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Kritik an US-Elite: Kir Royal in D.C.

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Kritik an US-Elite: Kir Royal in D.C.

21.07.2013, 15:44 Uhr | Von Sebastian Fischer, Washington, Spiegel Online

US-Präsident Obama (auf Inaugurationsfeier): Nähe zu den Mächtigen  (Quelle: dpa)

US-Präsident Obama (auf Inaugurationsfeier): Nähe zu den Mächtigen (Quelle: dpa)

Abrechnung mit dem politisch-medialen Komplex: Reporter Mark Leibovich knöpft sich die selbstverliebte Elite im selbstverliebten Washington vor - und plaudert in einem Buch allerhand Geheimnisse über das Partyleben in Washington aus. Jetzt ist die Empörung groß.

Große Aufregung in DC: Die Hauptstadt der Nation winde sich in Krämpfen über die schneidende Herabsetzung ihrer intimen Kultur, schreibt voll krampfig-böser Poesie das Webmagazin Politico. Und der Ex-Sprecher von Bill Clinton sagt, hier sei Vertrauen gebrochen worden, weshalb das amerikanische Volk künftig wohl weniger Informationen erhalten werde.

Was ist passiert?

Foto-Serie: Top-Nachrichten des Tages

Hinter dem Ärger steckt Mark Leibovich. Der Mann ist Reporter bei der "New York Times", seine Politiker-Portraits sind große Kunst, und in dieser Woche hat er ein Buch veröffentlicht ("This Town"), das mit dem politisch-medialen Komplex Washingtons abrechnet. Den beschreibt Leibovich als recht inzestuös. Er macht das nicht säuerlich-verbittert, sondern süffig-ironisch. Was die Verärgerung noch mal multipliziert haben dürfte. Ketzerei kommt auch in Amerika gar nicht gut.

Selbstverliebt im selbstverliebten Washington

Jedenfalls: Das Buch ist der Renner, schon jetzt ein Bestseller bei Amazon, stapelweise liegt es in Washingtons Buchhandlungen. Wer als Journalist hier dieser Tage auf eine Party geht, sollte vorher wenigstens den Klappentext gelesen haben. Sonst gibt's ein Problem beim Small Talk.

Leibovich ist wie Baby Schimmerlos in Helmut Dietls grandioser Polit-Satire "Kir Royal" - nur andersherum. Beide finden ihre Geschichten vornehmlich auf Partys. Der eine schwimmt dafür gegen, der andere mit dem Strom. Leibovich schreibt über all die Polit-Parties mit ihren vermeintlich selbstverliebten Politikern, Lobbyisten, Journalisten im selbstverliebten Washington. In ist, wer drin ist. Ziel: Nähe zu den Mächtigen fürs eigene Fortkommen.

Da ist zum Beispiel Tammy Haddad ("The Tamster"), die mal beim Fernsehen war und jetzt die Partys organisiert, wo man sich so trifft: "Mein Job ist es, in der Nähe der erfolgreichsten Leute zu sein", wird sie von Leibovich zitiert. In diesem Sinne sammelte Haddad unermüdlich Spenden für die Epilepsie-Stiftung von David Axelrod ("Axe"), dem damaligen Chefstrategen von Barack Obama. Seitdem besucht Axe ihre Partys.

"Politico" hat Axe und Co. zu Popstars gemacht

Ist ein Mensch aus dem Weißen Haus zu Gast - je höher in der Hierarchie, desto besser -, dann ist die DC-Party ein Erfolg. Eigentlich war es ja die Idee von Team Obama, sich nicht in dieses "Washington Insider Game" hineinziehen zu lassen. Mit Politico - der "testosteronisierten Website, die Polit-Junkies in ihren Bann ziehen will wie der Sportsender ESPN die Fans" (Leibovich) - wollte man nichts zu tun haben. Aber es ist insbesondere Politico, das Axe und Co. bekannt und zu politischen Popstars gemacht hat. Und davon profitieren sie heute als hochbezahlte TV-Experten.

Leibovich zeigt, wie Amerikas Spitzenpersonal hinter den Kulissen um Aufmerksamkeit kämpft. Der verstorbene Richard Holbrooke, Obamas ungeliebter Sonderbeauftragter für Afghanistan und Pakistan, soll eine ganz besondere Taktik angewendet haben: Er folgte anderen aufs Klo. So beschreibt Leibovich, wie er dem Assistenten von Axelrod "Axe", ans Urinal folgte, um auf ein Gespräch mit dem Chef zu drängen. Die WC-Nummer scheint ein spezieller Tick von Holbrooke gewesen zu sein: Er habe sich nicht auf Urinale beschränkt, schreibt Leibovich und zitiert Hillary Clinton: "Richard folgte mir einmal in den ladies' room, um mit mir zu argumentieren." Pause. "In Pakistan!"

Herrlich die Geschichte des überambitionierten Kurt Bardella, Sprecher eines nicht weniger ambitionierten republikanischen Abgeordneten. Leibovich: "Im sozialen und geschäftlichen Leben ist es geboten, sich selbst aufzupumpen." Bardella also ist erfüllt von großartigen Gefühlen gegenüber sich selbst und findet das Buchprojekt von Leibovich derart fabelhaft, dass er dem Journalisten regelmäßig interne E-Mails weiterleitet: "Die können gewissermaßen als Tagebuch meines Jobs in dieser verrückten Welt gelesen werden." Natürlich kommt die Sache mit den E-Mails irgendwann raus - von Politico lange vor der Buchveröffentlichung enthüllt.

In ist, wer drin ist

Apropos Politico. Die Website mit ihren mittlerweile mehr als 100 Politik-Redakteuren treibt das Geschehen in Washington an, im Minutentakt. Und im Zentrum steht Mike Allen ("hyper- und nachtaktiv"), der jeden Morgen das "Playbook" verschickt. Dieser E-Mail-Newsletter, so Leibovich, habe sich "zum politisch-medialen Äquivalent jener Essenspillen entwickelt, mit denen Zukunftsforscher Mahlzeiten ersetzt sehen wollen". Das "Playbook", so sagt es einer von Allens Chefs, sei Washingtons Facebook. Tatsächlich, Allen trägt sogar die Geburtstage der Mitarbeiter von Abgeordneten ein. In ist, wer drin ist.

DC und Facebook, schreibt Leibovich, seien beide "riesige, wachsende Netzwerke". Er selbst - das gesteht er gleich zu Beginn des Buchs zu - ist jetzt seit 16 Jahren Mitglied im "Club" der Mächtigen und Großdeuter von DC. Er habe ziemlich viele Freunde - "auch ein paar echte".

Wie viele? Das wird sich wohl in den nächsten Tagen zeigen, wenn jeder Freund das Buch gelesen hat.

Mark Leibovich: This Town. Two Parties and a Funeral - Plus Plenty of Valet Parking! - in America's Gilded Capital. Blue Rider Press, New York. 20,40 Euro (bei Amazon erhältlich).

21.07.2013, 15:44 Uhr | Von Sebastian Fischer, Washington, Spiegel Online

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