Westernfan mit Steherqualitäten
Volksnaher Westernfan mit Steherqualitäten - Peer Steinbrück im Porträt13.05.2013, 15:10 Uhr | Georg Ismar, dpa
Volksnähe kann anstrengend sein. Sechs Stunden hat Peer Steinbrück schon mit Bürgern in einem Berliner Hotel diskutiert. Der Kanzlerkandidat kommt nicht zur Ruhe beim Bürgerkonvent, wo 300 per Los bestimmte Bürger im März ein bisschen am Wahlprogramm der SPD mitschreiben dürfen.
Elf Vorschläge kommen am Ende in das Programm. Steinbrück erweckt den Eindruck, Spaß zu haben. Aber er freut sich auch auf seine Abendgestaltung: «Heute Abend läuft Appaloosa im Fernsehen, den muss ich unbedingt gucken.»
Besser als der US-Western aus dem Jahr 2008 passt zur Ausgangslage des 66 Jahre alten Western-Fans vielleicht eine Handlung wie in "High Noon". Der von seiner Stadt im Stich gelassene Sherriff Kane stellt sich allein dem aussichtslosen Duell mit seinem Todfeind. Und Kane, auf den keiner mehr einen Penny wetten würde, setzt sich am Ende durch.
Es geht im Berlin des Jahres 2013 natürlich nicht um ein Duell Gut gegen Böse. Aber auch Steinbrücks Ausgangslage erscheint wie bei Kane hoffnungslos.
Und wenn er Pech hat, wird es ein klassisches Duell gar nicht geben, weil die Gegnerin nicht zum Showdown kommt, sondern durch geschicktes Entziehen die Oberhand zu behalten versucht. Angela Merkel ist so beliebt, dass sie gar nicht angreifen muss.
Und es stellt sich die Frage, wie schwer verwundet Steinbrück in die heiße Wahlkampfphase gehen wird. "Der Herausforderer hat sich, gewissermaßen beim Probeziehen seines Revolvers, erst mal selbst ins Knie geschossen", bilanzierte etwa Kurt Kister in der "Süddeutschen Zeitung" mit Blick auf den schwierigen Start der Kanzlerkandidatur.
Der frühere Finanzminister hatte schlicht nicht einkalkuliert, nach dem Ende der großen Koalition noch einmal eine große Rolle zu spielen - so hatte er schon mal mit lukrativen Vorträgen sein Konto für die Zeit als Privatier aufgebessert. Nun aber gilt er einigen Bürgern als gierig, überheblich oder unsympathisch - im Wahlkampf arbeitet er an einer Widerlegung dieser Zuschreibungen.
Der virtuose Umgang mit der Sprache, sein rhetorisches Talent sind neben der Finanzkompetenz das größte Plus des mit einer Lehrerin verheirateten Vaters von drei erwachsenen Kindern. Aber die klare Kante ist auch sein großes Risiko - die Schweiz war mächtig sauer, als er ganz im Western-Jargon dem Nachbarn in Sachen deutschem Schwarzgeld mit der Kavallerie drohte.
In der Schule blieb Steinbrück übrigens zweimal sitzen. Statt zu lernen, schoss er Lehrern lieber aus dem Paternoster heraus mit einem Blasröhrchen Erbsen auf die Beine.
Der gebürtige Hamburger studierte in Kiel Volkswirtschaft und Sozialwissenschaften. 1969 trat er zu Zeiten Willy Brandts in die Partei ein. Steinbrück war bisher meist ein Mann der Exekutive: Seine politische Karriere begann 1974 im Bundesbauministerium, führte ihn in das Forschungsministerium und schließlich als Referent ins Bonner Bundeskanzleramt.
Dort regierte Helmut Schmidt, der ihn heute geeignet hält für den Job des Kanzlers. Seinem Schachpartner es gleichzutun, scheint Steinbrück anzutreiben.
