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Anschlag gegen Christen: Ägypten wird zum neuen Ziel des IS

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Kopten im Visier  

Ägypten wird zum neuen Ziel des IS

22.12.2016, 12:12 Uhr | Benjamin Wünsch, dpa

Anschlag gegen Christen: Ägypten wird zum neuen Ziel des IS. Ein ägyptischer Polizist hält nach dem Bombenanschlag Wache vor der angegriffenen Kairoer Kathedrale. (Quelle: dpa)

Ein ägyptischer Polizist hält nach dem Bombenanschlag Wache vor der angegriffenen Kairoer Kathedrale. (Quelle: dpa)

Auch wenn die Wirtschaft weiter schwächelt - die politische Lage in Ägypten ist relativ stabil. Während in Syrien, im Irak und im direkten Nachbarland Libyen das Chaos herrscht, können sich die Menschen in den Städten entlang des Nils weitgehend sicher fühlen.

Vor gut einer Woche wurde jedoch deutlich, dass sich dies schnell ändern kann: Islamistische Extremisten ließen mitten in Kairo eine Bombe explodieren. Die Opfer waren Kopten, die sich zum Gottesdienst versammelt hatten. Indirekt galt der Anschlag aber auch der Regierung von Präsident Abdel Fattah al-Sisi.

Spaltpilz IS 

Wie in anderen arabischen Ländern setzt die sunnitische Terrormiliz Islamischer Staat (IS) darauf, die Gesellschaft zu spalten, indem sie Spannungen zwischen den Religionen und Konfessionen schürt. Mit Angriffen auf die allgemeine Zivilbevölkerung halten sich die Extremisten hier zurück, zumal etwa 90 Prozent der Ägypter ebenfalls Sunniten sind. 

Die perfide Strategie scheint eher die zu sein, die christliche Minderheit ins Visier zu nehmen, um auf diese Weise das Vertrauen der Menschen in den Staat zu zerstören.

"Ähnlich wie in Syrien und im Irak schaffen sie in Ägypten einen Rahmen zur Rechtfertigung von konfessionell motivierter Gewalt", sagt der Extremismus-Forscher Mochtar Auad von der George Washington University, die ihren Sitz in der Hauptstadt der USA hat.

Bisher sind die Kämpfer des ägyptischen IS-Ablegers vor allem auf der Sinai-Halbinsel aktiv. Zuletzt verübten sie auch einzelne Attentate im Großraum Kairo. Meist wurden dabei aber ganz gezielt Polizisten und andere Sicherheitskräfte getötet.

Tonnenweise Sprengstoff 

In den vergangenen zwei Jahren konnten die ägyptischen Behörden außerhalb des Sinais mehrere Zellen der Extremisten zerstören - und das Terrorismus-Problem damit weitgehend auf die unruhige Halbinsel im Nordosten eingrenzen.

Gleichzeitig wurde aber immer wieder deutlich, wie labil die Lage ist. Erschreckend ist vor allem, wie leicht und vollkommen jenseits staatlicher Kontrolle sich offenbar Waffen und Sprengstoff ins Land schmuggeln lassen.

In dem am Roten Meer an der Südspitze des Sinais gelegenen Badeort Scharm el-Scheich konnten Extremisten 2015 eine Bombe an Bord eines Ferienfliegers bringen - der Absturz des Flugzeuges sorgte für einen massiven Einbruch in der Tourismus-Wirtschaft. Die Waffen und der Sprengstoff kämen vor allem über die durchlässige Wüstengrenze zu Libyen ins Land, sagt der Publizist und Sinai-Experte Muhannad Sabri.

"Das ist ein blühendes Drehkreuz für Sprengstoff wie TNT. Man muss sich nur einmal all die selbstgebauten Bomben ansehen, die im Sinai explodieren, oder die die Regierung nach eigenen Angaben beschlagnahmt hat - wir sprechen hier von Tonnen", sagt Sabri. 

Moslembrüder büßen für Anschläge des IS 

Präsident Al-Sisi präsentiert sich selbst oft als ein Anführer im Kampf gegen gewaltbereite Islamisten in der arabischen Region. In diesen Kontext stellt er dabei auch die Entmachtung der ägyptischen Muslimbruderschaft im Jahr 2013, die indes keine Terrororganisation ist. 

Dennoch macht die Regierung in Kairo die islamistische Bewegung auch für den jüngsten Anschlag auf die koptische Kirche verantwortlich: Obwohl sich der IS zu der Bluttat bekannte, teilte das Innenministerium mit, im Exil lebende Angehörige der Muslimbruderschaft hätten "finanzielle und logistische Unterstützung" geleistet.

Fest steht, dass die Zahl der Anschläge in Ägypten zuletzt stark gestiegen ist. Und islamistische Gruppierungen aller Couleur haben derzeit offenbar großen Zulauf. Erst wenige Tage vor der Explosion in der Kirche, bei der 27 Menschen ums Leben kamen und Dutzende weitere verletzt wurden, hatte eine neue Extremistengruppe, die sich Hasm nennt, am Rande von Kairo sechs Polizisten getötet. Auch in anderen Teilen des Landes kommt es inzwischen vermehrt zu Angriffen.

IS lernt aus Fehlern früherer Terroristen 

Experten halten es dennoch für unwahrscheinlich, dass die ägyptische Bevölkerung als Ganze eine Ausweitung des Terrors zu befürchten hat. In den 90er Jahren hatte eine radikalislamische Bewegung versucht, auf diese Weise das damalige Regime in Bedrängnis zu bringen. Die Wut der Menschen richtete sich in der Folge aber vor allem gegen die Extremisten selbst.

Diesen Fehler wird der IS wohl nicht wiederholen wollen. Stattdessen versucht die Terrorgruppe offenbar, die Sicherheitskräfte zu mehr Massenverhaftungen zu provozieren. Das könnte nämlich islamistisch eingestellte Kreise in Ägypten weiter gegen die Regierung radikalisieren.

Zu den leidtragenden dieser Strategie dürften auch künftig die Kopten zählen. Nach dem Anschlag in Kairo sowie nach der späteren Beisetzung der Opfer warfen wütende Christen der Regierung eine zu nachsichtige Haltung vor.

Die Empörung hält sich in Grenzen 

Die Kritik, dass Versäumnisse der Sicherheitskräfte den Anschlag überhaupt ermöglicht hätten, wies Al-Sisi zurück. Trotzdem: Erst 2011 wurden bei einem Angriff auf eine Kirche in der Hafenstadt Alexandria mehr als 20 Menschen getötet. In kleinerem Rahmen werden Kopten auch sonst immer wieder Opfer von gezielter Gewalt.

"Im aktuellen Kontext untergräbt jeder Angriff auf die ägyptischen Christen den Anspruch der Regierung, für Recht und Ordnung sorgen zu können - und dies schwächt den Zuspruch für das Regime von Al-Sisi", sagt Michael Hanna von der Century Foundation, einem Politik-Institut mit Sitz in New York.

Gleichzeitig könnten die Islamisten diese Effekte erreichen, ohne deswegen den Zorn der Massen auf sich zu ziehen. "Wegen der tief verwurzelten Religionsstreitigkeiten wird die Empörung zwar real sein, aber doch begrenzt."

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