10.11.2012, 14:23 Uhr | dapd, AFP, dpa
Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt: Der starke Mann bei den Grünen und die Überraschungssiegerin (Quelle: dpa)
Bundestags-Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt und Fraktionschef Jürgen Trittin sind die Spitzenkandidaten der Grünen für die Bundestagswahl 2013. Das haben die Mitglieder in der Urwahl entschieden, wie Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke bekanntgab.
Trittin erreichte 71,9 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen. Göring-Eckardt, der zuvor nur Außenseiterchancen eingeräumt wurden, erzielte 47,3 Prozent. Sie schlug damit die favorisierten Mitbewerberinnen Claudia Roth und Renate Künast.
Parteichefin Roth bekam einen Dämpfer. Sie erhielt nur 26,2 Prozent. Fraktionsvorsitzende Künast kam auf 38,6 Prozent. Lemke konnte nicht sagen, ob sich Roth beim Parteitag in einer Woche in Hannover nun wie geplant erneut als Parteichefin zur Wahl stellt. Dass sie dies auf jeden Fall vorhabe, hatte Roth jedoch vorab betont.
Die Basis habe sich für die Balance zwischen den Parteiflügeln sowie die Balance zwischen Kontinuität und Erneuerung entschieden, sagte Lemke. Die bundespolitisch bisher weniger in Erscheinung getretene Göring-Eckardt gehört dem realpolitischen Flügel der Grünen an, Trittin zum linken Flügel. Der ehemalige Umweltminister stehe für das ökologische Profil der Partei und sei ein Vorkämpfer für ein grünes Wirtschaftswunder. Göring-Eckardt habe sich als Anwältin der Ärmsten in der Gesellschaft und als Kämpferin für soziale Gerechtigkeit einen Namen gemacht. Lemke versprach einen "knallgrünen Wahlkampf".
Die Bundesgeschäftsführerin der Grünen sagte, sie sei selbst überrascht von dem Ergebnis gewesen. "Das Wahlergebnis war nicht das, was ich als wahrscheinlichstes vermutet hatte." Zwar hatte sich niemand eine Prognose zugetraut, doch galten intern die Varianten Trittin/Roth und Trittin/Künast als recht wahrscheinlich.
Göring-Eckardt hatte im Sommer monatelang abgewartet, ob sie überhaupt bei einer Urwahl antreten würde. Ihr 2009 übernommenes Amt als Präses der Evangelischen Kirche (EKD) lässt sie im Wahlkampf ruhen, erklärte die EKD. FDP-Vize Birgit Homburger forderte, dass Göring-Eckardt auch ihr Amt als Bundestagsvizepräsidentin niederlegt. Dies sei "ein Gebot der notwendigen Überparteilichkeit bei der Sitzungsleitung im Parlament".
Roth teilte im sozialen Netzwerk Facebook mit: "Ich gratuliere von Herzen Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt. Das ist Demokratie!" Trittin bedankte sich im Kurznachrichtendienst Twitter mit den Worten: "Vielen herzlichen Dank allen, die mich bei der Urwahl gewählt haben und Glückwunsch an meine Partnerin im Duo."
Bei den Sozialdemokraten stößt die Wahl von Göring-Eckardt und Trittin auf große Zustimmung. "Heute ist ein guter Tag für Rot-Grün", sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann. "Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin sind klasse Redner und gute Wahlkämpfer. Damit sind wir der Ablösung von Schwarz-Gelb einen großen Schritt näher gekommen." Er freue sich schon auf die Rededuelle mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Kanzlerkandidat Peer Steinbrück.
Das neue Spitzenduo will im Bundestagswahlkampf breite Wählerschichten ansprechen. Katrin Göring-Eckardt will die Wähler für das Ziel einer "besseren Gesellschaft" begeistern. Dazu zählten eine menschlichere Flüchtlingspolitik, gesellschaftliche Teilhabe von Migranten, echte Gleichberechtigung für Homosexuelle und mehr Demokratie, sagte sie bei einer Pressekonferenz nach Bekanntwerden des Wahlergebnisses. Mit "harten Fakten" solle "das Versagen" der amtierenden Regierung deutlich gemacht werden. Der Wahlkampf dürfe aber auch Spaß machen, versicherte Göring-Eckardt.
Trittin bezeichnete seine Kür als "Ehre und Herausforderung zugleich". Er sagte, die Partei müsse das gesamte Spektrum an Themen abbilden. Beide Kandidaten machten deutlich, dass sie nach der Bundestagswahl im kommenden Jahr die Ablösung von Schwarz-Gelb durch eine rot-grüne Koalition anstreben. Es gehe um "Grün oder Merkel", sagte Göring-Eckardt. "Deutschland braucht einen Kurswechsel", betonte Trittin. "Wir wollen einen grünen Wandel."
Unter den insgesamt 15 Bewerbern waren auch elf zuvor unbekannte Grünen-Mitglieder. In Regionalkonferenzen hatten sie sich gemeinsam den Fragen der Basis gestellt. Unter den beiden Kandidaten muss laut Satzung eine Frau sein. Es war das erste Mal, dass eine Partei in Deutschland ihre Spitzenkandidaten per Urwahl bestimmte.
36.533 der knapp 60.000 Grünen-Mitglieder hatten sich an der Urwahl per Brief beteiligt, also rund 62 Prozent. Die Mitglieder konnten jeweils zwei Stimmen abgeben. Knapp eine Woche hatten rund 50 Helfer in den Uferstudios im Stadtteil Wedding die Wahlbriefe ausgezählt.
Grünen-Chef Cem Özdemir erwartet keinen Karriereknick bei den Verlierern. "Ich glaube, niemand geht beschädigt aus der Urwahl davor." Özdemir hatte sich nicht für die Spitzenkandidatur beworben.
Quelle: dapd, AFP, dpa
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