Am Todestag von Atatürk

Erdogan an Musliminnen: "Heiratet und vermehrt Euch"

11.11.2017, 21:24 Uhr | Can Merey und Linda Say, dpa

Beschwört Atatürks Erbe: Recep Tayyip Erdogan vor einem Bild des türkischen Staatsgründers.

Der türkische Präsident Erdogan gibt den Kritikern seines konservativ-islamischen Kurses neues Futter: Bei einer Rede rief er junge Musliminnen dazu auf, sich zu vermehren. Nur Stunden vorher hatte er noch die Anhänger des westlich orientierten Republikgründers Atatürk umgarnt.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat an Musliminnen appelliert, zu heiraten und Kinder zu zeugen. "Was sagen mein Gott und unser Prophet? Der Befehl ist klar und deutlich. Vermählt Euch, heiratet und vermehrt Euch", sagte Erdogan am Freitag im Präsidentenpalast in Ankara vor jungen Frauen aus 50 muslimischen Staaten. "Es ist Pflicht eines Muslims, sich zu vermehren." Zugleich betonte er, dass Musliminnen nicht auf die Mutterrolle beschränkt sein müssten. "Die muslimische Frau ist nicht nur eine gute Mutter, sondern wenn nötig auch eine bahnbrechende Wissenschaftlerin, Politikerin, Lehrerin und sogar eine kühne Kriegerin."

Wenige Stunden zuvor hatte Erdogan noch versucht, Anhänger des säkularen Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk zu umwerben - die seine Aussagen zur muslimischen Frau mit Befremden aufnehmen dürften. Atatürk, der am 10. November vor 79 Jahren verstorben war, hatte die Türkei nach Westen ausgerichtet. Säkulare Kritiker werfen Erdogan seit Jahren vor, das Rad zurückdrehen zu wollen und die Türkei zu islamisieren. In jüngster Zeit ist aber zu beobachten, dass Erdogan den Gründer der Republik und deren ersten Präsidenten wieder verstärkt in den Vordergrund stellt.

NACHRICHTEN DES TAGES

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan: 2013 belastete ihn eine Korruptionsaffäre – die nun noch einmal aktuell werden könnte.

FDP-Chef Christian Lindner: "Fehlendes Vertrauen".

Simbabwes entmachteter Präsident Robert Mugabe ist nicht mehr Chef der Partei Zanu-PF.

Der Rangierbahnhof Nord in München: Die Polizei hat zahlreiche illegal eingereiste Migranten aufgegriffen.

Jeff Flake: "Falls wir die Partei von Roy Moore und Donald Trump werden, sind wir erledigt."

Polizeieinsatz in Bad Oeynhausen: Eine Mutter wurde getötet. Ihr Lebensgefährte steht unter Tatverdacht.

Für Briten wird der deutsche Pass aus Angst vor dem Brexit immer begehrter.

Die Entscheidung des Königs wurde vom Nachfolgeausschuss des Landes mit 31 von 34 Stimmen bestätigt.

Unter den Relikten befinden sich unter anderem Messer, Degen, Büsten von Adolf Hitler und sogar eine Box mit Mundharmonikas.

Erdogan attackiert größte Oppositionspartei scharf

Zum Todestag lobte Erdogan Atatürk nun in den höchsten Tönen. Er sprach von der "unendlichen Achtung unseres Volkes" für den "Gründungsvater unserer Geschichte". Und Erdogan nutzte die Gelegenheit, um die wichtigste Oppositionspartei - die von Atatürk gegründete CHP - in ihrem Kernverständnis anzugreifen: Er sprach der kemalistischen Partei das Recht ab, Hüterin von Atatürks Erbe zu sein. Im Gegenteil: Die von der CHP betriebene Politik habe nichts mit dem "Atatürk in den Herzen unseres Volkes" zu tun, sagte er. Man werde nicht erlauben, dass die CHP "unserem Volk Atatürk stiehlt".

Die CHP hält die neue Vereinnahmung Atatürks durch den islamisch-konservativen Präsidenten für ein durchsichtiges Manöver: Die Partei wirft Erdogan vor, seine plötzliche Zuneigung zu Atatürk aus wahltaktischen Gründen entdeckt zu haben. Auslöser seien Umfragewerte und der nur knappe Sieg Erdogans beim Verfassungsreferendum zum Präsidialsystem im vergangenen April, meinte am Freitag Vize-Fraktionschef Özgür Özel. Erdogans "Liebe" zu Atatürk komme "nicht von Herzen, sondern von Umfragen".

Beliebtheit des Präsidenten schwindet

In zwei Jahren stehen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen an, mit denen die Einführung des von Erdogan betriebenen Präsidialsystems in der Türkei abgeschlossen werden soll. Erdogan hat ambitionierte Ziele vorgegeben: "50 Prozent plus 1" Stimme, und zwar sowohl für sich selber als auch für seine AKP. Umfragen zufolge wird das kein Selbstläufer: Die Zustimmungswerte des Präsidenten lagen Ende Oktober nach einer Befragung des Instituts Metropoll bei nur 46,3 Prozent, der schlechteste Wert seit dem Putschversuch im Sommer 2016.

Erdogan könnte daher darauf angewiesen sein, sich neue Wählerschichten zu erschließen. Zugleich muss er aber darauf setzen, seine bisherigen Anhänger nicht zu verprellen.

Neue Attacken in Richtung Europa

Womöglich griff Erdogan deshalb bei seinem Vortrag vor Musliminnen am Nachmittag im Präsidentenpalast wieder zu altbekannter Rhetorik: Er übte sich in Kritik an Europa, wo sich "Fremdenfeindlichkeit, kultureller Rassismus und Islamfeindlichkeit immer mehr ausbreiten", wie er sagte.

"Und was passiert mit dem Lebensraum derjenigen, dessen Äußeres, Sprache, Religion und Hautfarbe anders ist? Er wird enger." Erdogan fügte hinzu: "Europa verwandelt sich vor allem für diese Gruppen immer mehr zu einem Freiluftgefängnis."

Diesen Artikel teilen

Mehr zum Thema