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25 Jahre Mauerfall: Der Soundtrack der Wende

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25 Jahre Mauerfall  

Der Soundtrack der Wende

04.11.2014, 10:36 Uhr | Lars Schmidt

25 Jahre Mauerfall: Der Soundtrack der Wende. Szene aus dem Film "ostPUNK! too much future" (Quelle: Egoli Tossell Film)

Szene aus dem Film "ostPUNK! too much future" (Quelle: Egoli Tossell Film)

"Ostrock" – das ist der Stempel, der das Bild von der Rockmusik in der DDR prägt. Verbunden mit den Namen Puhdys, Karat, City oder Silly. Doch im Wendejahr 1989 hatte sich ein großer Teil des Publikums längst von diesen Bands abgewandt. Musikalisch konnten sie der Stimmung im Land kaum einen Ausdruck geben. Den Soundtrack zum Untergang der DDR spielen andere: Die so genannten "anderen bands".

Denn am Vorabend der Wende brodelt es im musikalischen Untergrund der DDR. Punk, Ska, Dark Wave - seit Mitte der 1980er Jahre ist in der Subkultur eine blühende Musikszene entstanden. "Die Musik, die wir gerne hören wollten, gab es nicht. Also haben wir unsere eigene Musik gemacht", erinnert sich Makarios (54), der 1986 in Leipzig die Punkband Die Art gründet.

Die Stasi ist ständiger Konzertgast

Der Staat beobachtet diese Untergrundkultur zwar argwöhnisch, lässt sie aber zunehmend gewähren, weil er den Unmut der Jugendlichen dämpfen will. "Die Funktionäre konnten die Augen vor diesen Bands nicht länger verschließen", so Makarios. Doch Schikanen sind an der Tagesordnung. Konzerte werden unter fadenscheinigen Gründen verboten. Auch ist die Stasi ständiger Gast bei solchen Veranstaltungen. "Wir haben schon gemerkt, dass man uns auf dem Kieker hat. Obwohl wir keine politische Band waren", erzählt der Art-Sänger. "Aber wir haben einfach immer weiter gemacht."

Das Durchhaltevermögen zahlt sich aus. Im März 1986 bekommen "die anderen bands" im staatlichen Jugendradiosender "DT64" in der Sendung "Parocktikum" ihre Plattform. Für die einen ein Versuch staatlicher Vereinnahmung, für die anderen ein Forum für unangepasste Musik aus der DDR und dem Rest der Welt. Auf jeden Fall aber so ein Publikumsmagnet, dass das staatliche Plattenlabel "Amiga" 1988 einen LP-Sampler unter dem Titel "die anderen bands" veröffentlicht. Derweil organisiert die Jugendorganisation FDJ in Ostberlin Konzerte mit West-Stars wie Depeche Mode, Bryan Adams oder Bruce Springsteen, zu denen Tausende pilgern.

"Born in the GDR"

Springsteens Hit "Born in the USA", bei dessen Konzert von 160.000 Besuchern lauthals mitgesungen, bildet dann auch die Vorlage für die Wendehymne "Born in the GDR" der Cottbusser Punkband Sandow. Ironisch nimmt die Band die Zustände im Osten darin aufs Korn. Ans Verklausulieren kritischer Inhalte denkt dabei keine dieser Bands. Und so treffen ihre Texte und ihre Musik genau den Nerv vieler Jugendlicher. Die Musiker, selbst erst Anfang 20, teilen das Lebensgefühl ihrer Fans. Zudem produzieren ihre Songs selbst und vertreiben diese auf Kassetten, was zu einer schnellen Verbreitung und steigenden Popularität der "anderen bands" führt.

"Born In The GDR" von Sandow, gesungen bei einem Konzert im Jahr 2008.

Das Berliner Trio Feeling B darf 1989 sogar als erste ostdeutsche Punkband bei "Amiga" eine LP aufnehmen. Auch Die Art erhält so ein Angebot. Doch den "Amiga"-Bossen ist deren Lied "Wide Wide World" ein Dorn im Auge. Weil der Text angeblich zur Republikflucht aufrufe, soll er nicht auf die Platte. Die Musiker verzichten darauf auf den Plattenvertrag.

"Wide Wide World" von Die Art, gesungen bei einem Konzert im Jahr 2010.

Eine andere Hymne der Wendezeit schreibt die Gruppe Herbst in Peking mit "Bakschischrepublik". Wegen ihres Namens - obwohl aus der Literatur entlehnt - ohnehin schon verdächtig, wird die Band im Juli 1989 mit einem Auftrittsverbot belegt, weil sie mit einer Schweigeminute den Opfern des Massakers auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking gedenkt. Im November besingen sie dann den Einsturz des Systems und nehmen dabei den sozialistischen Personenkult aufs Korn.

"Bakschischrepublik" von Herbst in Peking, Auftritt im DDR-Fernsehen 1990.

Aufbruch in die neue Zeit

1990 erscheinen dann die Debütalben vieler "anderer bands". Auch Die Art sind mit ihrem Album "Fear" und dem Titel "Wide Wide World" dabei und starten richtig durch, wie Makarios berichtet: "Diese Zeit war ein Segen für uns. Wir hatten keine Probleme im Kapitalismus Fuß zu fassen." Aber viele der "anderen bands" zerbrechen bald. Sich im gesamtdeutschen Konkurrenzkampf der musikalischen Marktwirtschaft zu behaupten, gelingt nicht allen. Auch persönliche Gründe führen bei vielen Bands zum Aus, weiß der Sänger. Und mit der Abschaltung des Jugendsenders "DT64" 1992 verlieren sie ihre letzte Nische.

Doch allen Schwierigkeiten zum Trotz: Nach personellen Umbesetzungen oder zwischenzeitlichen Trennungen sind 25 Jahre nach der Wende viele der "anderen Bands" wieder aktiv. Anders als die in der DDR etablierten Gruppen, die heute auf der Ostalgiewelle schwimmen, haben sie sich eigene Inseln für ihre Kunst geschaffen, produzieren neue Songs, statt sich auf den alten Hits auszuruhen. Rückblickend sagt Makarios heute: "Unsere Lieder von damals stehen für ein ganz spezielles Aufbruchsgefühl. Sie haben diese ganz besondere Stimmung der Wendezeit verkörpert. Nicht umsonst habe ich "Wide Wide World" geschrieben." Ein bisschen Nostalgie sei aber auch dabei, gibt er zu.

Dass ihre Lieder wichtige Zeitzeugnisse sind und Bestand haben, hat man im vereinten Deutschland längst erkannt. So kam Sandows "Born in the GDR" auf die Compilation "Pop 2000 - 50 Jahre Popmusik" und Herbst in Pekings "Bakschischrepublik" auf die CD "Sound of Revolution", die 2009 anlässlich des 20. Jahrestages des Mauerfalls von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur herausgegeben wurde.

"Ja, Ja, Ja" von Die Skeptiker, Original-Video aus dem Jahr 1989.

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