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Indien: Musliminnen wollen Blitz-Scheidung verbieten

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Trennung per SMS  

Musliminnen wollen Blitz-Scheidung verbieten

05.07.2016, 10:28 Uhr | AP

Indien: Musliminnen wollen Blitz-Scheidung verbieten. Shagufta Sayyd (links) setzt sich für die Abschaffung des muslimischen Scheidungsrechts ein. (Quelle: AP/dpa)

Shagufta Sayyd (links) setzt sich für die Abschaffung des muslimischen Scheidungsrechts ein. (Quelle: AP/dpa)

Wenn sie es wollen, können sich muslimische Männer in Indien per SMS oder Internet-Post per Verstoßung von ihrer Frau trennen. Gegen dieses Scheidungsrecht wollen Musliminnen nun vorgehen.

Wenige Stunden nach ihrer Hochzeit erfuhr Shagufta Sayyd von ihrem Bräutigam, dass er eine Beziehung zu einer anderen Frau hat. Die Ehe mit ihr habe keine Zukunft, beschied er seiner Braut, geheiratet habe er nur, um seiner Mutter einen Gefallen zu tun. "Er sagte 'Nein, ich möchte Dich nicht behalten'", erzählt die 21-Jährige. "Also sprach er drei Mal den Scheidungsspruch - und das wars."

"Talaq" schon in 20 Ländern verboten

Das archaische Scheidungsrecht durch Verstoßung oder Talaq ist in mehr als 20 islamischen Staaten inzwischen verboten. Doch in Indien ist die Praxis noch immer erlaubt - dank gesetzlicher Normen, die muslimische, christliche und hinduistische Gemeinden mit eigenen religiösen Regeln schützen.

Sayyd besteht darauf, den Nachnamen ihres Mannes zu tragen, bis die Ehe offiziell vor einem indischen Gericht geschieden wird. Doch wie bei vielen anderen Inderinnen der sunnitisch-muslimischen Minderheit wird ihr Schicksal vom islamischen Familienrecht und damit von der Scharia bestimmt, die örtliche Imame und Religionsschulen in ganz Indien individuell auslegen.

Nach diesem Recht dürfen Männer ihre Ehefrau verstoßen, indem sie drei Mal das Wort "talaq" - Urdu für Scheidung - aussprechen, und zwar nicht unbedingt aufeinander folgend, sondern jederzeit, und auch per Telefon, SMS oder Posts in sozialen Medien.

"Es ist sehr bequem für muslimische Männer"

In Indien sind die meisten der 170 Millionen Muslime Sunniten, die sich in Familienangelegenheiten nach dem islamischen Recht richten. Frauen haben die Möglichkeit zu dieser Blitz-Scheidung nicht. Und werden sie vom Ehemann verstoßen, haben sie keinen Anspruch auf Alimente, so dass viele danach auf sich allein gestellt und mittellos sind.

"Manche wurden durch Eilzustellung geschieden, per Brief. Manche Männer sagten einfach drei Mal talaq und das war die Scheidung", sagt Noorjehan Safia Niaz, eine der Gründerinnen der Bewegung muslimischer Frauen in Indien namens Bhartiya Muslim Mahila Andolan, die seit sechs Jahren für Frauenrechte kämpft.

"Es gibt Fälle, in denen die Frauen nicht einmal wissen, dass sie verstoßen wurden. Die Kinder bekommen keinerlei Unterstützung. Es ist also sehr bequem für muslimische Männer, einfach drei Mal talaq zu sagen - so einfach, die Frau aus ihrem Leben zu verbannen."

Nach Ansicht von Rechtsexperten ist die Praxis verfassungswidrig, und das Oberste Gericht dringt auf einheitliche Gesetze für alle Bürger. 1985 verurteilte es einen Mann zur Zahlung von Alimenten an seine ältere Frau, die er verbal verstoßen hatte. Doch dann gelang es der damaligen Regierung, durch ein Gesetz zum Schutz des islamischen Scheidungsrechts das Urteil rückwirkend aufzuheben. Viele vermuten, dass dies unter dem Druck islamischer Politiker geschah.

Für die Frauenrechtlerinnen war es ein herber Rückschlag. Sie verwiesen darauf, dass etwa Mitgiftzahlungen der Brauteltern an die Familie des Bräutigams vor einer Hochzeit schon lange verboten sind, obwohl viele die uralte Hindu-Tradition noch offen praktizieren. Auch wurden vor kurzem alte Hindu-Gesetze gekippt, nach denen Frauen nicht den Besitz ihrer Väter erben konnten.

50.000 Unterschriften für Verbot gesammelt

Doch Rechtsexperten zufolge ist die Sachlage beim islamischen Scheidungsrecht komplizierter, weil es nicht exakt formuliert ist und deshalb individuell ausgelegt werden kann. Für die am Obersten Gericht zugelassene Anwältin Monika Arora ist es eine barbarische Praxis: "Das ist eine Art IS-Recht, das in Indien herrscht", sagt sie unter Verweis auf die Terrormiliz Islamischer Staat, die große Teile Syriens und des Irak beherrscht. "Kein progressives Land kann dies tolerieren."

Das hinduistische Familienrecht sei seit den 1950er Jahren "ständig weiterentwickelt und kodifiziert" worden, betont die Juristin. "Warum diese 'Rühr mich nicht an'-Auffassung bei islamischen Gesetzen?" Indien sollte dem Beispiel anderer islamischer Staaten wie der Türkei, Zypern, Pakistan und Bangladesch folgen, die die Talaq-Scheidung verbieten.

Inzwischen sammelte die Frauenrechtsorganisation mehr als 50.000 Unterschriften für ein landesweites Verbot. Die Petition wurde einem entsprechenden Antrag an das Oberste Gericht beigefügt. Vor einer Anhörung will der Gerichtshof eine Stellungnahme der Regierung einholen. Widerstand kommt von muslimischen Hardlinern wie der Raza Academy in Mumbai. Dort heißt es, Frauen könnten jederzeit aus dem Islam austreten, wenn ihnen die Gesetze nicht passten.

Der Religionsgelehrte Mohammad Saeed Noori vermutet, der dreifache Scheidungsspruch werde womöglich nicht korrekt angewandt: "Sagt es nicht drei Mal sofort hintereinander", rät Noori. "Wenn man es so macht, macht man es falsch." Doch ist die Scheidungserklärung dreifach ausgesprochen, "dann ist sie sofort durch", betont er. "Dann muss die Frau sofort sein Haus verlassen."

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