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Erdogan-Demo in Köln: Wer kommt am Sonntag - worum geht es?

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"Ein deutliches Machtsignal"  

Wer in Köln für Erdogan demonstriert - und wer nicht

30.07.2016, 12:18 Uhr | Christian Kreutzer mit Material von dpa

Erdogan-Demo in Köln: Wer kommt am Sonntag - worum geht es?. Mittel Juli: Türkeideutsche demonstrieren in Hamburg gegen den Putschversuch in der Türkei. (Quelle: dpa)

Mittel Juli: Türkeideutsche demonstrieren in Hamburg gegen den Putschversuch in der Türkei. (Quelle: dpa)

Bis zu 30.000 Menschen deutsch-türkischer Herkunft sollen es werden, die am Sonntag in Köln auf die Straße gehen. Offiziell demonstrieren sie gegen die Putschisten vom 15. Juli in der Türkei. t-online.de fragte mehrere Fachleute: Wer genau kommt am Sonntag nach Köln und worum geht es?

Die UETB ist für spektakuläre Veranstaltungen bekannt: Schon 2008 organisierte die "Union Europäisch-Türkischer Demokraten" den umstrittenen Auftritt des damaligen Ministerpräsidenten und heutigen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in der Kölner Lanxess-Arena. 20.000 kamen damals und jubelten frenetisch, als Erdogan sie vor der "Assimilation" in ihrer deutschen Wohnheimat warnte. 2013 folgte eine Solidaritätskundgebung für den Präsidenten, bei der dieser per Video zugeschaltet war.

"Um den Putschversuch geht es nicht"

Klar ist: Was auch immer die UETD bei ihrer Gründung 2004 war - heute gilt sie als Mobilisierungsverein für die Interessen von Erdogan und seiner AK-Partei (AKP) in Europa. Am Sonntag soll es offiziell um die Demokratie gehen. Oder genauer gesagt: Um eine Kundgebung gegen den Putschversuch des Militärs vor zwei Wochen.

"Um den Putschversuch geht es nicht", widerspricht der Nahost-Experte Udo Steinbach. "Es geht um eine machtvolle Demonstration für Erdogan und gegen die Kritik an ihm in Deutschland." Auch der Bochumer Politikwissenschaftler Ismail Küpeli stellt klar: "Die UETD will ein deutliches Machtsignal setzen. Es soll klar werden, dass die AKP mobilisieren kann, wenn sie will."

"Gegen alles, was dem Präsidenten nicht gefallen hat"

Für Erdogan und seine AKP ist Deutschland zurzeit ein rotes Tuch: Erst der Dauerfrust wegen des verweigerten EU-Beitritts. Dann - besonders gravierend - die Bundestagsresolution, die den Völkermord an den Armeniern offiziell anerkennt. Und jetzt, nach dem Putschversuch und den Verhaftungswellen, grämen sich Erdogan-Anhänger, dass ihr Idol in Deutschland als Diktator angesehen wird.

"Bei der Demonstration am Sonntag geht es gegen die deutsche Presse, die Erdogan ständig kritisiert und überhaupt gegen alles, was dem Präsidenten nicht gefallen hat", stellt Steinbach klar.

Erdogan-Anhänger wollen also Stärke demonstrieren. Doch wer wird ihrem Aufruf folgen? "Die, die kommen, werden vermutlich zu zwei Dritteln AKP-Anhänger sein", sagt Caner Aver von der Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung in Essen.

"30.000 sind eine große Hausnummer"

Vermutlich, sagt Aver, würden aber auch Nationalisten, Konservative und Sozialdemokraten dabei sein. "Da werden sie auch jede Menge Fahnen mit Atatürk sehen" - dem Gründer der türkischen Republik und Gegner jeder religiösen Einmischung in den Staat.

"Das Erdogan-Bashing der Medien", wie Aver die Kritik an der Überleitung zur Diktatur nennt, "wird von vielen als Türkei-Bashing verstanden." Er glaubt aber: "Die, die am Sonntag kommen, sind nicht der Durchschnitt." Es seien vielmehr diejenigen unter den Türkei-Stämmigen, die sich übermäßig stark in Richtung Türkei orientierten - statt nach Deutschland. "Das würde ich auch so sehen", pflichtet Steinbach bei.

Anders sieht es Politologe Küpeli: "Ich glaube schon, dass das der Durchschnitt ist. Vom Rest unterscheiden sich die Demonstranten nur dadurch, dass sie aktiver sind." Das zeige die große Zahl an Menschen, die dort erwartet würden: "30.000 sind schon eine große Hausnummer."

Warum aber orientieren sich Türkisch-Stämmige in Deutschland in Richtung Ankara, statt in Richtung Berlin? Was macht die emotionale Bindung an die Türkei so stark? Die Antwort ist einfach: "Die Erfahrungen - egal in welcher Generation - zeigen, dass es nach wie vor schwierig ist, in Deutschland anerkannt zu werden", erklärt Küpeli.

Er wolle das Thema Ausgrenzung nicht überbetonen, sagt der Experte. Aber alle Generationen von Türkisch-Stämmigen machten die Erfahrung. Und jede reagiere auf ihre Weise: Die Älteren konsumierten vor allem türkische Medien - inklusive deren geschöntem Türkei-Bild.

Wie groß ist die Gefahr von Ausschreitungen?

Das sei in der Dritten Generation zwar anders. Aber auch die Jungen fühlten sich in der Regel als Bürger zweiter Klasse. "Als junger Mensch will man Teil von etwas Großem sein", sagt Küpeli. "Man braucht eine starke Identität." Das biete Deutschland mit seiner grundsätzlichen Ausgrenzung  - bei gleichzeitiger Forderung nach Integration  - aber nicht.

Dabei seien jedoch lang nicht alle Deutschtürken Erdogan-Anhänger, erläutert der Türkei-Experte Roy Karadag von der Universität Bremen. "Unter den Deutschtürken gibt es zunehmend Konflikte darüber, wer hier eigentlich in ihrem Namen sprechen, agieren und mobilisieren kann", sagt der Politikwissenschaftler. Bei den Parlamentswahlen 2015 hatten knapp 50 Prozent der Wähler in Deutschland für die AKP gestimmt.

Am Sonntag dürften also vor allem Deutschtürken nach Köln kommen, die - ob Durchschnitt oder nicht - voll auf der Erdogan-Linie liegen. Darunter dürften AKP-Anhänger sein, aber auch konservative Nationalisten und Sozialdemokraten.

Viele von ihnen werden vermutlich aus Köln selbst sein - der "türkischen Hauptstadt in Deutschland" - sowie auch aus den konservativen türkischen Zentren im Ruhrgebiet, wo der Großteil der Türkei-Deutschen lebt (siehe Grafik). Fehlen werden türkische Linke. Kurdische Verbände und Anhänger der radikalen PKK wollen sich fernhalten, damit es nicht zu Ausschreitungen kommt.

Den Demonstranten gegenüber stehen Vertreter der Jugendorganisationen von SPD und Grünen, aber auch rechte Gruppen wie Pro NRW.

Ist mit Ausschreitungen zu rechnen? "Glaube ich nicht", sagt Aver. Die Organisatoren wüssten sehr genau, dass sie im Fokus von Öffentlichkeit und Behörden stünden.

Küpeli ist sich da nicht so sicher: "Das könnte schon passieren, wenn Einzelne aneinander geraten." Es komme vor allem darauf an, dass die rund 2000 Polizisten die Gruppen streng voneinander getrennt hielten.


Mehr interessante Grafiken gibt es bei Statista.com.

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