Atomreaktor Fukushima
"Es ist ein Rennen gegen die Zeit"24.08.2013, 19:10 Uhr | t-online, AP/dpa
Fukushima ersäuft in verseuchtem Wasser: Nachdem bekannt wurde, dass täglich etwa 300.000 Liter kontaminiertes Wasser im havarierten Atomkraftwerk aus einem Kühltank austreten, fürchten Experten aktuell ein weit größeres und gefährlicheres Problem. Riesige Mengen des verstrahlten Wassers könnten sich schon bald unkontrolliert und unaufhaltsam in Richtung Pazifik bewegen.
Die Experten sind besorgt, dass sich das verseuchte Kühlwasser durch Risse in den Tanks unterirdisch mit dem Grundwasser vermischt hat. Da man in Fukushima davon ausgeht, dass die Menge des unterirdisch fließenden Wassers größer ist, als die Wassermenge in den Kühlwasserauffangbecken, gilt eine Durchspülung des verseuchten AKW-Untergrunds als wahrscheinlich. Dieses könnte dann in den nahe gelegenen Ozean gelangen.
Etwa eine Million Liter fließen jeden Tag von den Bergen unterirdisch in das Gelände, rund 400.000 Liter davon direkt in die Fundamente der Reaktoren und Turbinen, wo sie kontaminiert werden. Die übrigen 600.000 Liter treffen zunächst nicht auf diese Bereiche, doch die Behörde für Naturressourcen und Energie schätzt, dass mindestens die Hälfte davon an anderen Stellen mit radioaktivem Material in Kontakt kommt.
Tepco will dieser These nicht folgen. "Bislang haben wir keine überzeugenden Daten, die eine undichte Stelle in einem der Turbinengebäude belegen", sagt Sprecher Yoshimi Hitosugi. "Aber wir sind offen, jede Spur einer möglichen Kontamination zu verfolgen."
Die Turbinengebäude liegen nur 150 Meter entfernt vom Meer. Das Untergrundwasser bewegt sich laut einem Papier der japanischen Atombehörde mit einer Geschwindigkeit von etwa vier Metern pro Monat Richtung Ozean, so dass das verseuchte Wasser in den kommenden Wochen dort angekommen sein müsste.
"Es ist ein Rennen gegen die Zeit", sagt Atsunao Marui, Wissenschaftler vom Nationalen Institut für Moderne Industriewissenschaft und Technologie, der sich im Auftrag der Regierung mit der Untergrundwasser-Problematik befasst. "Wir müssen das Problem so schnell wie möglich in den Griff bekommen", warnt er.
Dass die überirdischen Tanks auch noch massive Probleme bereiten, verschärft die Situation. Auch hier gibt es scharfe Kritik an Tepco. Der Betreiber habe überstürzt die ungeprüften und teilweise ungeeigneten Tanks eingebaut und sie auch danach nicht ausreichend gewartet, erklärt Shinji Kinjo, einer der zuständigen Regulierungsbeamten für die Fukushima-Katastrophe. Zuletzt entdeckten Arbeiter bei einer Inspektion zwei weitere Tanks mit Problemen.
"Jede Kontaminierung im Grundwasser könnte am Ende in den Ozean fließen. Das lässt sich schwer stoppen, nicht mal mit Barrieren", sagt Ken Buesseler, ein Meereswissenschaftler aus dem US-Staat Massachusetts.
Auch die Angst bei der japanischen Bevölkerung wächst. "Niemand weiß, wo das enden wird", sagt der unmittelbar betroffene Fischer Masakazu Yabuki aus dem südlich vom AKW gelegenen Iwaki. Nach zuletzt ermutigenden Tests hatten er und seine Kollegen sogar schon wieder gehofft, bald wieder mit ersten Probefängen beginnen zu dürfen.
Diese Hoffnung hat sich nun zerschlagen. Von Anfang an hätten die Fischer vermutet, dass verseuchtes Wasser ins Meer fließe, aber Fukushima-Betreiber Tepco habe immer wieder abgewiegelt. "Tepco macht es uns sehr schwer, ihnen zu vertrauen", schimpft Yabuki.
Bei Untersuchungen von Fischen, die vor der Küste von Fukushima gefangen wurden, fand Buesseler heraus, dass die Belastung mit radioaktivem Caesium in der Zeit seit der Katastrophe im März 2011 nicht zurückgegangen ist - ein Indiz dafür, dass verseuchtes Wasser aus den Bereichen der Reaktoren und Turbinen bereits kontinuierlich ins Meer gelangt. Um die Hintergründe näher aufzuklären, bräuchten er und andere Wissenschaftler weitere Daten. Doch Tepco mauert und gibt dazu keine Informationen heraus.
24.08.2013, 19:10 Uhr | t-online, AP/dpa
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