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Günther Jauch: TV-Talk über die No-Go-Area U-Bahn

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Jauch-Kritik

No-Go-Area U-Bahn

09.09.2013, 09:54 Uhr | Frank Lansky, t-online.de

Gewalt, U-Bahn (Quelle: imago)

Traurige Realität in Großstädten: In U-Bahnen kommt es häufig zu Gewaltexzessen (Quelle: imago)

Überraschung am Sonntagabend: Die Bundestagswahl naht, die Euro-Krise schwelt, in Syrien steht ein Militärschlag offenbar bevor. Und dieses Thema setzte Günther Jauch auf die Tagesordnung: Tatort U-Bahnhof – machtlos gegen Jugendgewalt? Der Fernseh-Abend ließ den Zuschauer ein wenig frustriert zurück.

Der "Tatort: Gegen den Kopf" stellte die Weichen: Ein Halbstarker tritt in der U-Bahn zu und ein kräftiger Mann hat keine Chance. Dann dämmerte es: Der Krimi verband zwei Gewaltexzesse, von denen der Fall Dominik Brunner in München sich vor fast genau drei Jahren ereignete.

Attacke von München vor drei Jahren

Der Manager Brunner wurde am 12. September 2009 von den zwei Jugendlichen Markus Sch. und Sebastian L. am Münchener S-Bahnhof Solln aus Rache ermordet, nachdem er vier Schüler beschützt hatte. Der Haupttäter erhielt wegen Beihilfe zur versuchten räuberischen Erpressung und Mord eine Jugendstrafe von neun Jahren und zehn Monaten, der andere wegen versuchter räuberischer Erpressung plus Körperverletzung mit Todesfolge eine Jugendstrafe von sieben Jahren.

Weit skandalöser fiel jüngst das Urteil für den Tod am Alexanderplatz aus: Wegen des Todes von Johnny K. wurde der Haupttäter Onur U. – ein ehemaliger Amateur-Boxer – nach Jugendrecht zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. Trotz der gezielten Schläge und Tritte gegen den Kopf sahen die Richter keinen Totschlag und keine Mordabsicht. Besonders befremdlich: Der Richter bewertete die Berichterstattung der Presse explizit als strafmildernd. Leider galt solch eine Fürsorge nicht der Schwester des Getöteten: Die wurde vor dem Gerichtsgebäude von Freunden der Schläger auch noch eingeschüchtert.

Lasche Strafen nur ein Randthema bei Jauch

Doch lasche Strafen und verständnisvolle Richter interessierten die Jauch-Runde nur indirekt – dabei sprach einer der Studiogäste den Fall Johnny K. direkt an. Andreas Responde fand das Berliner Urteil lachhaft, der Haupttäter werde keine 30 Jahre alt sein, wenn er wieder auf freiem Fuß ist. Responde geriet einst selbst in die Hand von Schlägern – und weil einer von ihnen die Schuld auf sich nahm und sich entschuldigte, kam er mit neun Monaten auf Bewährung davon.

Das Opfer dagegen gab aus Angst, die Gruppe wiederzutreffen, seinen Job als Koch auf, wurde arbeitslos. Da er keine U-Bahn mehr bestieg, fuhr er nur noch mit dem Taxi und mit 20.000 Euro in die Miesen. Dem steht eine Entschädigung von 5000 Euro gegenüber.

Ein Richter meidet die U-Bahn

Der Richter damals war Andreas Müller – und der Studiogast erklärte das Urteil mit der Tatsache, dass lange niemand wusste, wer Zeuge und wer Täter war. Dabei gilt Müller als stahlharter Jugendrichter am Amtsgericht Bernau, der jährlich mehr als 600 Fälle von Jugendkriminalität verhandelt. Für einen Fall von Körperverletzung hat er gerade 170 Minuten Bearbeitungszeit. Müller fordert in seinem Buch "Schluss mit der Sozialromantik! – Ein Jugendrichter zieht Bilanz" Härte. Seine interessante These, dass sich ohne Nachlässigkeit die Zahl der Straftaten um rund 50 Prozent senken ließe, blieb leider unbeachtet.

Foto-Serie: Top-Nachrichten des Tages

Übrigens meidet Müller selbst die Berliner U- und S-Bahn, dort stand er jüngst einer Gruppe von aggressiven Jugendlichen gegenüber. Zudem kenne er die Dunkelziffer von Fällen, die niemals in die Medien gerieten – die Lage ist also schlimmer als bekannt.

