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Gestrandet im Kohlehafen: Russen schikanieren deutschen Abenteurer

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Russen schikanieren deutschen Abenteurer

31.07.2013, 12:11 Uhr | von Christian Kreutzer

Im Murmansker Kohlehafen, statt im Nordpolarmeer: Abenteurer Arved Fuchs (Fotos: Mathias Berg)

Im Murmansker Kohlehafen, statt im Nordpolarmeer: Abenteurer Arved Fuchs (Fotos: Mathias Berg)

Was hat die Großmacht Russland gegen Arved Fuchs? Fast zwei Wochen lag der weltbekannte Abenteurer und Forscher in Murmansk fest. Mit immer neuen, teilweise lächerlichen Beanstandungen hielten die russischen Behörden den 60-Jährigen und seine Mannschaft von der Weiterreise in die Nordpolarregion ab. Was steckt dahinter?

Arved Fuchs ist nicht für Zimperlichkeit bekannt: Spektakuläre Expeditionen wie die Wanderung mit Bergsteiger Reinhold Messner über den Südpol 1989 haben den Abenteurer berühmt gemacht. Sein neuester Coup sollte ihn durch die eisfreie Nordostpassage nach Franz-Josef-Land führen - eine Inselgruppe, 900 Kilometer vom Nordpol entfernt.

Dort wollte Fuchs nicht nur die Eisdicke überprüfen, um die Folgen des Klimawandels zu erforschen. Da das Eis seit Jahren abnimmt, hoffte Fuchs, auf historische Spuren von Expeditionen aus den Anfangsjahren der Polarforschung zu stoßen, alte Nahrungsmitteldepots oder wertvolle Überbleibsel zu entdecken.

"Einen Stolperstein nach dem anderen"

Jetzt jedoch fühlt sich der Forscher nicht ins 19 Jahrhundert, sondern in den Kalten Krieg zurückversetzt: Er und seine Crew liegen auf Fuchs' Yacht "Dagmar Aaen" seit dem 19. Juli in der hintersten Ecke des Kohlehafens von Murmansk fest - ohne Hoffnung auf Weiterreise. Und das, obwohl alle Genehmigungen vorhanden und die Papiere in Ordnung sind.

"Einen Stolperstein nach dem anderen" habe man ihm in den Weg gelegt, so Fuchs zu t-online.de - ohne erkennbaren Grund.

Das Drama beginnt am 19. Juli: Als Fuchs und seine Mannschaft aus sieben Deutschen, zwei Russen und einem Schweizer im russischen Militärhafen Murmansk ankommen, scheint alles ganz normal. Nach einigen Tagen beginnt der Ärger: Trotz vorhandener Genehmigungen von Nationalparkverwaltung und Bundesagentur für Sicherheit der Russischen Förderation (FSB) konfrontieren die Behördenvertreter das Team mit immer neuen Bestimmungen und Auflagen.

Archangelsk sagt Ja, Murmansk Nein

Mit an Bord und Mitglied von Fuchs' Team ist auch t-online.de-Redakteur Ulrich Weih: "Jeden Tag haben sie sich etwas anderes ausgedacht", so Weih. "Da kommt ein Mann mit weißen Handschuhen und weißer Uniform von der Hafenkontrolle an Bord. Er lässt sich den völlig korrekt ausgerüsteten Notkoffer zeigen und entscheidet dann: Der entspricht nicht russischen Standards, Sie brauchen einen neuen.' Das Gleiche einen Tag später: Da waren angeblich unsere Seekarten nicht in Ordnung und wir mussten andere auftreiben."

Fuchs sagt, er habe für alle mutmaßlich erfundenen Erfordernisse über 2000 Euro ausgegeben.

Dann rückte die Grenzpolizei an. Plötzlich waren die Visa nicht in Ordnung: "Visa wohlgemerkt, die die Grenzpolizei von Archangelsk ausgestellt hatte", so Arved Fuchs am Telefon. "Die Polizei in Murmansk entschied plötzlich, dass die Kollegen in Archangelsk Fehler gemacht hatten." Deutsche Botschaft und Auswärtiges Amt hätten sich für die Seefahrer eingesetzt. Das Visaproblem wurde gelöst.

