich einen Anwalt leisten könne. Ihm wurde ein Rechtsbeistand zur Seite gestellt.

Am Dienstag wurde bekannt, dass der ältere der beiden Brüder, Tamerlan, zweimal in Österreich war. 2007 und 2009 soll er sich insgesamt etwa eineinhalb Wochen bei Box-Veranstaltungen in Salzburg und Innsbruck aufgehalten haben. Entsprechende Medienberichte bestätigte das österreichische Innenministerium.

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