Nur gut bewaffnet in die Ghettos

Und dann bezeichnete Müller in erfrischender Offenheit Gegenden in Berlin, in denen sich libanesische Großfamilien breitmachten, ebenfalls als No-Go-Area. Immerhin ein grotesker Lichtblick: „Wenn die Polizei gut genug bewaffnet ist, dann geht sie da auch rein.“ Noch vor Jahren habe es Ähnliches als „National Befreite Zonen“ nur unter Rechtsradikalen in Ostdeutschland gegeben.

Wie hilflos wirkte nun Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU): No-Go-Areas dürften nicht existieren, „es kann keine Kapitulation geben“. Wieso weicht dann der Staat vor Kriminellen zurück? Friedrichs Rezept beim Thema U-Bahn: Erhöhte Polizeipräsenz in der U-Bahn durch die Bundespolizei, eine verstärkte Kamera-Überwachung. Ansonsten verwies er auf die Hoheit der Bundesländer, von denen einige offensichtlich gehörig versagen.

Die Stadtstaaten versagen

Die Jauch-Redaktion half: Die Bundesländer mit den höchsten Kriminalitätsraten von Jugendlichen sind Berlin, Bremen und Hamburg, außerdem Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Die mit den niedrigsten Baden-Württemberg, Hessen und Bayern – hier wird der Warnschuss-Arrest schon intensiv angewandt.

Sozialarbeiterin Petra Peterich geht einen anderen Weg: Sie nimmt immer wieder Kriminelle in ihrem Haus auf, denen sonst der Knast droht. Peterich stellte sich vehement gegen eine sofortige Haft, woraus sich nach Hinweis auf ihre niedrige Rückfallquote von 25 Prozent – weniger als die Hälfte der Gefängnisse – fast so etwas wie eine Diskussion in der braven Runde entwickelt hätte. Schließlich argumentierte Richter Müller, dass sich Intensivtäter nicht von Verständnis beeindrucken lassen.

Harter Kern an Intensivtätern

Tatsächlich sind laut der Jauch-Redaktion nur fünf bis zehn Prozent der Täter für mehr als die Hälfte der schweren Delikte verantwortlich. Diese Intensivtäter haben laut Kriminologischem Forschungsinstitut Niedersachsen im Elternhaus meist selbst Gewalt erlebt, keinen oder nur einen niedrigen Schulabschluss, leben in Großstädten und haben oft einen Migrationshintergrund. Wieder Schweigen in der Runde zu diesen Fakten, die den „Tatort“ mit seinem aus gutem Haus stammenden Täter als politisch-korrektes Medien-Konstrukt abseits der Realität entlarvten.

Immerhin: Die Jugendkriminalität ist in den vergangenen fünf Jahren leicht aber kontinuierlich gesunken. Auch zwei zugeschaltete Straftäter aus der Jugendstrafanstalt Ichtershausen in Thüringen zeigten sich durchaus zufrieden mit dem Mix aus Haft und psychologischer Betreuung – beide wollen neu anfangen. Auch ein ehemaliger Schützling von Peterich äußerte sich positiv zur Betreuung, machte aber auch die Angst vor dem Gefängnis für seine Läuterung verantwortlich.

Nicht provozieren lassen

Außerdem gab der ehemalige Polizist Ralf Bongartz Tipps zum Umgang mit aggressiven Subjekten: Nicht provozieren lassen, nicht antworten. Fotografieren nur in der Gruppe – so hätten zehn Passanten in Köln mit ihren Handy-Fotos einen Raubüberfall gestoppt.

Bleibt also die Antwort auf die Frage im Titel der Jauch-Sendung: Tatsächlich ist der Staat keinesfalls machtlos gegen kriminelle U-Bahn-Schläger. Nur ist er offenbar in einigen Gegenden nicht willens, energisch einzugreifen. Ein weiterer Schwachpunkt scheinen zudem verständnisvolle Richter zu sein: Wieso ein Volljähriger, der wählen geht und zur Armee eingezogen wird, überhaupt nach Jugendstrafrecht abgeurteilt wird, erschließt sich nicht. Und da die Missstände noch lange nicht behoben sind, muss jeder nachdenken, wie er die urbanen Kampfzonen meidet oder sich im Notfall verteidigt.

09.09.2013, 09:54 Uhr | Frank Lansky, t-online.de

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