"Dann wollte man plötzlich eine Durchfahrtgenehmigung für die internationalen Gewässer zwischen Murmansk und dem Franz-Josef-Archipel, die russische Schiffe niemals brauchen", empört sich Fuchs.

"Als ob man ein Hotelzimmer bucht, aber das Hotel nicht betreten darf"

Die Schikanen "versperren uns den nun eisfreien Weg nach Franz-Josef-Land - dabei läuft uns die Zeit davon, denn in der Hocharktis öffnet das Eis höchstens ein kleines Zeitfenster", hatte Fuchs schon vor Tagen verzweifelt auf seiner Homepage (http://www.arved-fuchs.de/expeditionen/franz-josef-land) geschrieben.

Foto-Serie: Top-Nachrichten des Tages

Die Auflagen sind absurd: Russland gesteht den Seefahrern zu, Franz-Josef-Land zu betreten - aber nicht dorthin zu fahren. "Als ob man ein Hotelzimmer bucht, aber das Hotel nicht betreten darf", wundert sich Weih.

Alles nur normaler Behördenwahnsinn? Bereits 2002 hatte Fuchs mit den russischen Behörden in Murmansk gerungen - damals noch mit Erfolg.

Diesmal sieht die Sache anders aus: "Unter der Hand hat man uns gesagt: 'Sie kommen da niemals hin, egal, was Sie machen' ", verrät Weih. Ein Behördenvertreter habe offen zugegeben, dass der wahre Grund woanders liegen könnte: "Solange Moskau nicht den Befehl dazu gibt, lassen wir sie hier nicht weg."

Offiziell lautet die Erklärung natürlich ganz anders: "Die Jacht befindet sich im Hafen von Murmansk und wartet auf eine Entscheidung bezüglich der Reiseroute", sagte der örtliche Leiter der Grenzsicherung, die dem Inlandsgeheimdienst FSB untersteht. Murmansk ist Hauptstützpunkt der russischen Nordmeerflotte und war bis 1991 militärisches Sperrgebiet.

"Vielleicht fühlt sich jemand übergangen"

Auf Franz-Josef-Land - benannt nach dem österreichisch-ungarischen Kaiser - erhebt Russland seit 1926 Anspruch. Im Kalten Krieg war die Gruppe wegen ihrer geostrategischen Lage zwischen den Blöcken militärisches Sperrgebiet. Auf einer der Inseln war eine Bomberstaffel stationiert.

Was aber hat die Regierung heute im Sinn? Geht es darum, zu zeigen, wer den Zugang zur rohstoffreichen Nordporlarregion kontrolliert? Henning Schröder, Russland-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin, zu t-online.de: "Da kann man zunächst nur spekulieren. Ich kann mir aber vorstellen, dass Fuchs eher das Opfer eines Konflikts zwischen zwei russischen Behörden ist."

Es geschehe nicht zum ersten Mal, dass das Moskauer Außenministerium Visa ausstelle, aber die Einreisebehörden beim Grenzübertritt "Njet" sagten. Auch ihm selbst sei es schon so gegangen, so Schröder. Womöglich fühle sich jemand übergangen, beispielsweise der örtliche Gouverneur. "Wenn man da zu viel hineininterpretiert, überschätzt man Veschwörungsfähigkeit des Landes", so der Experte. Dazu sei Russland viel zu chaotisch.

Zumal die Geschichte langsam die Ausmaße einer für Moskau höchst peinlichen internationalen Affäre annimmt: Schon sind das Auswärtige Amt sowie mehrere Bundestagsabgeordnete involviert. Die Medien springen langsam auf den Fall an.

Jetzt gibt Fuchs sein Vorhaben auf und weicht nach Spitzbergen aus. Auch dort will er den Klimawandel erforschen. Die historische Spurensuche fällt jedoch flach: "ein Totalverlust", so Fuchs zu t-online.de.

31.07.2013, 12:11 Uhr | von Christian Kreutzer

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