Von 1986 bis 1990 leitete er das Büro von NRW-Ministerpräsident Johannes Rau. Anschließend war Steinbrück bis 1998 in Kiel, unter anderem als Wirtschaftsminister, bevor er in Nordrhein-Westfalen bis zum Regierungschef aufstieg.
Nun muss er die Mühen eines schwierigen Wahlkampfes erleben, wo er - wie von ihm selbst prognostiziert - teils platt wie eine Flunder gemacht wird. Aber er hat große Nehmer- und Steherqualitäten. Ihm könnte zupass kommen, dass Steuerbetrug und Steuergerechtigkeit zunehmend in den Wahlkampffokus rücken.
Wie beim Bürgerkonvent haben auch seine Klartext-Veranstaltungen bei den Reisen durch die Bundesländer gezeigt, dass er im Dialog mit dem Volk Stärken hat - auch wenn er kein volksnaher Wahlkämpfer vom Schlag eines Gerhard Schröder ist.
Von einem Berliner Studenten ließ er sich spontan zum Wohnzimmergespräch einladen. "Ich sorge für kühles Bier und Kartoffelsalat, wenn Sie mir zusagen", lockte ihn der Student. Steinbrück: "Wie hoch ist das Durchschnittsalter Ihrer WG?" Antwort: 21. "Dann komme ich", versprach der 66-Jährige. Denn bisher sei er überwiegend bei Senioren gewesen, da stelle sich nicht der erwünschte Multiplikatoreffekt via Twitter und Facebook ein.
Der Wahlkampf an der Basis ist das eine, ihn sorgt aber - auch vor dem Hintergrund der Häme, die über ihn hereingebrochen ist - eine um sich greifende Politikerverachtung.
Und er ist überrascht über die Solidarität der SPD. Dabei hatte er in seinem Buch "Unter dem Strich" gelästert, dass in den Gremien erbittert um Spiegelstriche bei Texten gekämpft würde, "die außerhalb der SPD den Aufmerksamkeitswert von ablaufendem Badewasser haben".
Steinbrück sprach von Wortführern in der SPD, deren Einfluss in umgekehrtem Verhältnis zum persönlichen Wahlerfolg stehe. Er selbst hat bisher aber auch keine Wahl gewonnen.
Nach dem Wechsel Wolfgang Clements nach Berlin wurde er 2002 Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen, 2005 verlor er dort die Landtagswahl. Anschließend wurde er Bundesfinanzminister in der großen Koalition. Dort gab er zusammen mit Merkel den Deutschen 2008 das Gefühl, dass ihre Spareinlagen sicher sind.
Steinbrück hat sich zwei TV-Duelle mit Merkel gewünscht - aber sie gewährt nur eins. Sowohl gegen Gerhard Schröder als auch gegen Frank-Walter Steinmeier zog sie in den Augen vieler Zuschauer beim TV-Duell den Kürzeren.
Merkel fürchtete besonders Schröder als Wahlkämpfer - Steinbrück ist für sie selten ein echter Gegner. Fast schon präsidial kann sie auf dem nationalen und internationalen Parkett glänzen, während Steinbrück Wahlkampf von unten versucht.
Seine Hauptstrategie liegt darin, ein Ausweichen der Kanzlerin und ein Einlullen der Wähler mit einer Annäherung an SPD-Positionen nicht durchgehen zu lassen. So sei ein flächendeckender Mindestlohn von 8,50 Euro etwas anderes als branchenspezifische Lohnuntergrenzen. CDU und CSU klebten nur Etiketten auf leere Flaschen, poltert Steinbrück.
Aber bisher trauen viele Wähler Steinbrück und der SPD - gerade auch bei der Bewältigung der Euro-Krise - nicht so recht über den Weg. Kann er Merkel noch stellen? "Sie ist, wie ich zugebe, schwer anzugreifen, weil sie lange abwartet", räumt der Herausforderer ein. "Wenn sie den Finger hochnimmt, dann ist es nicht, um eine Richtung anzugeben, sondern um den Wind zu messen."
13.05.2013, 15:10 Uhr | Georg Ismar, dpa
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